Hartmut Rosa © picture alliance/Juergen Bauer/Universität jena/dpa

Ein gesellschaftspolitischer Jahresrückblick mit Hartmut Rosa

Stand: 30.12.2021 18:00 Uhr

2021 hat sich auf bundespolitischer Ebene besonders viel - auch Grundlegendes - getan. Der Soziologe und Politikwissenschaftler Hartmut Rosa lässt im Interview das Politikjahr Revue passieren.

Herr Rosa, was ist bei Ihnen bei der Bundestagswahl, angefangen mit dem Wahlkampf, besonders hängengeblieben? Was war besonders?

Hartmut Rosa: Es gibt eine offensichtliche Besonderheit, die erstaunlicherweise gar nicht so oft zur Sprache gebracht wurde. Dass wir es nämlich zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik nicht mit einem Kampf Amtsinhaber oder Amtsinhaberin gegen Herausforderer zu tun hatten, sondern dass die Amtsinhaberin in diesem Fall freiwillig aufgehört hat, sodass drei neue Leute um das Amt gestritten haben. Das Auffällige dabei war, dass wir eine ganz starke Rhetorik des Neuen hatten, dass eigentlich alle drei sagten, dass alles anders werden muss. Aber bei der Frage, wie das geschehen soll, war ganz wenig zu sehen. Die Rhetorik stand also in einem gewissen Widerspruch zu dem, was die Parteien tatsächlich angeboten haben, bei denen nämlich nicht viel Neues zu erkennen war.

Erkennen Sie grundlegende gesellschaftliche Entwicklungen im Ausgang der Wahl?

Rosa: Was man tatsächlich gesehen hat, war, dass die Einschätzung der jungen Generation offensichtlich nicht ganz adäquat war. Der gesellschaftliche Diskurs hatte sich eigentlich darauf eingeschworen, dass sich die junge Generation, die im Prinzip die Fridays-for-Future-Generation ist, in erster Linie Klimawandel und Umweltschutz auf die Fahnen geschrieben hat. Und dann gab es die große Überraschung, dass junge Leute genauso stark FDP gewählt haben, was auch für mich als gesellschaftlichen Betrachter erstmal überraschend war.

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Ich würde daraus zwei Schlüsse ziehen. Das eine ist, dass diese Fridays-for-Future-Bewegung gar nicht so sehr eine Jugendbewegung war und schon gar nicht eine Jugendrebellion, die die Alten herausfordern und für gesellschaftliche Veränderungen stehen müsste. Das Problem bei Fridays-for-Future war, dass sich die Eltern und die Lehrer gar nicht herausgefordert fühlten durch diese Bewegung, sondern sie noch bestätigt und bestärkt haben. Da gab es eine gewisse gesellschaftliche Fehleinschätzung.

Wobei ich nicht sagen würde, dass die Jugendlichen, die FDP gewählt haben, alle nur Porsche fahren und Geld verdienen wollen. Ich glaube, dass wir da vielleicht einen gewissen Mentalitätswandel sehen, der mit so einer Start-up-Kultur zu verbinden ist, mit dem Wunsch Jugendlicher, Dinge auf eigene Faust zu verbessern. Die Vorstellung ist, Dinge in Bewegung zu setzen, und zwar unabhängig von staatlicher Steuerung und Regulierung und unabhängig von allzu vielen Vorgaben, um vielleicht sogar weltweit segensreich wirken zu können. Wenn man dabei viel Geld verdient, ist es denen wahrscheinlich auch recht. Ich fand diesen Einblick in jugendliche Befindlichkeit wichtig, auch diese Verknüpfung von altruistischen oder idealistischen Vorstellungen mit liberalem Unternehmertum. Das war für mich eine neue, interessante Beobachtung.

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Die Ära Merkel ist zu Ende gegangen - was bleibt von ihr?

Rosa: Angela Merkel hat sich weltweit einen sehr guten und auch großen Ruf erworben als eine hervorragende Maklerin, Vermittlerin und eigentlich auch eine Krisenlöserin. Ich glaube, das hat sie wirklich gut gemacht: Krisen überstanden, Dinge zusammengehalten, bis einschließlich zur EU. Natürlich gab es hinterher auch von allen Seiten Vorwürfe, dass sie es nicht richtig gemacht habe. Aber das ist normal im Krisenlösungsprozess. Ich glaube, dass Merkel erinnert werden wird als eine, die erstaunlich uneitel war, die eine unglaubliche Kontinuität in der Politik an den Tag gelegt hat. Da ist einiges am Politikstil, was durchaus bleiben wird.

Aber es wird auch bleiben, dass sie - aus meiner Sicht jedenfalls - gerade europapolitisch ganz wenig bewegt hat. Das würde ich der Ära Merkel absolut ankreiden, dass sie trotz allem zugelassen hat, dass die EU in ein sehr problematisches Fahrwasser geraten ist.

Innenpolitisch hat sie ziemlich bedingungslos auf Markt und Wachstum gesetzt. Und wir haben nicht zuletzt in der Pandemie gesehen, dass Wachstum, Markt und Wettbewerb nicht alle Probleme lösen können. Da ist eine gewisse Einseitigkeit nicht zu übersehen, und die wird mit Merkel auch verbunden bleiben. Wenn man sich auf verteilungspolitische Fragen konzentriert - wie haben sich Wohlstand und Armut in Deutschland entwickelt? - dann sieht die Bilanz nicht so gut aus.

Auch die Ära Grütters ist zu Ende gegangen. Claudia Roth ist die neue Kulturstaatsministerin - eine Besetzung, die viele überrascht hat. Was sagt uns diese Entscheidung?

Rosa: Da darf man gespannt sein. Ich glaube schon, dass es im Hinblick auf Kulturinhalte, die gefördert werden sollen, zu einem gewissen Wandel kommen wird. Also weg von einer eher konservativen Kulturauffassung hin zu einer, die neuen Entwicklungen und Trends im Kultursektor offen gegenüber steht. Wie sich das auf Kulturpolitik wirklich auswirken wird, dafür ist es noch zu früh. Ich weiß nicht genau, was von Claudia Roth in dieser Hinsicht zu erwarten ist, ich war etwas überrascht von dieser Entscheidung.

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Und wie beurteilen Sie die bisherige Kulturpolitik im vergangenen Jahr?

Rosa: Gerade in der Pandemie-Phase wurde von allen Seiten immer wieder gesagt - was auch völlig richtig ist -, dass Kultur immer zuletzt bedacht wurde. Da war ständig die Rede von Systemrelevanzen, und da wird Kultur immer nicht als systemrelevant eingeschätzt. Ich habe deshalb in den letzten Monaten sehr viel darüber nachgedacht, welche Rolle eigentlich Kultur für eine Gesellschaft spielt, und da ist ein Zitat des Philosophen Hans Blumenberg zu meinem Lieblingssatz geworden, der sagt: Kultureinrichtungen, der Kulturbetrieb und das kulturelle Leben einer Gesellschaft, das sind eigentlich die Umwege, das, was man nicht unbedingt braucht, das, was man macht, wenn man nicht den kürzesten Weg zum Ziel geht. Aber die sind absolut wichtig, nicht nur für das kulturelle Leben, sondern überhaupt.

Ein Anschauungsbeispiel dafür sind Universitätsstädte. Wenn wir uns anschauen, wie Europa sich in den letzten 250 Jahren entwickelt hat, sind sämtliche Innovationen, sowohl die politischen, aber auch kulturelle, in Universitätsstädten entstanden. Selbst so etwas wie Facebook oder die Sozialen Medien sind häufig von Studierenden entwickelt worden - nicht beim Lernen, im Hörsaal oder beim Verarbeiten von Stoff, sondern auf den Umwegen, wo sie sich zufällig treffen. Aus zufälligen Happenings entstehen Dinge. Kultureinrichtungen, einschließlich Oper und Theater, und auch Kulturkanäle haben etwas von Umwegen. Es sind nicht die direkten Punkte zur schnellsten Lösung einer Frage, aber es sind die Momente, die für gesellschaftliche Entwicklung, für Innovationsfähigkeit, für Anpassungsfähigkeit die höchste Bedeutung haben.

Blumenbergs Satz geht weiter: Er sagt, der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten führe letzten Endes in die Barbarei. Wenn wir glauben, dass wir auf so etwas verzichten können, dann landen wir in der Barbarei. Ich würde mir wünschen, dass der Sinn für die Wichtigkeit von Kulturpolitik, da, wo man nicht direkt sagen kann, was dabei herauskommen wird, gestärkt wird.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 30.12.2021 | 18:00 Uhr

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