Biogefährdungsschilder und Gefahrenzeichen mit der Aufschrift Kulturkrise © Bildagentur-online/Ohde

Ein Jahr Kultur trotz Corona: Was war, was wird?

Stand: 16.03.2021 09:57 Uhr

Vor einem Jahr begann der erste Lockdown. Für die meisten Kulturschaffenden war es der Beginn einer langen beruflichen Durststrecke. Der Ansturm auf die ersten Museen, die wieder öffnen, zeigt, wie sehr das Publikum die Kultur vermisst.

von Agnes Bührig

Mehr als ein Drittel der Unternehmen aus der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland beklagt im ersten Jahr der Pandemie Umsatzrückgänge von mehr als 70 Prozent. Die Folge: Viele von ihnen stehen vor dem Aus. So fasst die Vorsitzende des Landesverbandes Kultur- und Kreativwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern, Corinna Hesse, eine aktuelle Studie ihres Bundesverbandes zusammen. Zudem wünschen sich viele Mitglieder bessere Verdienstmöglichkeiten über das Internet.

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Weiße Plastikstühle stehen mit klarem Abstand in einem Park, im Vordergrund sieht man ein Absperrband. © photocase.de Foto: streifenkaro

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"Es sind noch nicht die rechtlichen Rahmenbedingungen dafür gegeben, dass Menschen, die ihre künstlerischen Produkte ins Internet stellen, davon auch ausreichend leben können. Wenn man es mit Frankreich vergleicht: Die haben ein großes staatlich finanziertes Portal aufgesetzt, wo Menschen, die Streamingangebote machen, dafür auch vergütet werden. Das heißt, von staatlicher Seite muss die Digitalisierung jetzt so angeschoben werden, dass es damit auch möglich ist, genügend Geld zu verdienen."

Sina-Mareike Schulte sieht großen Nachbesserungsbedarf

Denn längst sei die Kreativbranche ein Wirtschaftsmotor, gibt die Hörbuch-Verlegerin Corinna Hesse zu bedenken. Vor der Pandemie hätte ihre Bruttowertschöpfung auf Augenhöhe mit Branchen wie dem Maschinenbau oder der Energieversorgung gelegen. Doch wer auf Wirtschaftsförderung hofft, werde oft zwischen Wirtschafts- und Kulturministerium eines Bundeslandes hin- und hergeschickt. Das hat Sina-Mareike Schulte in der Pandemie erfahren. Sie setzt sich im Vorstand der Landesarbeitsgemeinschaft Jazz in Niedersachsen für die Bedürfnisse von Musikerinnen und Musikern ein:

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AUDIO: Die Diskussion zum Thema bei NDR Kultur kontrovers (30 Min)

"Gerade jetzt gibt es im Kulturbereich Menschen, die dringend Unterstützung brauchen, um die man sich im Vorfeld nicht so arg kümmern musste: die Soloselbständigen. Und da sehe ich einen großen Nachbesserungsbedarf, dass man zum einen Wirtschaft und Kultur an der Stelle zusammenführt, wo es geboten ist, und auf der anderen Seite Zuständigkeiten klarer macht."

Brosda: Schutz und Förderung von Kultur im Grundgesetz verankern

Es ist eine Forderung, die auch Carsten Brosda unterstützt. Als Hamburger Kultursenator und Präsident des Deutschen Bühnenvereins guckt er sowohl aus staatlichem Blickwinkel wie aus dem der Kulturschaffenden auf die Lage der Kultur. Wichtig, um sie am Leben zu erhalten, sei es, ihre finanziellen Bedürfnisse in den Haushaltsbudgets von Ländern und Kommunen festzuschreiben. Denn die Feststellung, Kultur sei wichtig, sollte nicht nur ein Lippenbekenntnis bleiben, sagt der Sozialdemokrat:

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"Ein Beispiel, um das sichtbar zu machen, wäre den Satz 'Der Staat schützt und fördert die Kultur', der seit 2007 auf der Agenda steht, im Grundgesetz zu verankern. Dann gäbe es nämlich auch eine Grundlage dafür, anders in die Debatten darüber hineinzugehen, wofür der Staat sein Geld ausgeben sollte."

Strittig ist nicht, dass aus der Krise gelernt werden muss. Doch wie die Kulturbranche auch als Wirtschaftsfaktor in der Gesellschaft mehr Würdigung erfahren könnte, wird weiter diskutiert werden. Hoffentlich geht den Kulturbetrieben unterdessen nicht die Luft aus.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | kontrovers | 15.03.2021 | 18:30 Uhr