Stand: 06.12.2019 16:59 Uhr

Eine kleine Kulturgeschichte des Schnees

von Christiane Peitz

Die Gletscher schmelzen, die Winter werden wärmer - aber eine weiße Weihnacht wäre schon schön. In Zeiten des Klimawandels ist der Schnee, den sich die Kinder so sehnlich wünschen, zum Politikum geworden. Dabei war er einmal pure Poesie, schon wegen der Reinheit von Winterlandschaften. Vielfach wurde er literarisch gewürdigt, ob in Thomas Manns "Zauberberg" oder in Peter Hoegs Krimi-Bestseller "Fräulein Smillas Gespür für Schnee". Die Impressionisten liebten das flirrende Weiß, die Expressionisten seine Kraft der Abstraktion. Ist der Schnee nun bald Schnee von gestern? Eine Spurensuche - im ewigen Eis, bei den Schneekristallforschern und den Dichtern von Winterliedern.

Christiane Peitz © imago
Christiane Peitz leitet das Kulturressort des "Tagesspiegel" in Berlin.

Er ist selten geworden, flüchtig ist er sowieso. Schnee im Dezember fällt hierzulande kaum noch, auch wenn er für Verkehrschaos sorgt, falls die Flocken doch mal vom Himmel tanzen. Aber weiße Weihnacht? Eine alljährliche, verlässliche Winterwelt mit Schneeballschlacht, Skipiste und Schlittenfahrt? "Ich such' im Schnee vergebens/Nach ihrer Tritte Spur", heißt es in Franz Schuberts "Winterreise", der berühmtesten musikalischen Würdigung der kalten Jahreszeit. Dieser Tage sucht man den Schnee vergebens. Auch wenn wir in Zeiten leben, die für manch einen Parallelen zur Metternich-Ära aufweisen, könnte Schubert seine Empfindung einer restaurativ erstarrten Gesellschaft samt sozialer Kälte heute kaum noch in Schnee- und Eismetaphern zum Ausdruck bringen. Ein Verlust ist zu beklagen. Mit dem Klimawandel schmelzen die Gletscher, auch im Flachland schwindet der Stoff, aus dem die Winter sind.

Die Zeit steht still

Je mehr die Abwesenheit des Schnees zum Politikum wird, von "Fridays for Future" bis zum Weltklimagipfel, desto dringlicher die Erinnerung an die Poesie, die der Schnee birgt. An seine mythische Seite, seine Inspirationskraft für die Wissenschaft, die Philosophie, die Kunst, die Literatur. Zuerst kommt einem da die Kleine Eiszeit in den Sinn, als Pieter Brueghel und andere Niederländer wie Hendrick Averkamp oder Jan van Goyen ihre Winterlandschaften malten. Interessanterweise setzten sie weniger die Gefahren des Frosts ins Bild als das Amüsement schlittschuh-laufender Herrschaften auf zugefrorenen Flüssen und Kanälen.

Schnee bedeutet Ausnahmezustand. Es rieselt, und die Luft wird klar. Die Welt wird leise, ihr Schall gedämpft, die Landarbeit ruht. Die Tiere verdauen sogar langsamer in klirrender Kälte, und die Menschen atmen freier, drosseln das Tempo - die Zeit steht still. Ein Phänomen, dem die Filmgeschichte übrigens die Tragikomödie "Und täglich grüßt das Murmeltier" verdankt. Bill Murray als TV-Wettermann steckt wegen eines Blizzards in einer Provinzstadt fest, und in einer Zeitschleife. Immer wieder erlebt er den gleichen Tag.

Wenn Himmel und Erde eins werden

Schnee bedeutet auch Reinheit, Schönheit, Harmonie, Unschuld. Die Decke, unter der er Natur und Zivilisation gnädig begräbt, reflektiert alle Farben gleichermaßen. Das Winterlicht schluckt die Konturen, lässt Himmel und Erde eins werden. So findet sich der Schnee in den flirrend-impressionistischen Gemälden von William Turner oder Claude Monet als riesige Projektions- und Reflexionsfläche wieder.

Wie erhellend die weiße Pracht buchstäblich sein kann, darüber räsoniert der Lyriker Durs Grünbein in seinem Langgedicht "Vom Schnee": In 3.000 Blankverszeilen erzählt es vom Renaissance-Philosophen René Descartes und vom Ursprung seines berühmten Diktums "Cogito ergo sum". Auch Descartes war ein Opfer der Kleinen Eiszeit; im November 1619, also vor ziemlich genau 400 Jahren, wurde er in Ulm eingeschneit. Das verschaffte ihm die Möglichkeit, so Grünbein, "in der gut geheizten Stube intensive Zwiesprache mit den eigenen Gedanken zu halten". Man könnte auch sagen: Der Philosoph starrte in die Leere, ging notgedrungen in sich, träumte anders als sonst und entwickelte seine Subjektphilosophie. Rausgehen ist keine Option, draußen ist das blanke Nichts, aber: Ich denke, also bin ich.

Spuren im Schnee

Die Geburt der Vernunft aus der Kälte, und das Bewusstsein erwacht im Blick auf den Schnee. Der Literaturwissenschaftler Martin Roussel vergleicht die Schneedecke zudem mit dem leeren Blatt Papier. "Der Schnee bereinigt die Landschaft und lässt sie wieder neu entstehen", sagt Roussel, genauso verhalte es sich mit der literarischen Imagination. Spuren im Schnee als Allegorie des Schreibens, des kreativen Akts: Darauf wies schon Theodor Adorno hin. Es klingt fast euphorisch, wenn der Philosoph die Empfindung eines Kindes, das im Neuschnee seine Fußspur entdeckt, eine der mächtigsten ästhetischen Triebkräfte nennt.

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Eine Reihe von Uhren steht in einem leeren Fabrikgebäude. Eine zeigerlose Uhr ist frontal zu sehen. © Roberto Agagliate / photocase.de Foto: Roberto Agagliate

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Der Schneeliteratur-Forscher Roussel ist nicht zufällig Fan von Robert Walser, hat der Schriftsteller doch die schönsten Schnee-Gedichte verfasst. "Das Ruhen und das Warten/sind seiner üb'raus zarten/Eigenheit eigen, er lebt im Sichhinunterneigen", heißt es in einem davon. Und weiter: "Nie kehrt er je dorthin zurück,/ von wo er niederfiel,/ er geht nicht,/ hat kein Ziel,/ das Stillsein ist sein Glück." Melancholie schwingt mit in diesen Zeilen, die Einsamkeit des Wanderers, wie sie auch Wilhelm Müller besang, der Dichter des "Winterreise"-Zyklus.

Ein bemerkenswerter Gegensatz: Die flämischen Genre-Maler betonen die gemeinschaftsstiftende Wirkung des Schnees, (in der Kunst taucht die skulpturale, bedrohliche Wucht von Eisformationen höchstens in Caspar David Friedrichs berühmtem "Eismeer"-Gemälde auf). Bei den Dichtern kommen die Menschen hingegen im Schnee der Welt abhanden und werden zu Eremiten. Selbst Johann Wolfgang von Goethe wurde schweigsam, als er in den Alpen durchgefroren in einer Berghütte hockte. Walser starb bekanntlich sogar in der Kälte: Bei einem Spaziergang am Weihnachtstag 1956 traf ihn der Schlag. Seine letzte Hinterlassenschaft waren Spuren im Schneefeld, genauso wie die des Dichters Sebastian in seinem Roman "Die Geschwister Tanner".

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NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 08.12.2019 | 19:05 Uhr