Stand: 22.08.2019 16:50 Uhr

150 Jahre Kunsthalle: "Ein unglaublich offenes Haus"

Am 30. August wird die Hamburger Kunsthalle 150 Jahre alt. Gefeiert wird das Jubiläum aber schon das ganze Jahr, ab sofort auch mit der Jubiläumsausstellung "Beständig. Kontrovers. Neu.". Der Direktor der Kunsthalle, Alexander Klar, ist gerade mal seit drei Wochen offiziell im Amt.

Herr Klar, die aktuelle Ausstellung "Beständig. Kontrovers. Neu." trägt den Untertitel "Blicke auf 150 Jahre". Sie blicken als neuer Direktor ziemlich unbefangen auf diese 150 Jahre: Was sehen Sie?

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Alexander Klar hat zum 1. August 2019 die künstlerische und wissenschaftliche Leitung der Hamburger Kunsthalle übernommen.

Alexander Klar: Es ist schon interessant, dass man mit einer Geschichtsausstellung einsteigen darf. Ich blicke zum einen auf die 150 Jahre vom Genre her: Geschichtsausstellungen können schnell ein bisschen selbstzelebratorisch werden - das ist hier keinesfalls der Fall. Die Ausstellung ist - in bester Kunsthallenmanier - ordentlich selbstkritisch bzw. kritisch. Man muss wissen, dass es 150 Jahre sind, die vergangen sind, seitdem das erste Gebäude eingeweiht wurde. Man könnte sogar noch bis 839 zurückblicken, zum Nukleus der Kunsthalle.

Die Ausstellung ist klug gemacht, weil sie gegeneinander stellt, was geht und was nicht geht. Sie hat wunderbare Überschriften, die heißen "haben - nicht haben", "zeigen, nicht, zeigen", "öffentlich - nicht öffentlich" und "wissen - nicht wissen". Und eine Institutionen, die sagt, dass sie etwas nicht weiß - das ist schon mal ein guter Start.

Kunsthalle Hamburg

Jubiläum: Kunsthalle zeigt eigene Geschichte

Hamburg Journal -

Anlässlich ihres 150. Geburtstags präsentiert die Hamburger Kunsthalle eine Ausstellung, mit der die Geschichte des eigenen Hauses beleuchtet wird. Eröffnet wird in zwei Tagen.

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Was sehen wir denn da, wenn Sie sagen: "zeigen - nicht zeigen"? "Nicht zeigen" ist nicht gut, oder?

Klar: Die Frage ist: Was zeigt man nicht und aus welchen Gründen? Und das diskutieren wir da. Es beginnt mit einem sehr langen Zeitstrahl - man kann also tatsächlich durch die Geschichte laufen. Das ist eine Auswahl, und man merkt, was der Auswahlmodus sein kann und wie sehr Auswählen - was ja der Kurator tut - den Blick in eine bestimmte Richtung lenkt. An der Auswahl merkt man schon, dass bei einigen Stellen sehr scharf hingeguckt wird, und andere Dinge müssen aus Auswahlgründen überflogen werden. Und so gerät man im Endeffekt in eine Geschichte einer typischen deutschen Kunsthalle.

In der Ankündigung werden "unbekannte Einblicke und bislang unerzählte Geschichten des Hauses und der Sammlung" versprochen. Es gibt ja kaum etwas Interessanteres als unerzählte Geschichten - erzählen Sie doch bitte eine.

Klar: An einer Stelle prangt des schöne Schild "Freier Eintritt". Dahinter verbirgt sich eine Diskussion, die eigentlich bis heute brandet: Sollte man für ein Museum Eintritt verlangen? Es gibt Länder, wo das nicht so ist. Und da kann man ein bisschen hinter die Kulissen verschiedenster Entscheidungsfindungen blicken: Es gab mal Eintritt, dann wurde er abgeschafft; dann gab es wieder Eintritt - wird er demnächst wieder abgeschafft? Solche Geschichten sind mit den "bislang unerzählten Dingen" gemeint, und ich glaube, so sehr wie die Kunsthalle hat sich bis jetzt noch kein Museum, was ich kenne, auf die Finger geguckt.

Sie kommen aus einem großen Haus, dem Museum Wiesbaden, und haben da die ganze Museumsarbeit von der Pike auf gelernt: das Sammeln von Objekten, das Konservieren, das Sanieren usw. Was ist an der Kunsthalle anders?

Veranstaltungen

Jubiläumsausstellung: 150 Jahre Kunsthalle Hamburg

23.08.2019 10:00 Uhr
Hamburger Kunsthalle

Eine mutige Entscheidung: In ihrer großen Jubiläumsausstellung feiert die Kunsthalle nicht ihre vielen Schätze, sondern zeigt die Herausforderungen täglicher Museumsarbeit. mehr

Klar: Alle Museen, ob groß oder klein, sind irgendwie gleich. Unser heutiges Ethos, ein Museums zu betreiben, ist global ähnlich. Die Kunsthalle ist auf einem ganz anderen Niveau als mein vorheriges Haus: größer, eine größere Stadt, größere Besucherzahlen, größere Anforderungen an das Haus. Was man in Wiesbaden gemacht hat, hat die Kunsthalle vor 50 Jahren durchlebt. Und so gesehen ist sie den kleineren Häusern ein bisschen voran, sowohl in den problematischen Momenten, die sie durchlitten hat, als auch in den gloriosen. Die Kunsthalle ist ein unglaublich offenes Haus, was dazu führt, dass auch die Kritik manchmal ein bisschen Überschwang nimmt. Das ist schon anders als in Wiesbaden; da ist einem vieles durchgegangen, was in Hamburg einem bestimmt nicht durchgehen wird. Auch die geballte Power des Interesses und der Liebe zu dieser Kunsthalle ist beeindruckend.

Gibt es in der Ausstellung auch einen Blick in die Zukunft?

Klar: Das ist inherent in der Ausstellung vorhanden, aber es ist eine Geschichtsausstellung. Das heißt, sie blickt zurück bis jetzt - der Zeitstrang endet mit mir. Aber mit dem Blick in die Vergangenheit blickt man inherent auch nach vorne: Wie entwickelt man Dinge weiter, die sich in der Vergangenheit so oder so entwickelt haben? Ich denke, die Zukunft ist in der Geschichte immer mit eingebaut.

Welche Kriterien haben Sie bei der Weiterentwicklung der Sammlung? Muss es immer das Teuerste sein, weil es oft auch das Renommierteste ist?

Klar: Wenn man den richtigen Spender findet, dann kann man das als deutsches Museum sogar machen. Gottseidank sind wir vom Preis unabhängig, denn wir bestimmen das Marktgeschehen in gewisser Weise auch. Alles, was wir ausstellen, wird automatisch teurer - das fällt uns dann auf die Füße, wenn wir versuchen, selbiges zu erwerben. Museen sind schon in einer komischen Position.

Eine Sammlungsstrategie entwickelt man klugerweise mit den Kuratorinnen vor Ort - Petra Röttig und Brigitte Kölle sind kluge Kuratorinnen, die schon eine ganze Weile dort arbeiten, und ich bringe meinen Teil mit. Tatsächlich liegt einer meiner Konzentrationsschwerpunkte auf der Gegenwart, denn da entwickelt man ein Haus für die Zukunft weiter. Wir blicken zurück auf großartige Momente, gute Entscheidungen. Da wurden französische Impressionisten gekauft, als wenig deutsche Museen sich ähnliches trauten. Da wurde in den 20er-Jahren die Neue Sachlichkeit schon in Museumsrang erhoben, als das woanders noch nicht der Fall war. Und das ist auch eine Art Vorlage für uns. Dem müssen wir uns stellen und sagen: Auf diesem Niveau wollen wir heute auch sammeln.

Sich der eigenen Geschichte zu stellen, heißt derzeit auch, verstärkt auf die dunklen Kapitel zu schauen: auf unrechtmäßig erworbene Kunstwerke, die beispielsweise im Dritten Reich in die Sammlung gekommen sind. Welchen Stellenwert wird das in ihrer Arbeit einnehmen?

Klar: Weiterhin einen hohen, vielleicht sogar einen steigenden. In Wiesbaden habe ich das durchleben dürfen, weil mein fünffacher Vorgänger dort ein eminenter Nationalsozialismus-Mitschwimmer war, der seine Sammlung aus viel Beutegut zusammengestöpselt hat. Die Provinienzforschung wird steigend interessant sein - nicht nur wegen dem Dritten Reich, sondern auch wegen des Kolonialismus und ähnlichem. Die Geschichte von Bildern ist auch ihre DNA, und unabhängig davon, ob da Unrecht mitbeteiligt ist, ist es doch interessant zu wissen, was für eine Geschichte ein Bild hat. Deswegen ist Provinienzforschung heute zurecht ein ganz wichtiges Genre im Museum.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Alexander Klar vor der Hamburger Kunsthalle © dpa Foto: Ulrich Perrey

150 Jahre Kunsthalle: "Ein unglaublich offenes Haus"

NDR Kultur - Journal Gespräch -

In der aktuellen Ausstellung "Beständig. Kontrovers. Neu." blickt die Hamburger Kunsthalle auf ihre 150-jährige Geschichte. Der neue Direktor Alexander Klar stellt die Schau vor.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 22.08.2019 | 19:00 Uhr

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