Stand: 10.08.2020 15:20 Uhr

Erster Internationaler Tag gegen Hexenwahn

von Jan Ehlert

Wenn wir in Deutschland über Hexen reden, dann denken wir zumeist an die Märchen der Gebrüder Grimm - vielleicht auch an die Hexenverfolgungen im 16. und 17. Jahrhundert. Doch das ist lange her: Die letzte Frau, die in Deutschland wegen des Vorwurfs der Hexerei verurteilt wurde, starb im Jahr 1773. Aber Hexenverfolgungen gibt es noch immer. Darauf will das katholische Hilfswerk missio aufmerksam machen - mit dem erstmals ausgerufenen Internationalen Tag gegen Hexenwahn.

Es sind grausame Szenen, die sich Ende Juli dieses Jahres in Ghana abspielen: Die 90-jährige Akua Denteh wird von einem Mob wütender Dorfbewohner geschlagen, gesteinigt, schließlich in Brand gesetzt. Der Grund für den Mord: Denteh wurde vorgeworfen, eine Hexe zu sein. International erregte der Tod Akua Dentehs nur wenig Aufmerksamkeit. Überhaupt wird über Hexenjagden nur wenig berichtet. Dabei werden nicht nur in Ghana auch im 21. Jahrhundert immer wieder Menschen verfolgt, gefoltert und hingerichtet, weil sie angeblich ihre Mitmenschen verhext haben sollen, sagt Jörg Nowak vom katholischen Hilfswerk missio:

Eine brennende Gliederpuppe steht symbolisch für eine Hexenverbrennung. © imago images / Shotshop
In einigen Ländern der Welt werden noch heute Menschen wegen vermeintlicher Hexerei verbrannt. (Symbolbild)

"Wir haben uns die Mühe gemacht, in einer ausführlichen Recherche mal zusammenzustellen, welche Quellen denn noch auf andere Regionen hinweisen. Das Erschreckende ist, dass wir jetzt aktuell auf 36 Länder der Welt gekommen sind, wo solche Menschenrechtsverletzungen unter Vorwürfen, dass jemand eine Hexe ist, verübt werden."

In 36 Ländern werden noch immer "Hexen" verfolgt

Die meisten dieser Menschenrechtsverletzungen finden in Afrika statt, aber auch in Mexiko, Bolivien, Kambodscha oder Syrien. Weltweit wurden In den vergangenen 60 Jahren mehr Menschen als vermeintliche Hexen und Hexer getötet als in 350 Jahren europäischer Hexenjagden zusammen, schätzt der Historiker Werner Tschacher.

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Hexenverbrennung im 16. Jahrhundert (Ausschnitt; Foto, koloriert, nach Gemälde um 1860) © picture-alliance/ akg-images

Hexenverfolgung in Norddeutschland

In der Zeit zwischen 1450 und 1750 wurden in West- und Mitteleuropa Zehntausende Menschen, in der Mehrzahl Frauen, als vermeintliche Hexen hingerichtet - auch in Norddeutschland. mehr

Die Gründe dafür sieht Jörg Nowak vom Hilfswerk missio aber oft in ganz weltlichen Begierden: "Das geht absurderweise teilweise auch in die Familien rein oder in die Dorfgemeinschaften, dass jemand Begehrlichkeiten hat, was das Grundstück des Nachbarn betrifft. Oder es gab einen Konflikt innerhalb einer Familie, die ich in Papua-Neuguinea getroffen habe, wo die Brüder neidisch und eifersüchtig waren auf ihre Schwester, die sehr selbstbewusst war und auch eigene Ansprüche hatte. Und die Brüder haben sie dann wirklich als Hexe bezeichnet und sie ist haarscharf mit dem Leben davongekommen."


Von Hexenwahn und Aberglauben vergiftete Gesellschaften

Christina, so heißt diese Frau, wurde am 10. August 2012 von einer wütenden Menschenmenge gefesselt und mit glühenden Eisen gequält. Erst Tage später konnte sie sich retten. Um an ihren Fall zu erinnern, habe man sich für den 10. August als Datum des Internationalen Tag gegen Hexenwahn entschieden, sagt Jörg Nowak: "Für mich ist sie wirklich eine der stärksten Frauen der Welt. Was sie erlitten hat, ist unglaublich. Und sie will dagegen ankämpfen, sie will für die anderen Frauen sprechen und ich finde es wichtig, dass man dieser Frau eine Stimme gibt."

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Tod einer Hexe auf dem Scheiterhaufen © bpk

Späte Würdigung für eine "Hexe"?

Als eine der Ersten wurde Katharina Hanen 1444 in Hamburg als "Hexe" hingerichtet. Eine Onlinepetition forderte 2016 eine Straße nach ihr zu benennen, um an die Opfer der Verfolgung zu erinnern. mehr

Das Hilfswerk missio versucht, Aufklärung zu leisten und geht in die Schulen und spricht mit den Dorfgemeinschaften. Doch in Papua-Neuguinea ist es noch ein langer Weg, sagt Jörg Nowak: "Weil die ganze Gesellschaft relativ stark von diesem Hexenwahn und von diesem Aberglauben vergiftet ist. Ich glaube, das ist ein ganz, ganz langer Prozess, bis sich da etwas ändert."

Und auch für Christina ist der Alptraum noch nicht vorbei: "Weil die Täter noch immer auf freiem Fuß sind", sagt Jörg Nowak. "Die Namen sind bekannt, es gibt Fotos von den Tätern, aber Christina und unsere Projektpartnerin, Schwester Lorena, sagen: 'Wenn wir jetzt vor ein ganz normales Gericht ziehen und die Täter anklagen würden, wären wir in den nächsten Tagen tot.'"

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 10.08.2020 | 15:20 Uhr