Stand: 12.08.2020 16:40 Uhr

Direktor Heinz Bude stellt documenta-Institut vor

Heinz Bude ist als Gründungsdirektor des documenta-Instituts in Kassel vorgestellt worden. Der allseits angesehene und höchst renommierte Soziologe gibt im Interview erste Einblicke in die Aufgaben der neuen Einrichtung.

Herr Bude, zu Ihren ersten Aufgaben gehören die "Konkretisierung der inhaltlichen Programmatik sowie der Aufbau der internen und externen Organisationsstrukturen des documenta-Instituts". In welche Richtung soll es in diesem Institut gehen?

Heinz Bude © picture alliance / dpa Foto: Uwe Zucchi
Heinz Bude ist Professor für Makrosoziologie an der Uni Kassel.

Heinz Bude: Im Prinzip ist die Idee, von dem Konzept der Ausstellung her das gesamte Kunstfeld der Gegenwartskunst zu beschreiben. Die erste wichtige Erkenntnis in diesem Institut ist, dass Gegenwartskunst nicht gleich moderne Kunst ist. Im Gegenteil: Es sieht so aus, als ob im Begriff der Gegenwartskunst sogar eine Emanzipation von dem Begriff der modernen Kunst steckt. Kunst, die sich als Gegenwartskunst versteht, hat das Hauptinteresse, Gegenwart-gegenwärtig zu sein und kann dann zum Beispiel auf Bildwelten zurückgreifen, die man nicht unbedingt mit moderner Kunst in Verbindung bringt. Das ist genau das, was auf den verschiedenen documenta-Ausstellungen passiert ist. Bei der berühmten documenta, die Harald Szeemann kuratiert hat, war die Grundidee, dass die Nicht-Kunst einen Kunstcharakter bekommen hat, also die Kunst der sogenannten Geisteskranken. Ganz wichtig ist also die Vorstellung, dass man von der Idee der Ausstellung her eine Definition des Verhältnisses von Kunst, Gesellschaft und Politik vornehmen kann.

Das Institut soll "transdisziplinär" aufgebaut werden. Welche Disziplinen sind da inbegriffen?

Bude: Da ist erstmal die Archivwissenschaft, weil eine der wesentlichen Quellen für die Forschung dieses Institutes das documenta archiv sein wird, das schon 1961 gegründet worden ist. Das ist deshalb so interessant, weil dieses Archiv nicht nur die "Vorderseiten" der jeweiligen documenta-Ausstellungen dokumentiert, sondern die "Hinterbühne", in der ausgemacht worden ist, welche Künstler herangezogen werden, welche Konzepte hin- und herkommuniziert und welche politischen Aspekte berücksichtigt worden sind. All dies ist ziemlich interessantes Material, an dem man deutlich machen kann, dass eine Ausstellung nicht erst beginnt, wenn sie eröffnet wird, und auch in ihrer Nachwirkung noch eine große Bedeutung hat.

Natürlich beinhaltet es auch die Soziologie, weil Ausstellungen von Gegenwartskunst ein ganz bestimmtes Publikum heranziehen. Manchmal hat man das Gefühl, dass die documenta für manche Leute ein 'Place to be' ist, dass der Besuch einer documenta einen adeln kann für bestimmte gesellschaftliche Positionen. Wenn Sie heute Vorstandsvorsitzender eines deutschen Unternehmens werden wollen, ist es vielleicht nicht ganz unwichtig, auch mal auf der documenta gesichtet worden zu sein.

Sehr wichtig ist auch die Zeitgeschichte, die die politischen Dimensionen berücksichtigt. Was will man eigentlich mit diesen vielen Ausstellungen von Gegenwartskunst, die man heute Biennale nennt, von denen es mittlerweile 200 weltweit gibt? Die documenta ist also ein ungeheures Erfolgsmodell geworden und wird überall nachgeahmt. Immer neue Biennalen werden eröffnet, sodass man geradezu von einer Biennalisierung der Welt sprechen kann.

Spätestens seit einem Kongress des Deutschen Historischen Museums in Berlin im vergangenen Jahr wird offen an dem Gründungsmythos der documenta gekratzt, weil es da deutliche Verbindungen in die NS-Vergangenheit gibt. Wie wollen Sie diesen Komplex angehen?

Bude: Wir wollen auf diese kontaminierten Ursprünge relativ bald von den Perspektiven des Ortes aus zu sprechen kommen. Kassel ist in dreifacher Weise ein interessanter Ursprungsort für eine Ausstellung von Gegenwartskunst gewesen: Es war ein Ort an der Peripherie des Landes, wenn man von der Bundesrepublik von damals ausgeht. Zweitens ein Ort an der Systemgrenze zwischen den kapitalistischen und den sozialistischen Systemen. Es ist auch eine Art Aufstieg aus der Deckung gewesen: Kassel war einerseits schweren Bombardierungen ausgesetzt, auf der anderen Seite eine Nazi-Stadt. Diese ganzen Fragen der Geschundenheit der Stadt, aber auch der Täterschaft, die sich in der Stadt verbreitet hat, ist ein ganz wichtiger Punkt. Da kommt auch die Diagnose her, dass die erste documenta ein Kitt gewesen ist, dass man sich in die Gegenwartskunst gerettet hat, um den Zivilisationsbruch nicht zu deutlich werden zu lassen. Das wird eine wichtige Debatte sein, in der vor allen Dingen der Kritiker Werner Haftmann eine große Rolle spielen wird - eine interessante und vielgesichtige Figur. Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Wann wird das Institut seine Arbeiten aufnehmen können?

Bude: Es werden drei Professuren an dieses Institut berufen werden. Die werden frühestens im April nächsten Jahres mit ihrer Arbeit beginnen können. Der Platz, der ursprünglich für das Gebäude vorgesehen war, ist schon wieder umstritten. Ich rechne damit, dass vielleicht zum Ende meiner Gründungszeit, die in zweieinhalb bis drei Jahren sein wird, in etwa klar ist, wo das Gebäude entstehen wird. Wir reden also über eine Spanne von mindestens noch acht Jahren.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 12.08.2020 | 19:00 Uhr