Holger Volland © Manuel Rauch Foto: Manuel Rauch

"Wäre Deutschland eine Firma, gehörte die IT-Abteilung gefeuert"

Stand: 08.05.2021 07:07 Uhr

Der IT-Experte Holger Volland über die Chancen eines digitalen Corona-Impfpasses und die Versäumnisse von Politik und Gesellschaft in Sachen Digitalisierung.

Holger Volland © Manuel Rauch Foto: Manuel Rauch
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Wie wird der Alltag nach Corona aussehen? Wird der gelbe Impfpass künftig unser ständiger Begleiter sein? Oder werden Technik und künstliche Intelligenz helfen, neue Wege in die Freiheit zu finden? Über diese Fragen haben wir mit dem Autor Holger Volland gesprochen. Der KI-Experte hat gerade wieder ein Buch geschrieben. Es trägt den Titel: "Die Zukunft ist smart. Du auch?"

Herr Volland, Sie stellen in Ihrem Buch die Frage: Warum hat uns die Technik nicht vor Corona gewarnt?

Holger Volland: Das ist tatsächlich die Frage, die mich am meisten interessiert hat, als ich mitten in der Pandemie das Buch geschrieben habe. Denn wir können mit Algorithmen ja mittlerweile viele Arten von Vorhersagen treffen. Ich habe dann zum Beispiel eine Firma recherchiert, die weltweit für Airlines mögliche Epidemien und deren Verlauf vorhersagt. Und die Algorithmen untersuchen dafür Ausbrüche von Krankheiten in verschiedenen Gebieten anhand von Meldungen von Gesundheitsbehörden zum Beispiel. Es gibt weltweit Tausende Ausbrüche, die zu potenziellen Epidemien oder Pandemien werden können. Es zeigt sich, dass die Technik zwar diese einzelnen Ausbrüche auffinden und notieren kann, aber das reicht nicht aus. Denn bis es zur Pandemie kommt, braucht es auch den Zufall, wie zum Beispiel ein Superspreading Event. Und den Zufall kann auch Künstliche Intelligenz noch nicht vorhersagen.

In Deutschland wird geimpft. Wie aber geht es weiter? Israel hat ein rasantes Tempo an den Tag gelegt und auch schnell einen digitalen Pass zugänglich gemacht. Andere Länder sind ebenfalls vorgeprescht. In Deutschland überlegt man noch. Ist Deutschland in dieser Sache tatsächlich "smart"?

Buchcover: Holger Volland: "Die Zukunft ist smart. Du auch?" © Mosaik Verlag
"Die Zukunft ist smart. Du auch?" ist im Mosaik Verlag erschienen und kostet 18,00 Euro.

Volland: Es gab während dieser Pandemie so viel digitales Chaos und so wenig Abstimmung zwischen Bund und Ländern, dass ich sagen würde: Wenn Deutschland eine Firma wäre, dann gehörte die IT-Abteilung gefeuert. Die Meldungen von Infektionen erfolgen teilweise immer noch per Fax, weil man sich nicht auf ein gemeinsames Meldesystem einigen kann. Und vor diesem Hintergrund sehe ich auch ein bisschen schwarz, was einen schnellen und wirksamen und für alle verfügbaren Impfnachweis in digitaler Form angeht. Es gibt einzelne Landkreise, die jetzt schon vorgeprescht sind und eigene Scheckkarten-Systeme entwickelt haben. Und der Bund hat ein Konsortium beauftragt, um eine fälschungssichere App zu entwickeln. Dabei haben wir bereits eine Corona-App und eigentlich seit diesem Jahr auch die digitale Patientenakte, die dafür herhalten können.

Gesundheitsminister Spahn hat schon sehr früh einen digitalen Impfnachweis ins Spiel gebracht, das hat Anfang des Jahres aber keinen interessiert. Also ich hoffe mal sehr, dass die Politik jetzt nicht die schrecklichen Fehler wiederholt, die sie in den letzten eins, zwei Jahren gemacht hat, wann immer es um digitale Infrastruktur ging.

Stellen wir uns vor, wir bekommen den digitalen Impfpass. Was würde das genau bedeuten? Wie wird das technisch aussehen?

Volland: Die Basis für fast alle dieser Systeme, die zum Beispiel auch in Israel und Estland im Einsatz sind, ist ein sogenannter QR-Code. Und dieser Code, den jeder von uns bekommt, wenn er geimpft ist oder wenn er einmal Corona überstanden hat, verbindet den Impfnachweis mit persönlichen Daten. In einem zweiten Schritt wird der QR-Code mit Hilfe einer App eingescannt und zum Beispiel auf dem privaten iPhone oder Android Gerät hinterlegt. Diese App gibt wiederum einen QR-Code heraus und den kann man dann zeigen, wenn man zum Beispiel in ein Flugzeug einchecken oder ins Restaurant gehen will. Das funktioniert auch schon ganz gut bei einigen Systemen, die schon in Betrieb sind.

Man könnte jetzt meinen: man kann rasch, unkompliziert nachweisen: Geimpft! Wird mit dem digitalen Ausweis dann tatsächlich alles leichter, unkomplizierter?

Volland: Also ein bisschen kompliziert wird es schon bleiben. Das liegt daran, dass einfach noch viele Fragen offen sind. Zum Beispiel: Wie kommen bereits gesundete Personen oder Leute, die ihren zweiten Impfnachweis schon erhalten haben, an diesen QR-Code? Oder: Wie bewertet man den Immunitätsstatus von Gesundeten im Vergleich zu bereits einmal Geimpften? Und wir werden wahrscheinlich auch weiterhin eine zweite App brauchen, wenn wir irgendwo in ein Restaurant gehen, damit unsere Daten erhoben werden können. Man muss dann wahrscheinlich die Impf-App und gleichzeitig zum Beispiel die Luca-App oder die Corona-Warn-App vorzeigen. Wobei ich mich natürlich auch frage als Geimpfter: Wieso muss ich überhaupt meine Daten vorzeigen an der Tür? Ich muss ja dann wohl nicht in Quarantäne geben.

Mit dem digitalen Impfnachweis werden ja auch Daten offengelegt. Wie steht es um den Datenschutz? Und wie fälschungssicher sind die digitalen Pässe?

Volland: Ich bin ein großer Freund des Datenschutzes. Bei dieser Sache muss ich allerdings sagen: Ein Papier-Impfausweis ist die unsicherste Sache, die man überhaupt haben kann. Den kann man heute schon inklusive Stempel für 150 Euro online kaufen. Das heißt, jede Form, die wir jetzt ins Spiel bringen, kann den Status quo eigentlich nur noch besser machen. Wir haben ein Konsortium ausgewählt in Deutschland, das sich um diese Impfnachweis-App kümmern wird. Ich bin mir sehr sicher, dass das Konsortium technisch einen Weg wählen wird, der hochsicher ist. Wahrscheinlich werden sie dafür aber wieder so lange brauchen wie für die anderen Apps. Wir neigen dazu, den Goldstandard zu schaffen, auch wenn der uns dann leider oft Wochen oder Monate länger leiden lässt.

Grundsätzlich hat die Pandemie ja vieles offen gelegt, was in Deutschland nicht optimal läuft. Dazu gehört auch die digitale Kompetenz: die einen gehen fast spielerisch mit den neuen Möglichkeiten um, andere verzweifeln eher. Welche Hausaufgaben haben Politik und Gesellschaft zu machen?

Volland: Politik-Bashing, wie ich es ja auch gerade schon gemacht habe, ist einfach in diesen Tagen. Was wir dabei oft übersehen, ist dass wir alle Verantwortung übernehmen müssen. Und auch da haben wir, was unsere eigenen digitalen Fähigkeiten angeht, geschludert, um es einmal vorsichtig zu sagen. Ich habe bei den Recherchen für mein Buch gemerkt, dass es so viele Alltagsbereiche gibt, in denen die Digitalisierung wunderbare Erleichterungen bietet und enorm fortgeschritten ist, wir aber tatsächlich keine Ahnung haben. Unser Wissen hinkt also hinterher. Das betrifft Medizin, Bildung, unser Arbeitsleben, digitale Politik und so weiter. Welche Hausaufgaben haben wir also zu machen? Die Politik hat eine wichtige Hausaufgabe, die ich gerne mitgeben möchte: Schafft endlich ein Digitalisierungsministerium. Und die Botschaft an uns alle: Lasst uns smarter werden für unseren digitalen Alltag. Das kann sogar Spaß machen!

Das Gespräch führte Claudia Christophersen.

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NDR Kultur | Journal | 06.05.2021 | 18:00 Uhr