Ein leerer Theatersaal © imago

Ein New Deal für die Kultur? Die Kunst und der Staat nach Corona

Stand: 02.10.2020 17:20 Uhr

Die Kulturbranche leidet noch immer unter den Folgen der Corona-Pandemie. Sollte in dieser Situation der Staat den Kulturschaffenden und den Kulturinstitutionen noch stärker unter die Arme greifen?

von Maria Ossowski

Es war ein warmer, sonniger Sommertag im Frankenland. Und es war ein besonderer Tag. Opernfans aus aller Welt wissen: Am 25. Juli eines jeden Jahres eröffnet das einzige internationale Musikfestival in Deutschland. Da reist die Prominenz aus Politik, Wirtschaft, Showbusiness und Kultur in die Kleinstadt, die Fahnen hoch zum Hügel klirren im Winde, die Rostbratwurst kostet das Vierfache, was egal ist: Die Restaurants sind eh seit Wochen ausgebucht. Die Hauptstraßen zum Festspielhaus sind gesperrt für die Kanzlerin, Ministerpräsidenten und ihre Gäste.

Melancholie und Sehnsucht in Zeiten von Corona

Und 2020? Das Haus ist geschlossen, die Fahnenmasten sind kahl, die Hotelzimmer billig. Was niemand erwartet hatte: 600 Festspielgäste sind dennoch angereist. Ohne Festspiele. Die Gäste der vergangenen Jahre haben auf den Rasenflächen vor dem Musentempel im Sichtkontakt mit dem Festspielhaus ihr Picknick ausgebreitet. Sie reden miteinander über das, was sie erlebt und in diesem Sommer verloren haben. Da sitzen Menschen, die Musik lieben und die Bayreuth nicht im Stich lassen wollten, die aber auch ihre Melancholie teilen möchten an jenem Ort, den sie so oft besucht haben. Es ist leichter, gemeinsam zu trauern als allein. Bayreuth 2020, das zeigt nicht nur den gesamten Verlust der Musikliebhaber, sondern auch die Sehnsucht, bessere Zeiten wenigstens in der Erinnerung wieder aufleben zu lassen.

Katharina Wagner, die kürzlich von schwerer Krankheit genesene Festspielchefin, plant jetzt bereits für den Sommer 2021. Dank der Unterstützung von Bund, Land, Kommune und eines finanzstarken Freundeskreises könnten ihr die nächsten Festspiele, so Corona dies zulässt und mit weniger als 2.000 Gästen pro Vorführung, sogar gelingen. Die Deutsche Oper Berlin hat es am vergangenen Wochenende bewiesen: Ein Sponsor hat alle Musikerinnen und Sänger über sechs Wochen täglich früh morgens testen lassen. Mittags waren die Ergebnisse aus dem Labor zurück und die Proben konnten beginnen. Diese Premiere der "Walküre" mit maskenbewehrtem Publikum in gut belüftetem Saal gilt als Signal, das auch die internationale Presse wahrgenommen hat.

Die Not der Künstler

Denn ein Blick über Deutschlands Grenzen hinaus zeigt, wie Corona das kulturelle Leben weltweit, sehr viel härter noch als bei uns, angegriffen hat. Die Metropolitan Opera in New York schließt bis zum Herbst 2021. Manchen Orchestern in Großbritannien droht die Abwicklung. Schauspieler erhalten kein Geld, Autoren oder Beleuchter müssen in Supermärkten arbeiten. Dies gilt für die meisten Staaten, in Russland ebenso wie in den Ländern Südamerikas. In Deutschland hingegen hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters mit Finanzminister Olaf Scholz einen Strukturhilfefonds von einer Milliarde bereitgestellt, um die durch Steuerausfälle leeren kommunalen Kassen zu entlasten. Das Programm heißt "Neustart Kultur" und ist weltweit einzigartig. Auflage: Orchester dürfen nicht abgewickelt, Häuser nicht geschlossen werden. Diese Gelder sind also entgegen mancher Stammtischmeinung keine Spende für prekär lebende Künstler. "Neustart Kultur" soll das Überleben der Institutionen sichern, auch, um den Künstlern wieder Einkünfte und Gagen zu ermöglichen. Denn alle Freibeschäftigten im Kultursektor müssen, so sie allein und nur für sich arbeiten, momentan Arbeitslosengeld II beantragen. Viele empfinden den Gang zum Jobcenter als Schmach, kommt ihre Untätigkeit doch einem Berufsverbot gleich. Sie wollen dem Staat nicht zur Last fallen und haben doch keine andere Wahl. Ein freier Musiker verdient im Schnitt laut Künstlersozialkasse 13.000 Euro im Jahr. Brutto. Davon lassen sich weder Rentenpunkte sammeln noch Polster ansparen für schlechte Zeiten. Die Not der Künstler ist nur ein Aspekt, weshalb am kulturellen Leben in Deutschland nicht gespart werden darf.

Enormer Beitrag zur volkswirtschaftlichen Gesamtleistung

Maria Ossowski © picture alliance / dpa Foto: Soeren Stache
Maria Ossowski arbeitet als Kulturkorrespondentin beim rbb.

Es gebietet vor allem der volkswirtschaftliche Sachverstand, sowohl die Künstler als auch jedes kulturelle Geschehen zu unterstützen. Was nur Wenige wissen: Die Kultur- und Kreativwirtschaft erreicht nach der Automobilindustrie die höchste Bruttowertschöpfung in Deutschland. Ihr Beitrag zur volkswirtschaftlichen Gesamtleistung betrug 2018 knapp 100 Milliarden Euro und lag vor der chemischen Industrie, den Energieversorgern und den Finanzdienstleistern. So die offiziellen Zahlen des Bundeswirtschaftsministeriums. Die Kultur stärkt also nicht nur die Phantasie und die Seelen, wie so oft beschworen, sie ist nicht nur - abgedroschene Phrase - systemrelevant. Sie kurbelt die Wirtschaft an, den Tourismus, das Gaststättengewerbe, das Transportwesen, die Veranstaltungsindustrie. Nicht nur die Bayreuther Gastronomie verdiente in den vier Festspielwochen einen Großteil ihrer Jahreseinnahmen, München profitierte von den Opernfestspielen, Hamburg von der Elbphilharmonie, Schleswig Holsteins strukturschwache Regionen vom Musikfestival. Die Museen in Köln, Berlin, Hannover, Hamburg und Frankfurt lockten vor Corona Hunderttausende an. Die Clubszene in der Hauptstadt sowieso.

Aus diesem Grunde sind staatliche Unterstützungen für die Kultur unerlässlich. Konzerte, Theater, Museen, Galerien, sie sind kein "Nice to have".  Ohne die Kulturwirtschaft leidet das Land nicht nur ideell, sondern auch ökonomisch. Nun ist die Kulturförderung, von wenigen Ausnahmen abgesehen, Ländersache. Die Kulturstaatsministerin besitzt kein Theater, keine Oper. Die eigentlich vernünftige und kluge Entscheidung unserer Verfassungsväter und -mütter, kulturelle Verantwortung regional zu verorten, hat sich in der Coronakrise jedoch als problematisch erwiesen. Sowohl die Unterstützung selbständiger Künstler unterschied sich von Bundesland zu Bundesland, Berlin hat schneller ausgezahlt als einige Kreise in Baden-Württemberg; in Bayern und Hamburg war der Umgang mit Unterstützungsanträgen anders als in Bremen oder Saarbrücken.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 04.10.2020 | 19:00 Uhr