Eine offizielle Gedenktafel mit den Fotos der neun Opfer erinnert am Anschlagsort in Hanau-Kesselstadt an die Opfer der Anschläge im Jahr 2020. © picture alliance/dpa Foto: Boris Roessler

Ein Jahr nach dem Anschlag von Hanau: Was hat sich geändert?

Stand: 18.02.2021 17:05 Uhr

Vor einem Jahr, am 19. Februar 2020, wurden in Hanau neun Menschen aus rassistischen Motiven ermordet. Was hat sich seitdem geändert? Ein Gespräch mit Modou Diedhiou, Rapper, Bildungsreferent und Empowerment-Trainer aus Hannover.

Eine offizielle Gedenktafel mit den Fotos der neun Opfer erinnert am Anschlagsort in Hanau-Kesselstadt an die Opfer der Anschläge im Jahr 2020. © picture alliance/dpa Foto: Boris Roessler
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Herr Diedhiou, wie haben Sie damals von dem Anschlag erfahren?

Modou Diedhiou: Ich habe das am nächsten Morgen im Internet erfahren und bin ziemlich geschockt gewesen. Ich hatte interessanterweise direkt ein Empowerment-Seminar in Hamburg, wo Menschen aus ganz Deutschland zusammengekommen sind. Wir haben den Freitag genutzt, um uns Stärke zu geben, weil wir das alle unterschiedlich erlebt haben, es aber allen sehr nahe gegangen ist. Das waren alles von Rassismus betroffene Menschen. Es war für mich eine hilfreiche Möglichkeit in der Situation, weil ich diesen Schmerz, diese Schockstarre mit Anderen teilen und mich austauschen konnte.

Viele haben gesagt, dass das eine Zäsur sei, ein Einschnitt, ein besonderer Moment in dieser ohnehin von Rassismus geprägten Geschichte unseres Landes. Hat Sie das noch länger begleitet?

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Diedhiou: Absolut. "Zäsur" war aus meiner Sicht ein passender Begriff. Ich glaube, dass es etwas ganz wichtiges in Gang gesetzt hat: dass wir Menschen, die von Rassismus betroffen sind, für die solche Attentate eine reale Bedrohung darstellen, anfangen aktiv zu werden und uns das Recht nehmen, zu sprechen. Weil der rassistische Anschlag von Hanau auch offengelegt hat, dass einige Dinge, von denen wir vorher vermutet haben, dass sie eigentlich korrekt ablaufen müssten, an ihre Grenzen geraten sind. Die Frage nach den Ermittlungen rund um diesen Anschlag, die Frage nach der medialen Berichterstattung, dieser ganze Aufbau von Shisha-Bars als Orte der Kriminalität. Welche Verantwortung tragen wir gesamtgesellschaftlich? Diese Frage hat sich danach für mich gestellt und einiges in Gang gesetzt.

Das Attentat jährt sich morgen, und das Schauspiel Hannover wird deshalb zur digitalen Bühne für die Veranstaltung: "Zusammen haben wir eine Chance", die Sie moderieren. Was ist die Idee dahinter?

Diedhiou: Die Idee hinter der Veranstaltung ist, dass wir ein Zwischenfazit ziehen wollen: Was ist eigentlich in diesem Jahr passiert? Was hat sich verändert? Wir möchten auch in aktivistischen Kontexten daran erinnern, dass dieser Tag nicht in Vergessenheit gerät. Es gibt verschiedene Tage, an denen rassistische Anschläge in den letzten Jahrzehnten passiert sind, denen teilweise in kleinen Communities gedacht wird. Das ist aber nicht sehr bekannt, und wir möchten, dass dieser Tag des Anschlags nicht vergessen wird. Deswegen gibt es auch die "Initiative 19. Februar".

Wen erhoffen Sie sich, dadurch zu erreichen?

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Hanau: Unter dem Brüder Grimm-Denkmal auf dem Hanauer Marktplatz wird an die Opfer des rassistisch motivierten Anschlags vom 19. Februar erinnert. © picture alliance/dpa Foto: Christine Schultze

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Diedhiou: Ich glaube, dass es wichtig ist, alle zu erreichen. Ich glaube, dass wir beim Thema Rassismus alle eine gesellschaftliche Verantwortung tragen. Wir haben alle anscheinend lange aneinander vorbeigeredet, beziehungsweise es noch nicht geschafft, miteinander zu sprechen. Deswegen sind solche Veranstaltungen wie die Podiumsdiskussion morgen ein wichtiger Anlass, um zu sagen, dass wir alle mit ins Boot holen möchten, dass wir mit allen sprechen möchten. Wir möchten aber vor allem uns selber diese Bühne nehmen. Diese Bühne soll für Menschen geschaffen werden, die nah an der "Initiative 19. Februar" dran sind, die nah an aktivistischen, wissenschaftlichen oder kulturellen Kreisen dran sind, die sich mit dem Thema Rassismus beschäftigen, und für Menschen, die von Rassismus betroffen sind.

Sie wollen den Blick weiten und vom reinen Gedenken zum gemeinsamen Nachdenken übergehen. Haben Sie den Eindruck, dass das ausreichend passiert? Es gibt auch eine offizielle Gedenkfeier mit der Rede des Bundespräsidenten, Kranzniederlegungen und so weiter. Wie nehmen Sie diese Art und Weise des institutionalisierten Gedenkens wahr?

Diedhiou: Ich freue mich, dass es passiert. Ich freue mich, dass tatsächlich mehr passiert als zu anderen Tagen. Ich hoffe, dass das eine Folge dieser Zäsur ist, dass etwas Neues entstanden ist, und dass das nicht nur so eine kurze Effekthascherei ist, weil jetzt alle über das Thema sprechen. Ich hoffe, dass das in Zukunft wirklich etabliert wird, und freue mich, wenn alle mit ins Boot kommen und wenn das auch von institutioneller Seite passiert.

Sie haben auch einen Bezug zum Theater, haben selbst auf der Bühne gespielt. Welche gesellschaftliche Relevanz hat aus Ihrer Sicht das Theater?

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Johanna Vater und Leyla Ercan stehen vor einer Wand mit Jahreszahlen mit Namen © NDR Foto: Agnes Bührig

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Diedhiou: Ich glaube, dass die Rolle des Theaters für alle gesellschaftlichen Schichten ein wenig verloren gegangen ist. Das Theater hat in den letzten Jahren, vielleicht Jahrzehnten, vor allem eine bestimmte Schicht dieser Gesellschaft angesprochen. Das Theater muss wegkommen von diesem elitären Charakter. Ich bin innerhalb dieser Schauspiellandschaft an die Grenze geraten, dass diese Institutionen häufig noch sehr traditionell, sehr elitär aufgestellt waren. Ich glaube, dass im Theater und in den Institutionen ein Umdenken stattfinden muss. Es steckt ein Riesenpotenzial im Theater, um die ganze Gesellschaft zu erreichen. Kunst ist für mich immer schon eine Stimme des Widerstands gewesen.

Sie sind auch Rapper - erreicht man darüber ein anderes Publikum? Welche Rolle können solche Kunstformen im Kampf gegen Rechts spielen?

Diedhiou: Man darf nicht unterschätzen, dass Rapper und Rapperinnen heutzutage eine unheimliche Reichweite haben und dass damit natürlich auch eine Verantwortung einhergehen kann. Deswegen finde ich es sehr wichtig, dass diese Verantwortung genutzt wird. Denn wer erreicht heutzutage noch die jungen Menschen? Ich bin in Jugendzentren, in Schulen unterwegs und habe das Gefühl, dass die jungen Menschen sich immer mehr nach Hause zurückziehen und nicht mehr so gerne diese Orte wahrnehmen, weil die Sprache nicht passt. Rapperinnen und Rapper sprechen die Sprache der Jugend. Die Jugend darf man nicht abschreiben, denn in der Jugend steckt unheimliches Potenzial, was wir nutzen müssen. Rapper und Rapperinnen sind da mit die wichtigsten Multiplikatoren. Da passiert aus meiner Sicht noch zu wenig.

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 18.02.2021 | 18:00 Uhr