Kerstin Gleba © picture alliance/Geisler-Fotopress Foto: Christoph Hardt/Geisler-Fotopress

"Es war eine schwierige Zeit für die Frankfurter Buchmesse"

Stand: 12.10.2020 15:58 Uhr

Es ist Frankfurter Buchmesse, die Special Edition, wie es auf der Homepage heißt. Und dort findet sie in diesem Jahr auch statt: auf dem Bildschirm.

Juergen Boos, der Direktor der Frankfurter Buchmesse, sagte dazu: "Erst hatten wir gehofft, dass die Messe tatsächlich physisch stattfinden kann. Dann haben wir daran gearbeitet, Hoffnung zu kreieren, indem wir trotz der Reiserestriktionen Menschen zusammen bringen, wie wir das in den vergangenen Jahren auch immer gemacht haben. Nicht physisch, sondern virtuell, beziehungsweise in kleinerem Rahmen in Frankfurt."

Virtuell, digital: die "so genannte" Buchmesse in diesem Jahr. Eine zweidimensionale Angelegenheit also? Was dürfen wir vom digitalen Bücherausstellen erwarten? Darüber spricht Kerstin Gleba, Verlegerin des Kiepenheuer und Witsch Verlags. Frau Gleba, Sie sind unterwegs, wo erreiche ich Sie denn?

Kerstin Gleba: Sie erreichen mich am Bahnhofsvorplatz in Köln. Wir sind heute Nacht aus Frankfurt gekommen, weil ganz kurzfristig unser Hotelzimmer storniert wurde. Wir waren dort mit unserem Buchpreis-Kandidaten Thomas Hettche, der mit seinem großartigen Roman über die Augsburger Puppenkiste "Herzfaden" nominiert war. Wir haben noch zusammengesessen, mussten aber nachts nach Hause. Ich bin jetzt schon wieder auf dem Sprung.

Das heißt Sie sind dann auch vor Ort? Man muss ja nicht unbedingt vor Ort sein - Sie könnten ja auch die ganze Woche am Rechner hängen.

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Eine Frau hält ein geöffnetes Buch halb vor ihr Gesicht. © photocase Foto: David-W

Frankfurter Buchmesse - was bleibt davon übrig?

Die Frankfurter Buchmesse wird in diesem Jahr aus einem Online-Angebot und Live-Veranstaltungen bestehen. Was ist davon zu halten? Ein Gespräch mit Ulrich Kühn von NDR Kultur. mehr

Gleba: Wir sind in Frankfurt mit einigen Autorinnen und Autoren und Veranstaltungen vor Ort. Durch die räumliche Nähe von Köln, wo der Verlag sitzt, und Frankfurt ist es möglich, auch zu einzelnen Veranstaltungen hinzufahren. Die Eröffnung der Buchmesse heute wurde vernünftigerweise abgesagt und findet ohne Gäste statt. Wir haben Autorinnen und Autoren im Römer und auf der ARD Bühne, zum Beispiel Mercedes Spannnagel und Andrea Petković. Michel Friedman und Harald Welzer werden am Freitag im Schauspielhaus in Frankfurt eine große Veranstaltung haben, ursprünglich geplant mit 600 Zuschauern, jetzt pandemiebedingt nur mit 80 Zuschauern im Publikum. Zudem finden auch physische Veranstaltungen statt und - sofern es geht - versuchen meine Kolleginnen und Kollegen aus dem Verlag und ich dort präsent zu sein.

Wie war das für Sie, sich auf dieses digitale Bücherausstellen vorzubereiten. Wie muss ich mir das konkret vorstellen? Was war anders in diesem Jahr?

Gleba: Wir haben uns seit der Absage der Leipziger Buchmesse im März und des Festivals lit.Cologne drastisch umgestellt. Natürlich hatten wir die Hoffnung, dass die Frankfurter Buchmesse weitgehend wie gewohnt stattfinden kann, aber wir waren auch realistisch genug zu sagen, dass das nicht sicher ist. Insofern haben wir uns parallel vorbereitet, sowohl physisch als auch digital. Was wir ganz deutlich gelernt haben, ist, dass wir als Verlage und als Veranstaltungsbranche professioneller in der Art werden müssen, wie wir unsere Bücher und Lesungen digital präsentieren. Das war im März teilweise noch sehr kurzfristig vorbereitet und technisch manchmal doch auch ruckelig. Jetzt haben wir wirklich schöne Konzepte entwickelt, um in dieser besonderen Lage trotzdem die Bücher zu den Leserinnen und Lesern zu bringen.

Ein Vorwurf an die Buchmessemacher lautet auch, sie hätten zu spät auf das Digitale gesetzt und sich zu lange an die Hoffnung auf eine reale Messe geklammert. Ist das auch Ihr Eindruck?

Gleba: Es war eine schwierige Zeit für die Frankfurter Buchmesse. Dass die Messeleitung versucht hat, daran festzuhalten, finde ich verständlich. Wir waren von Beginn an im Gespräch mit der Frankfurter Buchmesse, hatten allerdings auch das Gefühl, dass dieser Tanker "Buchmesse" zu groß ist. Dort sind so viele unterschiedliche Branchen, Verlage und Interessen unter einen Hut zu bringen. Parallel dazu mussten wir uns individuell für unsere Autorinnen und Autoren und für unsere Bücher auf einen digitalen Auftritt vorbereiten. Insofern haben wir jetzt die gute Situation, dass wir als Verlag sehr gute Konzepte entwickelt haben und die auch in den digitalen Auftritt der Frankfurter Buchmesse einbinden können.

Vermissen Sie nicht das Persönliche, auch dieses Haptische, am Buch?

Gleba: Total. Man muss ja mit der Situation umgehen, wie sie sich darstellt, und versuchen, sie so gut wie möglich zu gestalten. Und das haben wir gemacht. Dennoch ist die physische Buchmesse etwas, was uns fehlt. Die Zusammenarbeit zwischen Verlagen, Veranstaltern, Medienvertretern und Autorinnen und Autoren funktioniert so gut, weil man sich kennt und sich in einem physischen Raum kennengelernt hat. Oft kann man auf langjährig gewachsene Beziehungen zurückgreifen und neue knüpfen. Die diesjährige Situation ist eine Ausnahmesituation und ich finde es wirklich bewundernswert, was viele Verlage und auch wir auf die Beine gestellt haben. Dennoch hoffe ich sehr stark, dass wir in absehbarer Zeit zu größeren Live-Veranstaltungen zurückkehren können.

Was ist Ihre Prognose? Bleibt diese Experiment-Buchmesse eine Ausnahme? Wohin wird sie zurückkehren und wollen wirklich alle Verlage wieder genau die Buchmesse haben, wie wir sie kennen und lieben?

Gleba: Ich gehe davon aus, dass alle in der Branche ein großes Interesse daran haben, die größte Buchmesse der Welt wieder in alter Pracht aufleben zu lassen. Allerdings mit neuen Erkenntnissen und vielleicht ein bisschen weniger opulent. Das Digitale wird von jetzt an immer stärker mitbedacht werden. Insofern wird es eine - das wäre mein Wunsch - physische Buchmesse geben, die von Anfang an darüber nachdenkt, wie das, was hier passiert, auch für den Menschen getragen werden kann, die nicht vor Ort sein können, also digital und ins Virtuelle verlagert.

Das Interview führte Andrea Schwyzer.

Kerstin Gleba © picture alliance/Geisler-Fotopress Foto: Christoph Hardt/Geisler-Fotopress

AUDIO: Wie geht digitales Bücherausstellen? (7 Min)

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NDR Kultur | Journal | 13.10.2020 | 18:00 Uhr