Stand: 18.05.2020 17:47 Uhr

Erstes Corona-Buch hilft Kulturschaffenden in Not

Seit vergangener Woche liegt das erste Corona-Buch vor: 35 teils namhafte Autorinnen und Autoren haben Kurztexte - überwiegend Prosa, aber auch Essays und Lyrik - für eine Corona-Benefiz-Anthologie geschrieben. Initiiert und organisiert hat das Alexander Broicher, selbst Schriftsteller und Herausgeber aus Berlin.

Herr Broicher, "Benefiz" klingt gut. Wer hilft hier wem und wie?

Alexander Broicher © Alexander Broicher
Alexander Broicher ist Schriftsteller, Drehbuchautor, Herausgeber und Verleger.

Alexander Broicher: Wir spenden alle Erlöse aus diesem Buch an die Kunst-Nothilfe - das ist eine gemeinnützige Organisation, die das Elinor-Netzwerk in Zusammenarbeit mit der GLS Bank ins Leben gerufen hat. Wir spenden an alle in Not geratenen Kulturschaffenden. Das betrifft nicht nur Schriftsteller, sondern auch Schauspieler, Musiker - also alle, die momentan durch die Pandemie nicht arbeiten können und existenziell bedroht sind.

Wer sind die "wir", von denen Sie reden?

Broicher: Wir, das sind die 35 Autorinnen und Autoren, die im Buch vereint sind. Alle haben ihre Texte gespendet, und wir als Verlag arbeiten kostenlos im Hintergrund und vertreiben dieses Buch. Das Buch ist auch sehr günstig: Es kostet 14,90 Euro. Ich denke, für 35 namhafte Autorinnen und Autoren ist es ein sehr guter Preis. Dennoch gehen alle Erlöse direkt in die Hilfe.

Die Liste der Beteiligten beeindruckt: Dabei sind unter anderem Benedict Wells, Sibylle Berg, Friedrich Ani, Miku Sophie Kühmel, Jan Brandt, Moritz Rinke, David Wagner und Michel Birbaek. Wie war die Resonanz Ihrer Kolleginnen und Kollegen auf Ihren Aufruf?

Buchtipp

Tage wie diese. In Zeiten des Abstands
von Alexander Broicher (Herausgeber)
Verlag: fineBooks
Seiten: 204 Seiten
ISBN: 978-3948373207
Preis: 14,90 Euro

Broicher: Das Feedback war überwältigend. Ich habe eine Art Anschreiben formuliert. Viele kenne ich aus der Arbeit mit anderen Anthologien, und die meisten haben sofort zugesagt. Es gab auch einige, die ganz dankbar reagiert haben, weil sie sich vorher wie gelähmt gefühlt haben und ganz froh waren über den Ansatz, etwas schreiben zu dürfen, was einem anderen Zweck als sich selber dient, einem höheren Ziel. Das hat für viele den gordischen Knoten zum Platzen gebracht und dazu geführt, dass sie wieder produktiv geworden sind. Dieses Feedback habe ich mehrfach bekommen.

Wie viel ist in den 35 Texten von der aktuellen Situation - Shutdown, Corona-Situation, Pandemie - zu lesen?

Broicher: Wir haben bewusst gesagt, dass der Ansatz kein Corona-Tagebuch sein sollte. Wir haben in der Tat eine Person, die ein Corona-Tagebuch geschrieben hat: ein sehr bekannter Mann aus Berlin, der das durchleben musste, der auch auf der Intensivstation war. Ich habe noch nie einen persönlichen Bericht von jemandem gelesen, wie sich das überhaupt anfühlt, und mich gewundert, dass das so viele Schmerzen bereit. Das ist die einzige Geschichte direkt zum Thema Virus. Bei den meisten anderen Geschichten geht es mehr darum, wie der Mensch diese Situation verarbeitet. Denn den Menschen als Säugetier zeichnet nicht aus, dass er besonders schnell läuft oder besonders gut ohne Kleidung in der Natur leben kann - sondern er ist besonders anpassungsfähig. Das ist seine evolutionäre Kraft. Wir haben hier die Frage verarbeitet, wie man emotional, menschlich, mental mit so einer Krise umgeht.

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Viele Geschichten schwingen nicht um eine Krise oder um einen Virus, sondern es geht auch um die Lust am Leben. Benedict Wells zum Beispiel schreibt eine Geschichte über Barcelona. Wir haben Geschichten, wie jemand das Kochen zur Meditation erhebt. Oder wo man das Social Distancing über Social Media spiegelt und feststellt, dass die Leute das schon längst vorher freiwillig gemacht haben, indem sie das Internet viel mehr nutzen als den realen Kontakt.

Wie reagieren die Leserinnen und Leser? Wir haben gefühlt einen Corona-Overkill - will man das jetzt auch noch als Literatur lesen?

Broicher: Der Ansatz war von vornherein, dass wir kein Corona-Tagebuch wollten, keine Bespiegelung des Ist-Zustands, denn das hätte uns auch nicht interessiert. Wir haben daher etwas gemacht, von dem wir denken, dass es auch nach dem Shutdown noch interessant und lesenswert ist. Wir haben es auch bewusst "In Zeiten des Abstands" genannt, und diesen Abstand werden wir wohl noch länger einhalten müssen. Von daher unterscheiden sich die Texte von der Berichterstattung: Sie reflektieren, wie der Mensch dabei fühlt und was es mit einem macht, ohne auf das Biologische oder die tatsächlichen Umstände eingehen zu müssen.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 18.05.2020 | 19:00 Uhr