Stand: 07.07.2020 17:20 Uhr  - NDR Kultur

Ernst Osterkamp über Büchner-Preisträgerin Elke Erb

"Ich bin außerhalb der Form. Und das ist eine Chance und ein Risiko. Die Menschheit geht mit mir ein Risiko ein, ich diene als Risiko" - das hat Elke Erb 1978 in einem Gespräch mit Christa Wolf gesagt. Heute ist ihr der Georg-Büchner-Preis 2020 zuerkannt worden. Ein Gespräch mit dem Präsidenten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Ernst Osterkamp.

Herr Osterkamp, Sie zeichnen in diesem Jahr eine Dichterin mit dem wichtigsten deutschen Literaturpreis aus, die von sich selbst gesagt hat, dass die Menschheit mit ihr ein Risiko einginge. Geht die Akademie mit dieser Entscheidung auch ein Risiko ein?

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Elke Erb habe einen "ganz unverwechselbaren, eigenen Ton", findet Ernst Osterkamp, Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Ernst Osterkamp: Nein, ich denke nicht, dass die Akademie ein Risiko damit eingeht. Ich würde eher sagen: "Wann, wenn nicht jetzt?" Sie ist eine Dichterin, die nach wie vor auf der Höhe ihrer Produktivität ist, trotz dieses hohen Alters von 82 Jahren - vielleicht auch deswegen, weil das ein risikofreudiges Alter ist. Sie bringt bei ihrem Verleger Urs Engeler fast Jahr für Jahr einen neuen Lyrikband heraus. Auf der anderen Seite ist sie auf der Höhe ihrer Wirkung auf jüngere Schriftsteller.

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Osterkamp: Das hängt ein bisschen damit zusammen, dass sie nicht kontinuierlich in einem größeren Verlag publiziert hat. Sie war schon in DDR-Zeiten in einem angesehenen Verlag, im Aufbau-Verlag - im Westen ist sie von Wagenbach übernommen worden. Sie hat auch in der Deutschen Verlagsanstalt publiziert, damals herausgegeben von Sarah Kirsch. Sie war also immer sichtbar, aber die kontinuierliche Betreuung durch einen großen Verlag war ihr nicht gegeben.

Auf der anderen Seite muss man von der Qualität ihrer Poesie selbst ausgehen. Wir haben hier eine Dichterin, die sich im Namen der Poesie durch Beharrlichkeit auszeichnet, durch Unbeirrbarkeit, durch Unerschrockenheit. Vor allen Dingen aber auch durch Eigensinn und durch ein kontinuierliches Staunen über die Welt, den Augenblick, das Gegenwärtige. Das sind nicht nur Qualitäten des Menschen Elke Erb, sondern auch Qualitäten ihrer Gedichte. Dabei kommt etwas zustande, was ganz spezifisch ist für ihre Poesie: dass sie Denken und Aufmerksamkeit auf die Dinge dieser Welt in eins schaltet. Und so kann es zum Teil sein, dass manche ihrer Gedichte zunächst unzugänglich wirken - und auf der anderen Seite öffnen sie sich mit größter Heiterkeit, mit größter Klarheit, mit größter Helligkeit für den Leser. Das ist ein ganz unverwechselbarer, eigener Ton: präzise und verspielt, anschauungsstark und gedankengesättigt.

Sie leiht seit Jahrzehnten auch anderen ihre Stimme: Sie übersetzt Romane und Gedichte, vor allem aus dem Russischen, und sie ist auch Herausgeberin. Sie verschafft anderen Öffentlichkeit. Was ist das für eine Mission, die sie da betreibt, nicht sich selbst auf den Schild zu heben, sondern auch andere?

Osterkamp: Das, was Sie formuliert haben, ist ganz und gar charakteristisch für Elke Erb. Sie interessiert sich eigentlich nicht sonderlich für sich als Person und für ihre Befindlichkeiten. Unmittelbarkeit der Gefühlsaussprache - dieses alte romantische Axiom - ist überhaupt nicht charakteristisch für sie, sondern sie dient unmittelbar der Sache der Poesie. Das tut sie auf gänzlich unrhetorische Weise, sondern eher im Sinne eines fördernden Gestus.

Sie übersetzt auf der anderen Seite Romane, aber auch große Poesie sowie subversive Kinderpoesie aus dem Russischen, die in hinreißenden kleinen Büchern in der DDR erschienen ist. Da ist also eine große Vermittlungsleistung: So wie sie uns die Welt neu erschließen will, im Medium der Poesie, im Medium einer sinnlichen Anschauung, die ganz und gar zur Arbeit am Wort geworden ist, so will sie auch jüngeren Dichtern den Zugang zur Poesie, zur Öffentlichkeit eröffnen.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

Elke Erb © picture alliance/Gerald Zoerner/Kulturamt Stadt Fellbach/dpa Foto: Gerald Zoerner

Ernst Osterkamp über Büchner-Preisträgerin Elke Erb

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Die Dichterin Elke Erb erhält den Georg-Büchner-Preis 2020. Sie habe einen "ganz unverwechselbarer, eigenen Ton", findet Ernst Osterkamp, Präsident der Akademie für Sprache und Dichtung.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 07.07.2020 | 19:00 Uhr

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