Paternoster im Flüggerhaus © NDR

Faszination Paternoster: Wie der Aufzug nach Hamburg kam

Stand: 08.10.2020 17:12 Uhr

Robin Augenstein brennt für historische Aufzüge. Über die schreibt der Student seine Masterarbeit. Wir fahren mit Augenstein Paternoster: Im Hamburger Laeiszhof an der Trostbrücke.

von Stefanie Wittgenstein

Ein bisschen aufregend ist es schon jedes Mal, oder?

Robin Augenstein: Ja, auf jeden Fall! Und man riecht ja auch sofort die Ketten und Öle und die Mechanik ist ganz unmittelbar.

Warum ist oder besser gesagt warum war Hamburg eine Paternoster-Hochburg?

Augenstein: Also Hamburg hatte schon 1905 rund 80 Paternoster-Aufzüge in Betrieb. Der Grund dafür war, dass Hamburg sehr früh sogenannte Kontorhäuser besaß und dieser Gebäudetyp auch hier in Hamburg mitentwickelt wurde. Dafür brauchte man einfach Aufzüge, die in der Lage waren, schnell relativ große Menschenmengen durch die Stockwerke zu befördern.

In dem Zusammenhang war es ganz gut, dass die Kontorhäuser noch nicht diese Stockwerkshöhen besaßen. Wir sind jetzt im vierten Stock angekommen, das geht von der Fahrtzeit noch einigermaßen. Wenn Sie einen Wolkenkratzer mit 20 bis 30 Stockwerken hatten - wie es in den USA damals schon üblich war - hätte das nicht funktioniert mit dem Paternoster.

Erfunden wurden sie - oh, oh, jetzt geht’s kopfüber wieder runter ... (lacht)

Augenstein: (lacht) Ja, zum Glück nicht, aber man sieht hier die Förderkette, an der die Kabinen befestigt sind.

Ich habe jedes Mal ein bisschen Angst, muss ich sagen. Nein, das geht ganz normal wieder runter ... Erfunden wurden die Paternoster ja nicht in Hamburg sondern in England.

Robin Augenstein steht vor einem Paternoster im Hamburger Laeiszhof. © NDR Foto: Stefanie Wittgenstein
Robin Augenstein weiß alles über Paternoster - und schreibt seine Masterarbeit über historische Aufzüge.

Augenstein: Richtig. Dazu muss man sagen, dass das Paternoster-Prinzip, das ja auf den Rosenkranz referiert, schon in der Antike bekannt war: zum Beispiel im Zusammenhang mit Eimerschöpfwerken zur Entwässerung.

Aber der eigentliche Paternoster-Aufzug wurde in England erfunden. Als erstes als Transportmittel im General Post Office in London um 1875 von einem Techniker namens Turner - den Vornamen weiß man leider bis heute nicht. Und um 1880 wurde dieses Prinzip des Pakettransportes von Peter Hart für den Personen-Transport umgearbeitet. Ab 1883/84 wurde der Aufzug dann als Hart's Cyclic Elevator angeboten.

Und Hamburg war die erste Stadt, die den Aufzug außerhalb Englands eingebaut hat?

Augenstein: Genau. In London waren zwei Anlagen 1885 in Betrieb. Und Freiherr von Ohlendorff scheint eine dieser Anlagen wohl gekannt zu haben. Und der entschied sich dann, diesen Aufzug in das erste Kontorhaus unter seiner Bauführung, den Dovenhof, einzubauen.

Spannenderweise wird Hamburg auch deswegen als geeignete Stadt für den Paternoster angeführt, weil laut einer Eingabe der preußischen Polizeibehörde die Bewohner Hamburgs ja durch die Nähe zur Schifffahrt auch durchaus an körperliche Aktivitäten gewohnt waren. Und deswegen das Ein- und Aussteigen in den Paternoster leichter möglich war als beispielsweise für die ungeübten Berliner.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Kulturjournal | 08.10.2020 | 19:00 Uhr