Einsamkeit im Alter: Einfacher Kontakt zu Familie und Freunden

Stand: 28.04.2021 14:17 Uhr

Ein spezieller Computer namens "KOMP" soll Menschen mit Demenz vor Einsamkeit bewahren. In Schleswig-Holstein gab es zur Erprobung ein Modellprojekt.

von Julian Marxen

Wenn die Familie weit weg wohnt oder der Kontakt wegen Corona aktuell eingeschränkt ist, kann die Technik helfen: zum Beispiel mit VR-Brillen für Senioren und mit KI-Assistenten für Astronauten, die allein im Weltall unterwegs sind. Einsamkeit - sie macht, nicht nur jetzt in Corona-Zeiten, Millionen Menschen bei uns im Norden zu schaffen. Einsamkeit kann laut Studien sogar krank machen.

KOMP: Spezialcomputer für Demenzkranke mit simpler Bedienung

Anne Brandt von der Alzheimer Gesellschaft Schleswig-Holstein schaltet den Computer ein. Er sieht aus wie ein kleiner, flacher Fernsehapparat. In der Mitte der Bildschirm, daneben ein Knopf zum Drehen. Lautsprecher, Kamera und Mikrofon sind integriert. Demente müssen den "KOMP" zu Hause nur einschalten und dann können Familie und Freunde über eine App Bilder und Textnachrichten auf das Gerät schicken oder Video-Anrufe starten.

Alles sei bewusst simpel gehalten, erklärt Projektleiterin Anne Brandt: "Damit ich mich bei einer Demenz nicht mit der Technik auseinandersetzen muss, sondern einfach sehe, wer mich anruft, welche Bilder da sinda. Es funktioniert von allein, ich kann genießen, ich kann gucken, ich kann zuhören."

Ein Jahr lang Prototyp in Schlesig-Holstein getestet

Entwickelt wurde der "KOMP" in Norwegen. Die Alzheimer Gesellschaft hat den Prototypen in mehreren Hauhalten in Schleswig-Holstein verteilt. Ein Jahr lang wurde er in Familien mit Demenzkranken getestet. Denn gerade Menschen mit Gedächtnisproblemen sind besonders von Einsamkeit betroffen. Ihnen falle es schwer, von sich aus Kontakt zu halten, weiß Anne Brandt: "Wenn ich viel zu Hause bin und das Telefon oder das Handy nicht mehr bedienen kann, fehlt mir viel Kontakt. Ich bin darauf angewiesen, dass Menschen mit mir in Kontakt kommen, und da füllt 'KOMP' eine Lücke."

Projekt kommt gut an: "Das fördert Lebensqualität"

Ausprobiert hat den Computer auch Hildegard Möller, 91 Jahre, aus Lübeck. Kollegen vom NDR Fernsehen waren in der Probephase dabei, als die Seniorin von ihrer Tochter aus Rendsburg per Video-Call angerufen wurde. Auf die Gespräche mit ihren Liebsten will Hildegard Möller nicht verzichten: "Ich möchte das aufrechterhalten, was ich an lieben Menschen habe. Für mich ist das Schmalz in der Suppe. Das ist einfach gut, das tut mir gut."

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Doch Kontakthalten mit Smartphone oder Tablet - das wäre für Hildegard Möller zu kompliziert. Das Bedienen des Ein-Knopf-Computers fällt der 91-Jährigen deutlich leichter. Viele Probanden seien ebenfalls begeistert gewesen, berichtet Projektleiterin Anne Brandt von der Alzheimer Gesellschaft. Außerdem habe die Erprobung gezeigt, "dass der Kontakt zu Enkeln sehr viel höher wurde, dass aus dem Urlaub Bilder geschickt wurden, dass auch mal zwischendurch angerufen wurde", erzählt Brandt. "Das fördert natürlich auch Lebensqualität. Wir haben aber auch bei einer Dame erlebt, dass die Bilder tatsächlich Angst gemacht haben. Da haben wir den 'KOMP' wieder weggenommen. Technik muss also immer passgenau zum Menschen sein."

Und dann kann Technik gegen Vereinsamung helfen. Aber: "Es ist natürlich etwas anderes, wenn eine Person wirklich bei mir sitzt", relativiert Brandt. "Technik kann nicht Personen ersetzen, aber sie kann Zeiträume überbrücken und sie kann mir das Gefühl geben, dass ich nicht allein bin."

Voraussichtlich im Sommer wollen die norwegischen Entwickler mit ihrem "KOMP" in den Verkauf gehen. Der Stückpreis soll im höheren dreistelligen Bereich liegen. Mit echten Menschen im selben Raum zusammen sein, sie auch berühren und riechen - das wird Technik wohl nie vollständig ersetzen können.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 28.04.2021 | 18:00 Uhr