Stand: 09.11.2017 17:25 Uhr

Sophie Rois: "Es ist ein Theaterabend - ich schwöre!"

Ein Jahr vor seinem Tod schrieb Franz Schubert 24 Lieder unter dem Titel "Winterreise", mit denen er Generationen bewegte und inspirierte. Dem berühmten Liederzyklus widmet die Elbphilharmonie nun eine literatur- und musikübergreifende Reihe. Zum Auftakt liest die österreichische Schauspielerin Sophie Rois aus dem gleichnamigen Theaterstück der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek.

NDR Kultur: Frau Rois, Sie sind in der Hamburger Elbphilharmonie zu erleben mit einer Lesung aus Elfriede Jelineks "Winterreise". Wie sehr sind Sie schon in diesem Thema "Winterreise" drin, auch in dem Vorbild Schubert?

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Die österreichische Schauspielerin und Sängerin Sophie Rois

Sophie Rois: Eigentlich hat mich das Schubert-Vorbild geködert. Und zwar die Aufnahme von Julius Patzak von 1961 - da ist er selber nicht mehr ganz jung, knödelt ein bisschen, hat also gar nicht dieses Strahlende, spricht teilweise die Texte fast. Die Position, von der aus er da singt oder spricht ist so einnehmend, und das hat mich geködert.

Der "Winterreise"-Text, den Jelinek geschrieben hat, das ist ein schönes Spannungsfeld und hat mich sehr angezogen. Ich schreibe immer noch an der Fassung herum und stecke bis zu den Nasenlöchern da drin.

Was für eine Rolle spielt die Musik bei Ihrer Lesung?

Rois: Als ich an dem Text gearbeitet habe, bekam ich den Tipp, mir die Interpretation von Patzak anzuhören. Das habe ich dann immer dazu gehört und fand, dass diese Musik dabei sein muss. Ich will sie an diesem Abend dabei haben, weil sie die Texte noch einmal anders beleuchtet und so ein anderes Feld aufmacht. Ich werde einen Plattenspieler auf der Bühne haben und immer mal ein Lied auflegen. Ich muss mich dann schwer beherrschen, dass ich nicht mitsinge.

Sie spielen im Ensemble mit anderen Schauspielern auf der Bühne - Sie machen aber auch oft Lesungen und sind ganz alleine auf der Bühne. Was ist die Qualität für Sie an diesem Alleinsein mit dem Text und dem Publikum?

Rois: Ich weiß gar nicht, ob ich das schon so beschreiben kann. Das ist eine relativ neue Erfahrung in meinem Leben bzw. es kam nach und nach. Ich habe das schon immer gerne gemacht, wurde aber in den letzten Jahren immer öfter eingeladen oder habe selber immer mehr Stoffe den Veranstaltern vorgeschlagen. Ich habe festgestellt, dass es möglich ist, so etwas wie eine eigene Kunstform zu entwickeln. "Lesung" hört sich immer so trostlos an. Ich will mich nicht wie sauer Bier anpreisen, aber ich höre immer wieder von meinen Zuschauern, sie hätten einen Theaterabend gesehen. Das freut mich sehr, weil es eigentlich so sein soll. Es ist ein Theaterabend, wo ich ein Skript in der Hand habe und alleine bin, aber es ist ein Theaterabend - ich schwöre es.

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Es fängt schon damit an, wie man das Ganze organisiert. Denn ich reise alleine bzw. mit einem Kollegen, der dann oft die literarische Fassung macht und Musik dazu aussucht und ein bisschen die Bühne einrichtet. Es ist also kein Vergleich zu dem Aufwand, der sonst betrieben wird, wenn man mit einem Gastspiel kommt, wo man nur ein Teil einer riesigen Maschine ist. Der Aufwand ist also ganz gering, und ich verwalte das alles selbst. Und das gibt mir irgendwie eine andere Potenz. Ich bleibe in dieser Konzentration: nur ich und der Zuschauer. Das macht mir und meinen Zuschauern sehr viel Freude. Ich werde das weiter ausbauen, vielleicht mit dramatischen Texten.

Ist das eine große Überwindung, als Schauspielerin auf der Bühne zu singen?

Rois: Ich singe wahnsinnig gern, es muss aber richtig eingetütet sein. Ich spiele auch wahnsinnig gerne - trotzdem würde ich nicht die Bühne egal mit welchem Stoff entern wollen. Ich lebe auch gern, möchte aber nicht unter allen Bedingungen leben. Und genau das gilt auch fürs Singen. Wenn das gut platziert ist, dann ist das wunderbar.

Sie sind seit 25 Jahren Ensemblemitglied an der Volksbühne. Die Ära Castorf ist vorbei, es gibt einen neuen Intendanten, Chris Dercon. Es gab viel Protest gegen diese Personalie. Sie waren auch unter denen, die gesagt haben: Ein Wechsel an der Spitze ist an sich nicht das Problem, aber die Art und Weise, wie es passiert ist. Was ist Ihre Kritik?

Rois: Ich finde einen Wechsel in der Leitung nach 25 Jahren absolut legitim. Es gibt keinen Grund, sich da an etwas festzukrallen. Der ganze Vorgang, die Art des Wechsels, war höchst unseriös. Der Staatssekretär Tim Renner war ein unseriöser Kulturpolitiker. Denn die Strukturen dieses Hauses, die sich über eine lange Zeit aufgebaut haben, werden nicht benötigt. Ich meine nicht das künstlerische Personal, um die muss man sich überhaupt keine Sorgen machen. Aber wir haben riesige Werkstätten, Schneidereien, die sehr gut funktionieren, die Leute sind hoch kompetent - und sie werden nicht gebraucht, weil so gut wie alles eingekauft wird. Wir haben Hochsaison, und es hat in diesem riesigen Haus in Berlin Mitte noch nichts stattgefunden.

Dass der neue Intendant diese Werkstätten nicht zu nutzen weiß und sie nicht braucht, das hätte man sich vorher überlegen müssen. Ich kann ihm nicht vorwerfen, dass der Mann anders arbeitet - das ist sein gutes Recht. Aber dazu hätte er nicht dieses Haus gebraucht, und darüber hätte man vorher sprechen müssen. Das sind hunderte von Mitarbeitern, die nichts zu tun haben. Wenn das lange genug andauert, entsteht ein Schaden, der sich nicht mehr rückgängig machen lässt. Die ganze Diskussion ist immer falsch geführt worden. Ob man Herrn Castorf gut findet oder ob Herr Dercon eine Chance kriegen soll - das ging vollkommen an der eigentlichen Probelmatik vorbei.

Das Gespräch führte Martina Kothe, NDR Kultur.

Podcast NDR Kultur Neue CDs © NDR

Klassik à la carte mit Sophie Rois, Schauspielerin

NDR Kultur -

Die Schauspielerin Sophie Rois wird am 19. November in der Elbphilharmonie Texte von Elfriede Jelinek lesen, es ist der Auftakt zu einer Reihe mit dem Titel Winterreise.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassik à la carte | 10.11.2017 | 13:00 Uhr

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