Stand: 21.02.2019 17:50 Uhr

KNV-Insolvenz: "Eine Katastrophe ersten Ranges"

Vor einer Woche hat die KNV-Gruppe, der größte deutsche Zwischenbuchhändler, Insolvenz angemeldet. Was heißt das für Verlage, Buchhandlungen und Kunden? Fragen an den Verleger Dietrich zu Klampen.

Herr zu Klampen, was bedeutet der Insolvenzantrag der KNV-Gruppe für den Buchmarkt, welche Dimensionen hat das?

Bild vergrößern
Dietrich zu Klampen ist Chef des in Springe residierenden zu Klampen-Verlags.

Dietrich zu Klampen: Das ist zunächst mal eine Katastrophe ersten Ranges. Wir haben in Deutschland mit Abstand das beste Buchverteilsystem der ganzen Welt. Diese Barsortimente, diese Zwischenhändler - das sind ja nur drei in Deutschland - machen das möglich, was sonst kaum einer schafft, nämlich die Bücher von heute auf morgen in die letzte kleine Buchhandlung zu bringen. Wenn von diesen Zwischenhändlern einer Insolvenz anmelden muss, dann bedeutet das, dass ein Großteil dieser Bücher nur mit Schwierigkeiten in die Buchhandlung gelangt - und das kann für niemanden eine Freude sein. Für uns als Verlage ist das deshalb so problematisch, weil es in Deutschland wahnsinnig viele kleinere unabhängige Verlage gibt, die unglaublich viel für den Buchmarkt tun, aber, wie in einer Kulturbranche üblich, immer hart am Limit arbeiten. Und wenn die dann Gelder nicht ausgezahlt bekommen, obwohl die Bücher verkauft wurden, dann trifft die das im Mark.

Haben Sie denn mit ihrem eigenen Verlag, der ja ein kleinerer Verlag ist, schon Verluste zu beklagen, oder sind das alles noch Möglichkeiten, die da drohen?

Zu Klampen: Ich gehe davon aus, dass wir mindestens für drei Monate die Umsätze, die wir mit KNV gemacht haben, abschreiben können. Vielleicht gelingt es dem Insolvenzverwalter, uns eine kleine Quote zurückzugeben, aber ich persönlich rechne nicht mehr damit. Dabei haben wir noch Glück im Unglück: Unser Verlag hat ein Verlagsprogramm mit anspruchsvoller Essayistik, mit Geschichtsbüchern, mit politischen Sachbüchern, die im Weihnachtsgeschäft, um das es hier geht, gar nicht so wahnsinnig stark nachgefragt werden. Wir haben keine Neuigkeiten ausgeliefert, und deshalb war unser Umsatz in den vergangenen drei Monaten gar nicht so wahnsinnig groß. Es gibt aber andere Verlage, bei denen das die Hauptverkaufszeit gewesen ist. Wenn die ihre Gelder von diesem Zwischenhändler nicht wiederkriegen, dann sehen die richtig alt aus.

Weitere Informationen

Buchhandel: KNV-Insolvenz - Ruf nach staatlicher Hilfe

Der größte deutsche Zwischenbuchhändler, KNV, ist insolvent. NDR Kultur hat über die möglichen Auswirkungen mit zwei Verlegerinnen aus Hamburg gesprochen. mehr

Nun ist die Insolvenz am 14. Februar angemeldet worden, und man fragt sich als interessierter Laie, warum denn das Weihnachtsgeschäft noch so eine große Rolle spielt. Hat das zu tun mit Zahlungsfristen, die in der Buchbranche auf ganz besondere Weise gesetzt werden?

Zu Klampen: Ganz genau so ist es. So ein Zwischenhändler kauft die Bücher von uns und hat sogenannte lange Zahlungsziele, nehmen wir mal an, drei Monate. Er hat die Zeit, diese Bücher dann zu verkaufen, und erst nach drei Monaten bezahlt er diese Rechnung. Auf dieses Geld, das wir für diese Zeit in Rechnung gestellt haben, können wir wohl lange warten.

Gibt es betroffene Kolleginnen und Kollegen, die unmittelbar dem eigenen Konkurs ins Auge schauen müssen?

Zu Klampen: Davon weiß ich glücklicherweise noch nichts. Ich weiß nur, dass sehr viele sehr laut klagen. Es sind kleinere Verlage dabei, die bis zu 100.000 Euro verlieren können - und das ist für uns Verlage einfach nicht zu verkraften. Man muss dazu sagen, dass wir schon vor gar nicht so langer Zeit das große Pech hatten, dass durch ein merkwürdiges Urteil - juristisch sehr begründet, inhaltlich nicht sehr begründet - wir gezwungen waren, an die Verwertungsgesellschaft "Wort" die sogenannte Kopierabgabe, die uns eigentlich zusteht, wieder zurückzuzahlen. Das war damals schon ein harter Schlag und hat dazu geführt, dass einige Verlage aufgeben mussten. Was jetzt so eine Insolvenz für Folgen hat, das wird die Zukunft weisen.

Es braucht die Verlage, und es braucht die Buchhandlungen. Sie selbst betreiben eine Buchhandlung: "Unibuch" in Lüneburg. Was merken Sie dort vom Geschehen, hat auch Ihre Buchhandlung zu leiden?

Interview

KNV-Insolvenz: Sorge um den Buchmarkt?

Die KNV-Gruppe hat Insolvenz angemeldet. Was bedeutet das für den Buchmarkt? Ein Gespräch mit dem Geschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Alexander Skipis. mehr

Zu Klampen: Unsere Buchhandlung hat an dieser Insolvenz glücklicherweise nicht zu leiden. Es gibt drei große Zwischenhändler, und wir arbeiten glücklicherweise überwiegend mit den anderen beiden zusammen. Deshalb sehen wir keine Lieferlöcher, im Gegenteil: Wir kriegen unsere Bücher pünktlich, und das, obwohl unser Hauptzwischenhändler eine Zusammenarbeit mit dem Bücherwagendienst der jetzt pleitegegangenen KNV-Gruppe ausliefert. Es sind die Buchhandlungen besonders traurig dran, die diesen Zwischenhändler KNV als erstes und einziges Barsortiment hatten. Wie die ihre Bücher kriegen, das weiß ich nicht.

Es gibt dramatische Appelle, etwa den einer Buchhandlung an die Kulturstaatsministerin Grütters, sie möge als Vermittlerin helfen. Gelegentlich wird auch schon staatliche Hilfe ins Spiel gebracht. Was halten Sie von solchen Vorschlägen und Forderungen?

Zu Klampen: In Anbetracht der Tatsache, dass die KNV-Gruppe ein sehr wichtiges Mitglied in der Buchfamilie ist und es, wenn es pleiteginge, zu verheerenden Folgen führen würde, wäre ich ausnahmsweise nicht dagegen, wenn dafür Sorge getragen wird, dass dieses Unternehmen aufgefangen wird.

Treibt Sie denn auch der Gedanke um, das Giganten des Onlinehandels in die Bresche springen könnten? Amazon nicht mehr als Kunde von KNV, sondern selbst als Zwischenbuchhändler, als Grossist - was dächten Sie darüber?

Zu Klampen: Das sollen die ruhig machen, davor habe ich nicht die geringste Angst. Welcher stationäre Buchhändler wäre denn so bekloppt, seine Bücher bei diesem Zwischenhändler zu bestellen? Amazon ist nun mal ein großer Konkurrent zu dem örtlichen, stationären Buchhandel, und der stationäre Buchhandel würde mit seinem Bestellverhalten Amazon alle Daten geben, die man überhaupt nur haben kann. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es eine Buchhandlung gibt, die diesen Service in Anspruch nehmen würde.

Das Interview führte Ulrich Kühn

Frau in einem Buchladen © picture-alliance/photoshot Foto: Sylvie Martel Rouquet

KNV-Insolvenz: "Eine Katastrophe ersten Ranges"

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Die KNV-Gruppe, der größte deutsche Zwischenbuchhändler, hat Insolvenz angemeldet. Was heißt das für Verlage, Buchhandlungen und Kunden? Fragen an den Verleger Dietrich zu Klampen.

4,71 bei 7 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 21.02.2019 | 19:00 Uhr

Übersicht

NDR Kultur

Das Journal auf NDR Kultur

NDR Kultur

Was gibt es Neues auf dem Buchmarkt? Wo laufen besondere Inszenierungen und spannende Ausstellungen? Welche Kinofilme sind sehenswert? Das Journal verrät es. mehr

Mehr Kultur

03:02
NDR Kultur
02:24
Hamburg Journal

Stewart Copeland in der Elbphilharmonie

21.03.2019 19:30 Uhr
Hamburg Journal
02:21
Hamburg Journal

Brecht: TV-Dokudrama von Heinrich Breloer

21.03.2019 19:30 Uhr
Hamburg Journal