Stand: 07.05.2018 18:14 Uhr

Antisemitismus: "Das Umfeld ist roher geworden"

Seit Anfang des Monats ist Felix Klein im Amt: Er ist der erste Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und für den Kampf gegen Antisemitismus.

Herr Klein, ist es ein gutes oder ein schlechtes Zeichen, dass Sie jetzt Ihre Arbeit aufgenommen haben?

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Felix Klein möchte jüdisches Leben in Deutschland sichtbarer machen.

Felix Klein: Es ist insofern ein gutes Zeichen, als die Politik in Deutschland mit der Einrichtung dieses Amtes anerkennt, dass trotz der vielen Maßnahmen, die bei der Antisemitismusbekämpfung bereits bestehen, dieses Problem vorhanden ist, und dass alle Maßnahmen noch besser zusammengeführt werden müssen, um effizienter zu werden. Insofern ist es eine gute Nachricht. Und auch, dass jüdisches Leben Teil meiner Aufgabenbeschreibung ist - das möchte ich gerne sichtbarer machen.

Sie haben inzwischen verschiedene Interviews gegeben und da immer wieder über eine Verrohung der Gesellschaft gesprochen. Wo sehen Sie die Hauptprobleme in dem jetzt von Ihnen zu beackernden Feld?

Klein: Das Hauptproblem ist, ein allgemeines Bewusstsein dafür zu schaffen, dass wir es hier mit einer Verrohung zu tun haben. Dazu tragen auch die sozialen Medien und das Internet bei, sodass die Gesellschaft als Ganzes begreift, dass wir da umsteuern müssen.

Auf welche Weise soll das gehen? Was sind die ersten Maßnahmen, die Sie ergreifen werden, um das in Gang zu setzen?

Klein: Zunächst müssen wir uns einen Überblick über die verschiedenen Formen von Antisemitismus verschaffen, wo er genau sitzt, um dann diese Maßnahmen in Gang zu setzen. Antisemitismus hat ja sehr viele Facetten: muslimisch motiviert, aber auch von der extrem Rechten, von der extrem Linken. Dann gibt es diese Verrohung, die ich allgemein beklage. Hier müssen wir zunächst das Lagebild ganz genau vor Augen bekommen.

Wie genau werden Sie das tun?

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Klein: Ich werde versuchen, ein bundeseinheitliches System der antisemitischen Vorfälle unterhalb der Strafbarkeitsgrenze aufzubauen. Das heißt, wir werden Pöbeleien, Dinge, die noch nicht der Polizei gemeldet sind, bundesweit besser erfassen können. Das gibt es bisher noch nicht, da bin ich mit verschiedenen Trägern in Berlin im Gespräch. Es gibt in Berlin die Recherche- und Informationsstelle gegen Antisemitismus, die auch mit der Polizei zusammenarbeitet - so etwas brauchen wir bundesweit.

Sie sagen, es gehe um Vorfälle unterhalb der Strafbarkeitsgrenze - wo genau ist denn Ihre Meldegrenze in diesem Bereich?

Klein: Es geht um Fälle, bei denen wir ganz klar Antisemitismus annehmen müssen. Hier hilft die Definition, die das Bundeskabinett in der letzten Sitzung vor der Bundestagswahl verabschiedet hat, ab wann ein Vorfall als antisemitisch einzustufen ist. Diese Definition muss verbreitet werden, und wenn sie richtig angewendet wird, dann haben wir ein sehr gutes Kriterium dafür, welche Fälle wir erfassen müssen und was auch da noch unterhalb liegt.

Erfassung und Kategorisierung - das ist der erste Schritt. Was folgt daraus? Wie wollen Sie dann aktiv werden, dass solche Taten sich reduzieren?

Klein: Hier kommen viele Maßnahmen in Betracht. An erster Stelle steht der Bereich Bildung und Erziehung. Es fängt ja schon in der Schule an, dass "Jude" als Schimpfwort leider an der Tagesordnung ist. Hier müssen wir durch Schaffung von Unterrichtsmaterialien gegensteuern, die auch muslimische Schülerinnen und Schüler ansprechen, aber auch alle anderen. Die Maßnahmen, die wir bereits haben, haben gezeigt, dass das nicht mehr reicht. Hier ist es sehr wichtig, dass wir Materialien finden, die alle ansprechen. Wir müssen Aufklärung betreiben, wir müssen Vorurteile gegen Juden und gegen jüdisches Leben wegbekommen. Das ist zum Beispiel möglich, wenn wir alle Schülerinnen und Schüler mit jüdischer Tradition und Kultur vertraut machen.

Hoffen Sie in diesem Zusammenhang auch auf Unterstützung der muslimischen Verbände? Wie sollte die idealerweise aussehen?

Klein: Die Unterstützung muslimischer Verbände ist ein Schlüssel dabei. Die sollte so aussehen, dass auch muslimische Verbände sich ganz klar gegen Antisemitismus wenden, dass sie begreifen, dass der Kampf gegen Antisemitismus auch für sie gut ist, dass er für sie ein positives Signal an die deutsche Gesellschaft sendet, auch als Zeichen der Integration. Und dass sie letztlich Solidarität besser einfordern können, wenn muslimische Schülerinnen und Schüler angegriffen werden, oder eine Moschee attackiert wird. Denn das gibt es natürlich auch.

Rückblickend auf die vergangenen Wochen könnte man sagen, dass schon etwas im Bewusstsein der Gesellschaft in Bewegung geraten ist: Es gab zahlreiche Aktionen wie etwa "Berlin trägt Kippa", der Echo in seiner jetzigen Form ist abgeschafft worden. Wie bewerten Sie das? Sind das schon erste Schritte auf einem Weg, auf dem Sie weitergehen möchten?

Weitere Informationen

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Klein: Ja, diese Schritte machen mir Mut, gerade auch das Ende des Echo, so wie er war, zeigt doch, dass es sich lohnt, aufzustehen und die Dinge zu kritisieren. Auch die Rolle der Medien war sehr gut, die dazu beigetragen hat, dass die öffentliche Meinung in Deutschland sich einhellig dagegen gewandt hat, dass, wenn es rote Linien gibt, wie etwa die Verhöhnung der Gefühle von Holocaust-Überlebenden, der Kommerz wirklich sein Ende hat. Da bin ich sehr zuversichtlich. Auch die Aufmerksamkeit der antisemitischen Fälle ist gestiegen. Wir hatten bereits vor sechs Jahren in Berlin eine Körperverletzung gegenüber einem Rabbiner - das wurde zwar auch aufgegriffen, aber jetzt ist die Aufmerksamkeit ungleich höher. Und das ist eine gute Waffe im Kampf gegen Antisemitismus.

Inwiefern hat der sich verändert?

Klein: Das Umfeld ist roher geworden: Es werden im Rap Texte gedichtet oder im Netz werden Wörter benutzt, die früher absolut undenkbar gewesen wären. Der Antisemitismus äußert sich unverhohlener, er ist auch insofern sichtbarer geworden, als dass über das Internet Dinge sofort verbreitet werden. Wir haben es hier also mit vielen Faktoren zu tun.

Sie sind vor allem Netzwerker und auch ein ausgezeichneter Musiker: Sie spielen in einem Streichquartett mit. Können Sie davon auch profitieren für Ihre jetzige Arbeit?

Klein: Ja, natürlich. Der erste Teil meiner Aufgabenbeschreibung heißt ja: Beauftragter für jüdisches Leben. Ich möchte gerne auch mit meinem Streichquartett dazu beitragen, dass jüdische Komponisten noch stärker ins Bewusstsein geraten, insbesondere auch solche, die im Holocaust ums Leben gekommen sind. Wir spielen diese Komponisten ja nicht nur deswegen, weil sie im Holocaust gestorben sind, sondern weil sie einfach gute Musiker waren. Wir wollen zeigen, was Deutschland mit jüdischen Musikern hatte. Wir wollen zur kulturellen Bereicherung beitragen und immer, wenn sich die Gelegenheit bietet, mache ich das gerne. Es ist lustig, wenn man als Redner auftreten muss und zwischendurch bei der musikalischen Umrahmung ins Streichquartett geht.

Das Interview führte Katja Weise

Felix Klein © dpa Fotograf: Rene Bertrand

Antisemitismus: "Das Umfeld ist roher geworden"

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Felix Klein ist der erste Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und für den Kampf gegen Antisemitismus. Auf NDR Kultur spricht er über seine Ziele.

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NDR Kultur | Journal | 07.05.2018 | 19:00 Uhr

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