Mitglieder des Bundesjugendballetts tanzen auf der Nijinsky-Gala in der Hamburgischen Staatsoper. © Kiran West Foto: Kiran West

Doppelte Nijinsky-Gala: Ein stilles "Best Of"

Stand: 28.06.2021 12:34 Uhr

Die Nijinsky-Gala beendet die Hamburger Ballett-Tage aus Tradition - normalerweise in charmant-maßloser Länge und mit großem Orchester. In diesem Jahr war alles etwas anders. Warum die Gala trotzdem das Herz und die Tanzseele berührt hat.

Die Ballett-Tänzer Jacopo Bellussi (stehend) und Alessandro Frola (liegend) in John Neumeiers Pas de deux "Peter und Igor". © Kiran West Foto: Kiran West
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von Annette Matz

Eins ist auf jedem Fall - Gott sei Dank - auch in diesem Jahr gleich geblieben: Ballettchef John Neumeier führt durch das Programm und das Bundesjugendballett eröffnet die Vorstellung in der Hamburgischen Staatsoper.

Nijinsky-Gala: Beeindruckendes Bundesjugendballett

Gewohnt etwas anders, mehr zeitgenössisch barfuß als klassisch in Spitzenschuhen. Türen stehen auf der Bühne. Die acht jungen Tänzer und Tänzerinnen stoßen sie immer wieder auf. Zu lange hat die Pandemie sie zugehalten. "Einsame Verbundenheit" heißt dann auch ihr Stück, choreografiert von ihrem Ballettmeister Raymond Hilbert. Getrieben von Schuberts Musik tanzen sie energisch, suchend, erwartungsvoll.

Zum ersten Mal doppelte Gala

Die Klasse der jungen Compagnie ist immer wieder beeindruckend. Auch bei dieser Nijinsky-Gala, bei der so vieles anders ist. Zum allerersten Mal seit fast fünf Jahrzehnten gab es die Gala zwei Mal an einem Tag - nachmittags und abends.

Die Ballett-Tänzer Jacopo Bellussi (stehend) und Alessandro Frola (liegend) in John Neumeiers Pas de deux "Peter und Igor". © Kiran West Foto: Kiran West
Jacopo Bellussi und Alessandro Frola tanzen bei der Uraufführung des von John Neumeier kreierten Pas de deux "Peter und Igor".

Er hätte sonst nicht genug Platz für alle gehabt, sagt John Neumeier. Schließlich dürfen noch immer nur rund die Hälfte der Plätze besetzt werden. Außerdem gab es Kammermusik in kleiner Besetzung statt großes Orchester. Kleine Besetzung dominierte auch auf der Bühne: Es war die Gala der Paare und der eher leisen Töne.

Bravos gab es trotzdem immer wieder. Zum Beispiel für die charismatische Grande Dame das Hamburgs Baletts, Silvia Azzoni, die mit ihrem Mann Alexander Riabko zu Chopins "Nocturnes" tanzte. Oder für eine tänzerische Entdeckung - den 20-jährigen Alexandro Frola. Für ihn hat John Neumeier ein Solo kreiert, extra für diese Gala. Der junge Italiener ist erst seit 2019 beim Hamburg Ballett. Zieht man die Coronazeit ab, also fast noch ein Neuzugang. Einer mit wunderbarer Ausstrahlung und leichten, geschmeidig-exakten Bewegungen.

Berührende Gäste vom Königlich Dänischem Ballett

Sogar Gäste waren da - wie bei der Nijinky-Gala üblich. Nur diesmal, was die Entfernung und die Anzahl betrifft, etwas bescheidener. Vom Königlich Dänischen Ballett kamen Astrid Elbo und Ryan Tomash. Ihr Pas de deux aus "Othello" zu Arvo Pärts umwerfender Komposition war einfach hinreißend. John Neumeier hatte "Othello" 1985 für die Kampnagelfabrik choreografiert.

Auch eine Szene aus "Die Glasmenagerie" war zu sehen. Es war die letzte Premiere vor ausverkauften Haus - im Dezember 2019. Ein großer Erfolg, der auch jetzt Lust macht auf das nächste Handlungsballett. Die Zusammenstellung der eher stillen Ballettrevue hat nicht jeden vom Opernstuhl gerissen. Von anderen Nijinsky-Galas ist das Publikum eher Feuerwerk und Partylaune gewöhnt.

Chapeau für tollen Tanz trotz Widrigkeiten

Da halfen auch die Gershwin Variationen aus "Shall We Dance" nicht viel. Ohne New York-Skyline, 20 Tänzern auf der Bühne und Musical-Orchestersound bleibt der Ausschnitt allein irgendwie stecken - trotz dem exzellenten Tanzpaar Madoka Sugai und Alexandr Trusch.

Mit dem Motto "Celebration" hatte John Neumeier diese Gala überschrieben. Eine richtig ausgelassene Feier war es nicht. Erstklassig getanzt, aber eher ein bewegend-berührendes, manchmal vielleicht etwas stilles "Best Of". Aber vielleicht passt das ja genau zu der Zeit, die hinter dem Hamburg Ballett liegt. Mit all diesen Umständen im Hinterkopf kann man nur sagen: Chapeau!

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 28.06.2021 | 19:00 Uhr