Stand: 20.08.2020 18:58 Uhr

FFF: "Man malt zu sehr den Weltuntergang an die Wand"

Greta Thunberg, Luisa Neubauer und weitere Mitstreiterinnen der "Fridays for Future"-Bewegung haben bei einem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel ihrer Forderung nach mehr Engagement im Kampf gegen die Erderwärmung Nachdruck verliehen. Der junge Autor Clemens Traub war zu Beginn noch Unterstützer von "Fridays for Future", hat sich inzwischen aber von der Bewegung distanziert und in seiner Streitschrift "Future for Fridays?" seine wichtigsten Kritikpunkte formuliert.

Herr Traub, knapp 125.000 Menschen haben den offenen Brief von "Fridays for Future", über dessen Inhalte am Donnerstag diskutiert wurde, unterschrieben. Ich weiß nicht, ob Sie zu den Unterzeichnern gehören, aber sicherlich haben Sie die Forderungen gelesen. Was halten Sie davon?

Buchcover: Clemens Traub - Future for Fridays? © Quadriga Verlag
Clemens Traubs Streitschrift "Future for Fridays?" ist im Quadriga Verlag erschienen und kostet 14,90 Euro.

Clemens Traub: Ich habe den Brief nicht unterzeichnet, habe ihn mir jedoch durchgelesen. Ich finde es grundsätzlich großartig, dass es wieder so einen Ruck gibt, weil man in den letzten Wochen durch die Corona-Krise den Eindruck hatte, dass das Klima-Thema etwas darunter gelitten hat. Mich stört jedoch der Ton, der in meinen Augen zu apokalyptisch ist. Man malt zu sehr den Weltuntergang an die Wand, und der Brief beharrt zu sehr auf Maximalforderungen.

Vielleicht ist das eine Form von Verhandlung: Ich fordere das Maximum in der Hoffnung, dass die Politik mir dann entgegenkommt.

Traub: Das stimmt definitiv. Aber was ich sehr kritisch betrachte, ist, wie Menschen das wahrnehmen, denen es gerade nicht besonders gut geht, die durch Corona Angst haben, dass sie in ein paar Monaten vieleicht ihren Job los sind, die nicht wissen, ob es eine zweite Corona-Welle geben wird.

Heißt das, wir sollen das Thema Klima erstmal auf Eis legen, bis diese Krise überstanden ist?

Traub: Nein, das fordere ich gar nicht. Ich fordere nur, dass "Fridays for Future", das häufig als bürgerlichere, als vielleicht elitäre Bewegung wahrgenommen wird, hier ein starkes Zeichen setzen könnte, um sich auch auf die Seite derer zu stellen, die gerade diese Ängste und Sorgen haben. Das ist ein ganz wichtiger Schritt, den "Fridays for Future" jetzt machen muss, um zu zeigen, dass sie eine empathische Bewegung ist, die auch die Sorgen ganz viele anderer Menschen versteht.

Es geht hier also eher um den Kommunikationsstil, wie die Forderung gestellt werden, und weniger um die Inhalte. Die Notwendigkeit der Forderungen stellen Sie nicht in Frage, oder?

Traub: Genau, mir geht es ganz stark um den Kommunikationsstil. Es geht darum zu begreifen, dass man als eine so mächtige und einflussreiche Bewegung in der Öffentlichkeit nicht so auftritt, als ob es all diese Ängste und Sorgen in den letzten Monaten gar nicht gegeben hätte. Dieser Eindruck darf nicht entstehen, sonst wird der Verdruss von ganz vielen Menschen größer und die werden sich immer mehr von "Fridays for Future" distanzieren und dieser Bewegung immer kritischer gegenüberstehen.

Sie beschreiben die "Fridays for Future"-Bewegung als elitär. Was lässt Sie das glauben?

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Traub: Ich selbst bin Anfang letzten Jahres, als die "Fridays for Future"-Bewegung losging, in Frankfurt auf die Straße gegangen. Ich war absoluter Befürworter und fand es großartig, wie die jungen Menschen sich dort für ein besseres Klima engagiert haben. Aber ich selbst komme aus einem kleinen Dorf, und dort habe ich wahrgenommen, dass "Fridays for Future" dort viel kritischer betrachtet wurde. Das hat mich zur Erkenntnis gebracht, dass "Fridays for Future" nicht den Querschnitt unserer ganzen Bevölkerung abdeckt, sondern dass es vor allem junge, bürgerliche großstädtische Menschen sind, denen dieses Thema am Herzen liegt. Auf der einen Seite ist das nicht schlimm, weil die Menschen nichts dafür können. Aber auf der anderen Seite ist diese Selbsterkenntnis notwendig, um zu verstehen, wie man noch mehr Menschen erreichen kann. Es ist wichtig zu begreifen, dass man sich in seinen Wohlfühlzonen aufhält: an den Universitäten, an den Gymnasien, wo man sich sicher ist, dass man dort den Schulterklopfer seines Kommilitonen oder seiner Mitschülerin bekommt.

Aber wichtig ist doch die Frage, wie wir noch mehr Leute bewegen können und wie wir eine Bewegung werden können, die die gesamte Bevölkerung mitnimmt. Ich appelliere, dass "Fridays for Future" noch mehr rausgeht aus den Großstädten, vielleicht mal in ein Dorf, und dort versucht mit Kritikern zu sprechen. Ganz wichtig ist auch, dass die Aushängeschilder von "Fridays for Future" noch diverser werden, dass vielleicht auch Landeier und Arbeiterkinder an vorderster Reihe mitdemonstrieren und auch ein Interview halten dürfen.

Für wie nützlich halten Sie solche Veranstaltungen wie die Zusammenkunft am Donnerstag? Was da inhaltlich nach außen kommuniziert wird, ist meist eher vage.

Traub: Grundsätzlich finde ich es ein großartiges Zeichen von der Bundeskanzlerin, dass sie Luisa Neubauer und Greta Thunberg die Möglichkeit gibt, mit ihr zu sprechen. Das zeigt, dass diese Themen absolut ernstgenommen werden. Mich stört jedoch bei "Fridays for Future", dass vor lauter Apokalypse häufig diese innovative Diskussion darüber flöten geht, wie wir es schaffen können, eine Zukunftsvision zu gestalten, wie wir eine grüne Wirtschaft zum Beispiel gestalten können, die zukunftsfähig ist. Ich glaube, dass "Fridays for Future" dann ein viel größeres Stimmgewicht in der Politik haben könnte und auf eine viel größere Akzeptanz in der Breite der Bevölkerung stoßen würde.

Das Interview führte Alexandra Friedrich

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 20.08.2020 | 19:00 Uhr