Stand: 22.10.2017 15:36 Uhr

Ersan Mondtags "Orestie" macht nachdenklich

von Anja Martini
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Was bewirkt die Meinung der Masse? Dieser Frage geht Regisseur Ersan Mondtag mit seiner Inszenierung am Hamburger Thalia Theater nach.

Der Vorhang geht auf an diesem Premierenabend im Thalia-Theater und auf den ersten Blick sieht man alles, was zu einer Inszenierung Ersan Mondtags gehört: ein großzügiges vielversprechendes Bühnenbild und schillernde Kostüme, die diesmal aussehen wie Rattenfell. Dazu tragen die Schauspieler Nasen mit langen Tasthaaren und Perücken in Lila, Schwarz und Rosa, außerdem hohe Plateauschuhe. Und es gibt Männer in Frauenrollen.

Die Spirale der Gewalt

Mondtag hat sich einen Klassiker der Weltliteratur gegriffen - Aischylos' "Die Orestie". Es geht um Schuld, Rache und Sühne. Agamemnon, König von Argos, kommt aus dem Krieg um Troja heim. Er wird von seiner Frau Klytaimnestra und deren Geliebten Aigisth ermordet. Es ist eine sogenannte Blutrache, weil Agamemnon die gemeinsame Tochter Iphigenie auf dem Schlachtfeld geopfert hat. Klytaimnestra verstößt ihre beiden anderen Kinder Elektra und Orest. Auch sie wollen Rache und so töten sie ihre Mutter und deren Geliebten. Würde die Spirale der Gewalt weitergehen, müsste nun Orest für den Mord an seiner Mutter bestraft werden. Aber der Streit erreicht die Göttin Athene. Diese Göttin gibt dem Drama seine entscheidende Wendung. Athene entscheidet, dass nicht ein Einzelner, sondern eine Gemeinschaft über Schuld und Sühne entscheiden muss. Es geht um die Gründung der Demokratie.

Der Mord am Ehemann

Bei Mondtag hat diese Gemeinschaft von Anfang an ein großes Gewicht. Er zeigt sie als Chor auf der Bühne. Erst freut sich diese Gemeinschaft über die Rückkehr Agamemnons und den Fall Trojas. Dann aber, als Klytaimnestra gesteht ihren Mann umgebracht zu haben, klagt sie an. Auf der Bühne wird plötzlich aus dem griechischen Palast eine düstere Tiefgarage. In den Auffahrten steht nun die Gemeinschaft und verurteilt den Mord am Ehemann. Noch etwas später dreht sich die Bühne und die Gemeinschaft findet sich im Hier und Jetzt in einer Plattenbausiedlung. Dieses wandelbare Bühnenbild unterstützt die Ideen des Regisseurs auf eindrucksvolle Weise.

Trotzdem sind nach der Pause einige Stühle im Publikum leer. Die Kritik: Das Stück kommt nicht richtig in Fahrt und wirkt langatmig und schwerfällig. - Im zweiten Teil soll sich das ändern.

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Gemeinschaft soll entscheiden

Orest wird in der Plattenbausiedlung von seiner Schwester Elektra und dem Chor ermutigt, wirklich seine Mutter und deren Geliebten umzubringen. Nach langem Zögern ist er bereit. Mondtag wechselt jetzt ins Puppenspielerfach. Der Mord am Geliebten der Mutter findet hinter den Fenstern der Plattenbausiedlung statt. Die klamaukigen Einlagen häufen sich jetzt. Ihren Höhepunkt finden sie am Ende des Stücks: Athene, die über den Muttermord richten soll, formt plötzlich die Hände zu einer Raute, die Assoziation mit Angela Merkel ist nicht von der Hand zu weisen, als sie dann auch noch ein Handy aus der Tasche zieht, das dem der Kanzlerin sehr ähnelt, ist die Anspielung unübersehbar.

Jetzt nimmt das Stück eine groteske Wende: Athene, die auf die Gesellschaft hören will und eine Abstimmung über das Schicksal Orests ansetzt, nimmt genau diese scheinbar nicht ernst. Sie lässt die Hände zur Abstimmung heben, ignoriert aber das Ergebnis und winkt ab. Am Ende entscheidet Athene allein, dass Orest nicht bestraft wird. Auf der Bühne inszeniert Mondtag Streitereien und Handgreiflichkeiten.

Mondtag zeigt die Zerbrechlichkeit der Demokratie

Die griechische Tragödientrilogie "Die Orestie" endet mit der Gründung der ersten Demokratie - eigentlich ein euphorischer positiver Schluss. Aber Mondtag zweifelt genau das in seiner Inszenierung an. Er zeigt, dass die Spirale der Gewalt aus Schuld, Rache und Sühne zwar überwunden ist und es jetzt eine Demokratie gibt, diese aber zerbrechlich ist und jeden Moment stürzen kann.

Es ist ein dreieinhalbstündiger Theaterabend, der provozieren, polarisieren will und nachdenklich macht und auch verstörend wirkt. Das Gute daran: Man kann nach dem Abend lange vor dem Thalia Theater stehen und über den Zustand unserer Demokratie diskutieren.

Ersan Mondtags "Orestie" macht nachdenklich

Ersan Mondtags Inszenierung von Aischylos' "Die Orestie" hat am Hamburger Thalia Theater Premiere gefeiert. Es geht um Schuld, Rache und Sühne - ein Theaterabend, der verstörend wirkt.

Datum:
Ort:
Thalia Theater
Alstertor 1
20095  Hamburg
Telefon:
(040) 32 81 44 44 (Kartentelefon)
E-Mail:
theaterkasse@thalia-theater.de
Preis:
22 Euro
Kartenverkauf:
Montag bis Samstag von 10 bis 19 Uhr
Sonn- und Feiertage von 16 bis 18 Uhr
Hinweis:
"Die Orestie"
von Aischylos,
Deutsch von Walter Jens
Mit Musik von Max Andrzejewski
In einer Fassung von Ersan Mondtag und Matthias Günther

Regie: Ersan Mondtag
André Szymanski (Agamemnon/Apollon )
Marie Löcker (Klytaimestra/Erinye)
Paul Schröder (Aigisth/Erinye)
Björn Meyer (Elektra)
Sebastian Zimmler (Orest)
Thomas Niehaus (Chaos)
Cathérine Seifert (Threnos/Athene (alternierend))
Oda Thormeyer (Threnos/Athene (alternierend))

sowie zwei Chören
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 23.10.2017 | 19:00 Uhr

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