Dr. Stefan Heße, Bischof vom Erzbistum Hamburg © Erzbistum Hamburg/Guiliani/von Giese co-operation Foto: Guiliani/von Giese co-operation

Erzbischof Heße bietet Rücktritt an: "Folgerichtiger Schritt"

Stand: 18.03.2021 19:00 Uhr

Heute ist das zweite Gutachten zum Umgang mit Missbrauchsvorwürfen im Bistum Köln veröffentlicht worden. Ein Gespräch mit dem Leiter der Redaktion Religion und Gesellschaft, Florian Breitmeier.

Stefan Heße, Erbischof der Diözese Hamburg © Markus Scholz/dpa Foto: Markus Scholz
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Herr Breitmeier, es rollen jetzt regelrecht Köpfe. Was ist geschehen?

Florian Breitmeier: Am späten Nachmittag ist der Hamburger Erzbischof Stefan Heße vor die Presse getreten. Er war ja früher Kölner Personalchef und Generalvikar im Erzbistum Köln. In dem Gutachten wurden ihm insgesamt elf Pflichtverletzungen im Umgang mit Verdachtsfällen sexualisierter Gewalt vorgeworfen, also eine vergleichsweise hohe Zahl. Stefan Heße hat erklärt, dass er in seiner Eigenschaft als Kölner Personalchef und als Generalvikar die Fälle nach bestem Wissen und Gewissen behandelt habe. Er habe nichts vertuscht, aber er wolle sich seiner Verantwortung stellen. Er sieht heute viele Dinge ganz anders, als es damals der Fall gewesen ist. Er hat dann dem Papst seinen Amtsverzicht angeboten und ihn gebeten, ihn mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben zu entbinden.

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Stefan Heße © picture alliance / dpa Foto: Axel Heimken

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Er hat ja monatelang seine Unschuld beteuert. Kann man ihm nicht trauen, oder kann man dem Gutachten nicht trauen? Sind da Schlüsse nahegelegt, denen wir auch skeptisch gegenüber stehen müssen?

Breitmeier: Das Gutachten hat 900 Seiten, und es sind mehrere tausend Seiten Dokumente, die da aufgelistet wurden. Stefan Heße hat natürlich nicht alle diese Dokumente in seinem Schrank gehabt, vieles musste er in der Erinnerung sicherlich wägen. Ihm jetzt einen Vorwurf daraus zu machen, dass er diese Fälle in der ganzen Komplexität ganz anders eingeschätzt hat - das finde ich nicht fair. Er hat gesagt, es sei durch die Präsentation dieses Gutachtens noch einmal wie ein Spiegel gewesen, den man ihm vorgehalten habe. Und nun hat er daraus die Konsequenzen gezogen.

Natürlich ist in den vergangenen Wochen und Monaten immer wieder über Fälle berichtet worden, die ihm vorgeworfen wurden, zum Beispiel die Nichtanfertigung eines Protokolls nach der Befragung eines beschuldigten Geistlichen; dies ist zwingend vorgeschrieben nach den Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz. Aber da hat Stefan Heße keine solche Erklärung abgegeben, die ihm Ruhe beschert hätte. Und so ist dieser Schritt seinen Rücktritt anzubieten, ein folgerichtiger, denn elf Pflichtverletzungen sind dann doch eine ganze Menge.

Stefan Heße ist von sich aus zurückgetreten - Kardinal Woelki hat heute Morgen zwei Würdenträger im Bistum Köln von sich aus beurlaubt. Wer sind diese Menschen und was haben die sich zu Schulden kommen lassen?

Breitmeier: Das ist zum einen der frühere Generalvikar und Weihbischof des Erzbistums Köln, Dominikus Schwaderlapp. Der hat heute auch dem Papst seinen Rücktritt angeboten, denn nur der Papst kann so ein Rücktrittsgesuch annehmen. Ein Bischof der katholischen Kirche kann nicht einfach zurücktreten. Aber Kardinal Woelki hat ihn von seinen Aufgaben entbunden. Der zweite, das ist der Kirchenjurist des Erzbistums Köln, der auch vorübergehend von den Aufgaben entbunden ist. Woelki hat das getan, was er vorher angekündigt hat: Denn wenn Würdenträger aus seinem Erzbistum sich pflichtwidrig verhalten haben, dann müssten sie damit rechnen, von ihm vorläufig von den Aufgaben entbunden zu werden.

Und wie steht Kardinal Woelki selber da?

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Stefan Heße, Erzbischof der Diözese Hamburg © picture alliance / dpa Foto: Markus Scholz

Pflichtverletzungen: Gutachten belastet Erzbischof Heße

In einem Gutachten zum Umgang mit Missbrauchsfällen im Bistum Köln werden dem Hamburger Erzbischof Pflichtverletzungen bei der Aufarbeitung vorgeworfen. mehr

Breitmeier: Zunächst mal mit einer weißen Weste. Denn die Juristen, die der Kölner Erzbischof beauftragt und auch bezahlt hat, haben ihm in diesem Gutachten keine einzige Pflichtverletzung vorgeworfen. Übrigens, wie Professor Gercke schon mal aus dem Nähkästchen plauderte, haben das auch nicht die Anwälte der Münchener Anwaltskanzlei getan. Denn dieses Gutachten hatte Kardinal Woelki wegen äußerungsrechtlicher Mängel unter Verschluss gehalten. In beiden Gutachten haben die Auftraggeber des Erzbischofs dem Kölner Kardinal keine Pflichtverletzung vorgeworfen. Das heißt aber für mich noch lange nicht, dass die Diskussionen um Kardinal Rainer Maria Woelki und dieses Kommunikations- und Aufarbeitungsdesaster in Köln beendet sind. Denn da ist sehr viel Porzellan zerschlagen worden und Vertrauen kaputtgegangen. Und es gibt nicht nur eine juristische Perspektive auf dieses Gutachten, denn die Betroffenen sexualisierter Gewalt wurden zum Beispiel gar nicht gehört. Es wurden keine soziologischen, kriminologischen Aspekte berücksichtigt, und es wurden auch keine Kinderschutz-Experten gehört. Es muss also gar nicht ausgeschlossen sein, dass die Diskussionen um Kardinal Woelki und dessen Umgang mit Missbrauchsfällen in der jüngsten Vergangenheit noch einmal Thema werden.

Schon am nächsten Dienstag soll die Diskussion weitergehen. Was erwarten Sie da?

Breitmeier: Da sollten eigentlich personelle Konsequenzen verkündet werden. Ich war überrascht, dass Kardinal Woelki das heute schon tat. Ich vermute, dass der Kölner Jurist, der dort für das Kirchengericht zuständig ist, wahrscheinlich auch von sich aus sagen wird, dass er nicht mehr im Amt bleiben will. Über das berufliche Schicksal des Erzbischofs Stefan Heße und des Weihbischofs Dominikus Schwaderlapp wird der Papst entscheiden.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 18.03.2021 | 18:00 Uhr