Stand: 16.04.2020 17:29 Uhr

Eine Schule des Bürgersinns

von Mathias Greffrath

In diesen Corona-Zeiten erleben wir, wie wichtig Engagement, Hilfsbereitschaft und Solidarität sind. Könnten wir diese Krise zum Anlass nehmen, um ein obligatorisches Sozialjahr für alle jungen Bürger zu etablieren? Alle paar Jahre taucht diese Idee auf. Kritiker monieren jedoch die "Freiheitsberaubung" durch einen "Zwangsdienst" sowie die Ausdünnung des Arbeitsmarktes. Wie aber könnte ein allgemeiner Bürgerdienst aussehen? Einer, der mit dem Grundgesetz vereinbar ist und nicht die Lücken unterfinanzierter Sozialsysteme stopft, sondern jungen Menschen Orientierung im Leben gibt und so der Erosion des bürgerschaftlichen Zusammenhalts entgegenwirkt.

Mathias Greffrath © picture-alliance / ZB Foto: Karlheinz Schindler
Mathias Greffrath ist Soziologe und Journalist. Er schreibt für die "Zeit", die "TAZ" und das Radio.

An der Haustür hing ein DIN-A4-Zettel: "Falls Sie nicht selbst einkaufen gehen wollen oder können, rufen Sie uns an, wir erledigen das für Sie." An vielen Türen, vielen Laternenmasten hängen zurzeit solche Zettel. Zu Zigtausenden liefern Freiwillige die Rationen der Tafeln an Bedürftige, kaufen für alte Menschen ein, versorgen Obdachlose, betreuen Kinder, führen Hunde aus, nähen Masken, tragen Bücher aus. Auf einen Schlag wurde das Gewebe der Gesellschaft dichter und die Menschen - so mein Eindruck, aufs Ganze gesehen - freundlicher. Von einem Tag auf den anderen waren die Schlangestehenden disziplinierter, die Verkehrsteilnehmer geduldiger, lernten Nachbarn einander kennen.

Noch hält dieses Gemeinschaftserlebnis an - und auch das Bewusstsein der "Systemrelevanz" so vieler Menschen und Leistungen, die in normalen Zeiten unbeachtet sind, ist noch frisch, ebenso wie die Erinnerung an das Elend der Pflege, das auf Kante genähte Gesundheitssystem, die Unterausstattung von Schulen.

Und deshalb ist es kein Wunder, dass auch jetzt wieder Stimmen laut werden, die nach einer allgemeinen Dienstpflicht für junge Menschen rufen - um des Zusammenhalts der Gesellschaft willen, und weil die Herausforderungen für die Sicherheits-, Gesundheits-, Sozialsysteme und die Belastungen einer überausgebeuteten Natur in den nächsten Jahrzehnten weiter wachsen werden, nicht nur in Zeiten von Pandemien.

Alle Jahre wieder

Sozialjahr, Gesellschaftsjahr, Dienstpflicht - wie immer man es nennt: Die Idee ist nicht neu. Schon 1974 schlug der Publizist Sebastian Haffner einen verpflichtenden Dienst an der Allgemeinheit vor; nach der Abschaffung der Wehrpflicht plädierte Heiko Maas für ein verbindliches Bürgerjahr; im Kontext der Flüchtlingskrise propagierte der Philosoph Richard David Precht ein Pflichtjahr für junge Menschen und Rentner; zuletzt, 2018, warf Annegret Kamp-Karrenbauer die Idee einer Erweiterung der Wehrpflicht zu einem allgemeinen obligatorischen Sozialdienst in das Sommerloch der Politik. Diese Idee taucht alle Jahre wieder auf. Und alle Jahre wieder verschwindet sie schnell aus der Debatte.

Und das, obwohl sie populär ist. So haben, weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit, die Bodelschwinghschen Anstalten zu Bethel, das größte Sozialunternehmen Deutschlands, vor zwei Jahren vorgeschlagen, alle Schulabgänger in der Bundesrepublik sollten ein obligatorisches soziales Jahr absolvieren - in Kindergärten und Horten, Schulen, Beratungsdiensten aller Art, ökologischen, kulturellen und urbanen Projekten, technischen Hilfsdiensten, Museen und Sportvereinen.

In einer repräsentativen Befragung im Auftrag der Bethelschen Anstalten befürworteten 75 Prozent der Befragten in allen sozialen Gruppen ein solches Pflichtjahr. Selbst die 14- bis 29-Jährigen, also diejenigen, die einen solchen "Dienst" selbst leisten müssten, stimmten mehrheitlich dafür. Und 90 Prozent aller, die in der Vergangenheit ein soziales Jahr absolviert haben, ob nun im alten Zivildienst oder im Bundesfreiwilligendienst, halten diese Erfahrung für einen Gewinn. Und nicht nur sie: Ehemalige Zivis werden von Chefs geschätzt.

Kein geraubtes Jahr

Was also spricht gegen das Sozialjahr? Es gehe nicht an, so argumentieren die liberalen Kritiker, jungen Menschen ein Lebensjahr zu rauben, um sie als unqualifizierte Lückenbüßer für die Versäumnisse im Pflege- oder Gesundheitswesen zu missbrauchen. Überdies sei eine allgemeine obligatorische Arbeitspflicht nicht vereinbar mit dem Grundgesetz - nach der Abschaffung der Wehrpflicht schon gar nicht. Zudem gäbe es ja den Bundesfreiwilligendienst. Zwang sei kontraproduktiv.

Im Bundesfreiwilligendienst arbeiten zur Zeit knapp 50.000 junge Menschen von knapp 700.000 in jedem Jahrgang. Nur, wer sich zu einem Freiwilligendienst entschließt, ist eben zumeist schon sozial engagiert oder politisch und kulturell interessiert. Gerade diejenigen also, die von einem solchen Dienst am stärksten profitieren könnten, bleiben außen vor. Ein soziales Jahr, das mehr als Beschäftigungstherapie böte, könnte gerade Jugendlichen aus prekären Milieus fehlende Basisqualifikationen vermitteln, ihr Selbstwertgefühl stärken und ihnen Orientierung und Motivation für den Eintritt ins Berufsleben geben.

Schulabgänger, die noch unentschieden nach einem Studium tasten oder noch keine Berufswahl getroffen haben, könnten in einer solchen Übergangsphase je nach Begabung und Präferenz Urlaubshilfe bei Milchbauern leisten, kommunale Gärten anlegen, in Kitas kochen oder spielen, die Öffnungszeiten von Bädern, Bibliotheken und Museen ausweiten, könnten Hauptschülern Nachhilfe in Mathe geben oder die digitale Alphabetisierung alternder Mitbürger betreiben, im ökologischen Landbau oder für den Klimaschutz arbeiten - und so ein Gespür und einen Sinn für die Gesellschaft und gleichzeitig praktische Fähigkeiten erwerben. Sicher, da wären auch weniger attraktive, aber notwendige Tätigkeiten wie Rollstuhlschieben oder Windelnwechseln - aber auch dabei könnten junge Menschen praktische Fähigkeiten erlernen, einen Beruf finden, einen Lebensplan überdenken und einen Einblick in andere Aspekte des Lebens gewinnen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 19.04.2020 | 19:00 Uhr

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