Stand: 19.02.2019 17:54 Uhr

"Er konnte alles, was er las, auch behalten"

Bild vergrößern
Die Buchhandlung Felix Jud in Hamburgs Innenstadt hat Karl Lagerfeld geliebt.

Karl Lagerfeld ist tot. Der Mann mit dem weißen Pferdeschwanz, der dunklen Sonnenbrille und dem hochstehenden Kentkragen ist am Dienstag in einem Vorort von Paris gestorben. Mit ihm geht einer der bekanntesten und bedeutendsten Modeschöpfer der Geschichte. Er lebte seit den 1950er-Jahren vor allem in Paris, aber seiner Heimatstadt Hamburg blieb er verbunden - vor allem wegen der Buchhandlung Felix Jud am Neuen Wall. Über seine Geburtsstadt sagte Lagerfeld mal: Er würde Hamburg immer lieben, "zumindest solange es die Buchhandlung Felix Jud dort gibt". Sie sei sein intellektuelles Delikatessengeschäft, und ohne sie würde er verhungern. NDR Kultur hat mit Marina Krauth, der Geschäftsführerin der Buchhandlung, gesprochen.

Frau Krauth, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie an den wohl bekanntesten Kunden denken?

Marina Krauth: Zunächst einmal bin ich persönlich von der Nachricht seines Todes sehr getroffen. Natürlich wussten wir, dass es ihm nicht mehr so gut geht, und in einem Alter von über 80 Jahren muss man immer mit so einer Nachricht rechnen. Aber ich bin doch überrascht davon, wie nahe es mir geht. Das hat sicherlich mit dieser langjährigen und engen Beziehung zu tun.

Was hat diese Verbindung zwischen ihm und Ihrem Haus so besonders gemacht?

Interview

"Privat war Lagerfeld ein völlig anderer Mensch"

Karl Lagerfeld ist im Alter von 85 Jahren gestorben. Sein langjähriger Verleger Gerhard Steidl durfte auch die private Seite des Modezaren kennenlernen. mehr

Krauth: Diese Verbindung bestand in der Zusammenarbeit: Wir haben sein schönes "Coco Chanel"-Buch einmal präsentieren dürfen. Dazu hat er uns eigens einen Druck gefertigt und signiert, den wir dann extra anbieten konnten. Es gab also immer wieder auch gemeinsame Projekte.

Aber es war auch der rege Austausch über die Literatur, über die Philosophie - ein Austausch, der auch dazu führte, dass wir ihm Anregungen geben konnten. Vor seiner Modenschau in Salzburg beispielsweise bat er uns darum, ihm entsprechende Literatur zu liefern; vor der "Métiers d'Art"-Show in der Elbphilharmonie hat er sich noch einmal ganz intensiv für seine Heimatstadt Hamburg interessiert, und wir haben ihm dazu mit ganz umfangreicher Hamburg-Literatur verhelfen können - nicht nur, was die Geschichte und Literatur angeht, auch was die Architektur angeht. Das hat ihn alles interessiert und fasziniert.

Karl Lagerfeld selber hat mal gesagt, dass in seiner Privatbibliothek über 300.000 Bücher seien. Wie kann man sich das vorstellen, welche Bücher hat Lagerfeld eigentlich gekauft, hatte er besondere Vorlieben? Er war ja sowohl in seinem seinem Beruf als auch als Privatperson eine sehr extravagante Persönlichkeit - schlug sich das auch auf sein Kaufverhalten nieder?

Dossier

"Seiner Zeit voraus": Trauer um Karl Lagerfeld

Der Modeschöpfer Karl Lagerfeld ist am Dienstag in Paris gestorben. Er wurde 85 Jahre alt. Bürgermeister Peter Tschentscher würdigte den gebürtigen Hamburger als "außergewöhnlichen Hanseaten". mehr

Krauth: Er hatte schon sehr spezielle Interessen. In der Philosophie interessierten ihn zum Beispiel Figuren wie Spinoza, Fichte, Walter Benjamin - die hat er nicht nur gesammelt, sondern auch gelesen. In der Literatur waren es allen voran Rainer Maria Rilke, Thomas Mann und natürlich auch Eduard von Keyserling, dessen Erzählung "Landpartie" er illustriert hat. Er hat sich auch sehr für Märchen interessiert; es gab mal "Des Kaisers neue Kleider", ein wunderschönes, von ihm illustriertes Märchenbuch.

Er war ein unglaublich weiter Kopf, und er ist immer wieder vergleichbar mit Harry Graf Kessler. Er hat natürlich sämtliche Tagebücher von ihm gelesen und sich sehr intensiv mit ihm auseinandergesetzt. Kessler war ja auch der Initiator der Cranach-Presse. Lagerfeld hat die Cranach-Presse gesammelt - es ging ihm nicht nur um den Inhalt der Bücher, sondern auch um die ästhetische Gestaltung. Ich habe einmal zu ihm gesagt: "Herr Lagerfeld, Sie sind eigentlich der moderne Dandy, Sie sind wie ein Harry Graf Kessler!" Und dann kam wie aus der Pistole geschossen: "Ich bin kein Dandy, denn ich arbeite ja, und das ist der entscheidende Unterschied."

Er hat nicht nur gelesen und reflektiert, sondern die große Gabe gehabt, alles das, was er gelesen hat, auch wirklich zu behalten. Ich habe einmal zu ihm gesagt: "Herr Lagerfeld, wenn ich Sie um etwas beneide, dann ist das Ihr Gedächtnis." Und da hat er nur in seiner flinken, schnellen Art geantwortet: "Gedächtnis, Gedächtnis - das ist doch nur ein Muskeltraining in drei Sprachen." Man konnte sich mit ihm über jegliche Bücher, die er hatte, unterhalten. Er wusste nicht nur, wo sie standen, er wusste auch, was wo in diesen Büchern stand - unglaublich. Und er war nicht nur ein Leser, sondern auch ein großartiger Verleger.

Das Gespräch führte Sebastian Friedrich

Feature
NDR Kultur

Lagerfeld

NDR Kultur

Wer war der Mensch hinter der Marke Lagerfeld? Wer gehörte zu seinem Kosmos? Aus Anlass seines Todes strahlen wir das Feature zu Karl Lagerfelds 85. Geburtstag erneut aus. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 19.02.2019 | 17:40 Uhr