Eine junge Frau sitzt an einem Tisch und grübelt. © SvenSimon Foto: Frank Hoermann

Einsamkeit in Corona-Zeiten: "Die Menschen werden misstrauischer"

Stand: 22.04.2021 16:52 Uhr

Schon vor Corona war "Einsamkeit" ein Thema. Viele ältere Menschen, aber auch immer mehr jüngere fühlen sich vereinsamt. Was macht das mit unserer Gesellschaft? Ein Gespräch mit dem Soziologen Janosch Schobin.

Eine junge Frau sitzt an einem Tisch und grübelt. © SvenSimon Foto: Frank Hoermann
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Herr Schobin, die meisten Menschen hatten während der Pandemie weniger reale Kontakte. Wie wirkt sich die Erfahrung von Einsamkeit auf uns und unser Sozialverhalten aus?

Janosch Schobin: Einer der Haupteffekte, wenn Menschen längerfristig einsam sind, ist, dass sie misstrauischer werden. Sie verlieren das Vertrauen in ihre Mitmenschen, aber auch in das System: in die Politiker, in die Justiz, in die öffentlichen Institutionen und so weiter. Das ist eines der Hauptrisiken langer Vereinsamungsphasen auf gesellschaftlicher Ebene.

Das Thema "Vereinsamung" ist ja schon länger bekannt. Neueren Umfragen zufolge fühlen sich rund 60 Prozent der 15- bis 30-Jährigen einsam. Der Grund, sagt die Politikerin und Buchautorin Diana Kinnert in ihrem Buch: Der Leistungswettbewerb wächst. In unserer Gesellschaft wird weniger auf Gemeinsamkeit gesetzt statt vielmehr auf individuelles Vorankommen. Können Sie das bestätigen?

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Schobin: Ich würde das eher in den schnellen Lebensumbrüchen, gerade in der Jugend, verorten. Ich glaube, das hat mehr damit zu tun, dass man häufigen Wechseln von Lebenssituationen ausgesetzt wird. Beispielsweise diese Übergänge von der Schule in die Ausbildung, dann in die Partnerschaft - das ist alles schwierig und führt immer wieder zu Einsamkeitsphasen. Ob das neu ist, würde ich aber bezweifeln. Es hat natürlich mit "Individualisierung" zu tun, aber eher im positiven Sinne. Früher, etwa im 17. Jahrhundert, hatte man nicht viel Wahl, diese Lebensphasen so zu gestalten. In modernen Gesellschaften setzen diese Phasen ein, in denen Menschen ihre eigene Biografie selber wählen. Und da gehören diese Einsamkeitsphasen systematisch mit rein.

Sie haben den Umgang mit Einsamkeit in Deutschland verglichen mit dem Umgang in anderen Kulturen. Wir sind da ihre Erkenntnisse?

Schobin: Das war natürlich vor der Pandemie, und da war das Thema bei uns extrem schambelastet. Das wird in weiten Feldern immer noch so sein, aber die öffentliche Thematisierung hat sich verändert. In anderen Gesellschaften dagegen ist Einsamkeit etwas, das man öffentlich ansprechen kann. Man kann das relativ unbekannten Menschen sagen, und es ist ganz klar, dass damit ein Appell verbunden ist. Wenn ich zum Beispiel sage, dass ich mich einsam fühle, dann bedeutet das für andere Menschen, dass man mich mehr einbinden soll, dass man dafür sorgen muss, dass ich dabei bin, wenn das nächste Mal etwas stattfindet. Diese Funktion der Einsamkeitsklage als einen Aufruf nach sozialer Unterstützung ist bei uns mittlerweile inexistent. Vielleicht kommt das aber auch durch die Pandemie gerade zurück.

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Schobin: Wenn ich hier über mich sage, dass ich einsam bin, dann fällt das erstmal negativ auf mich zurück. Das geht so weit, dass man sich stigmatisiert fühlt und mit niemandem mehr darüber spricht oder nur mit dem allerengsten Kreis. In anderen Gesellschaften wird es einem als etwas Positives ausgelegt, wenn man längere Zeit einsam war. Man geht davon aus, dass irgendwas Schlimmes passiert ist und dass die Person da irgendwie gekämpft hat. Deswegen ist Einsamkeit eher so eine Art Auszeichnung. Bei uns denkt man bei Einsamkeit: Vielleicht ist er ein bisschen komisch, oder er kann keine Beziehungen führen. Man sucht eher nach individuellen Gründen, warum jemand einsam ist, und legt sie dann der Person zur Last. Da hilft es natürlich, wenn sich der Diskurs ändert und wir über Einsamkeit - wie jetzt in der Pandemie - als ein kollektives Phänomen sprechen. Denn das ist es letzten Endes. Beziehungen bedürfen immer anderer, sie müssen irgendwie entstehen und gepflegt werden. Das ist nie eine einseitige Sache, wenn wir auf einmal nicht mehr da sind.

Es wird heutzutage sehr viel Zeit mit virtuellen Freunden verbracht. Welche Rolle spielen Facebook oder Twitter beim Thema Einsamkeit? Sind das weitere Gründe, die gerade junge Menschen in die Einsamkeit treiben?

Schobin: Man muss unterscheiden, von welchem Fall man spricht. Für eine Person, die schon sehr stark sozial isoliert ist und sehr exzessiv soziale Medien nutzt, um das zu kompensieren, ist das eher eine Falle, weil man nicht in der Lage ist, engere Beziehungen gut aufzubauen.

Interessant ist, dass immer mehr Beziehungen online gefunden werden. Das Netz ist also der Ort, an dem man diesen Erstkontakt herstellt. Für jüngere Leute ist es Praxis, das Netz als einen Ort der Freundschaftsfindung, ähnlich wie der Partnerfindung, zu nutzen. Das hat auch Nachteile: Eines der Probleme sind die gestiegenen Wahlmöglichkeiten, denn die Leute werden dadurch selektiver. Was ist, wenn man nicht über den Freundeskreis zwei Leute kennenlernt und einer davon ein Freund wird, sondern man hat 2.000 zur Auswahl? Das führt dazu, dass man sich die Leute nach Hautfarbe oder nach Alter aussucht. Die digitalen Medien machen uns zu selektiv - das ist der größte Nachteil, den sie haben.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 22.04.2021 | 19:00 Uhr