Stand: 10.07.2017 18:46 Uhr

"Es ist wichtig, Störung von Zerstörung abzugrenzen"

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Dieter Thomä ist ein deutscher Philosoph und Professor an der Universität St. Gallen.

Beim G20-Gipfel haben Randalierer ein Chaos angerichtet, das zum Teil ein ungeahntes Ausmaß hatte. Wie konnte es dazu kommen? Was war los auf Hamburgs Straßen? Der Philosoph Dieter Thomä hat kürzlich über die "Philosophie des Störenfrieds" das Buch "Puer robustus" geschrieben.

Herr Thomä, "puer robustus" bedeutet auf Lateinisch "der robuste Knabe", also auch "Störenfried". Sie schreiben in Ihrem Buch von Kippfiguren, Schreck- oder Wunschgestalten. Aber: Was macht diesen Störenfried aus? Wie tickt der?

Dieter Thomä: Er bewegt sich am Rand der Ordnung. Das heißt, er steht an so einer Schwelle, wo er sich überlegt: Spiele ich mit? Verstoße ich gegen die Regeln? Und wo sich dann entsprechend die Ordnung, zu der er sich verhält, überlegen kann: Stoße ich ihn aus? Nehme ich dessen Anregungen an? Deshalb ist er so eine Kippfigur. Der Erfinder der Figur, der Philosoph Thomas Hobbes, hat eigentlich eher das Negative, das Gefährliche dieser Figur betont. Dann haben sich 400 Jahre lang die großen Geister den Kopf darüber zerbrochen, wie er seine Gestalt ändert, denn er hat eben so etwas Streitvolles in vielen Fällen, der bringt ein bisschen Bewegung in eine erstarrte Ordnung. Zum Teil hat er etwas furchtbar Abschreckendes. Immer, wenn ich in dem Buch an das Abschreckende geraten bin oder wenn ich als Bürger heute ans Abschreckende gerate, dann werde ich deprimiert und merke, dass es wichtig ist, Störung von Zerstörung abzugrenzen. Das ist ein entscheidender Punkt bei diesen Störenfrieden. Man würde Terroristen und auch viele der Leute, die da am Wochenende agiert haben, viel zu nett bezeichnen, wenn man sie als "Störenfriede" bezeichnen würde. Das sind "Zerstörfriede", wenn es das Wort gäbe.

Im Grunde ist dieser Störenfried kein neues Phänomen. Sie gehen in Ihrem Buch ein auf Thomas Hobbes, Marx, Engels und Carl Schmitt. Hat Ihr "puer robustus" etwas gemein mit dem, was sich im Schanzenviertel abgespielt hat?

Thomä: Man kann beobachten, dass es irgendwie wichtig ist, sich über die Unterscheidung klar zu sein - zwischen politischem Widerstand und so einer Art von Kampf, der stärker einer militärischen Logik folgt. Wenn man sich die alte Figur anschaut, dann ist die vom Wort her ein gefundenes Fressen dafür, um die wilden Kerle heute auch so zu bezeichnen. Von der Theorie her, die dahintersteckt, geht es immer ganz zentral darum, eine politische Auseinandersetzung von einer militärischen oder einer kriminellen Option abzugrenzen. Das Traurige an diesen Ereignissen ist, dass da so eine Art Schritt vom Politischen ins Militärische vollzogen worden ist.

Es fing harmlos an: Eine Yoga-Gruppe konnte man im Fernsehen sehen, dann die Protestboote auf der Alster. Dann verdunkelte sich die Szenerie und der "schwarze Block" kam in die Stadt. Wurde vielleicht durch diese schwarz vermummte Gruppe legitimer, friedlicher Protest diskreditiert?

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Thomä: Man muss sich das so vorstellen, dass es eigentlich der Wunsch dieser Leute war, so eine Art Showdown zu veranstalten zwischen zwei Akteuren: den G20-Mitgliedern auf der einen Seite und den "schwarzen Kerlen" auf der anderen Seite. Dadurch ist alles dazwischen unsichtbar und zum Opfer dieser Auseinandersetzung geworden.

Es gibt auch eine verheerende, unheimliche Ähnlichkeit zwischen den starken Kerlen da oben und den starken Kerlen da unten. Denn ein Punkt, der eine Rolle spielt, ist, dass dieser G20-Gipfel irgendwie so eine Art Ereignis war, aus dem bemerkenswerterweise nichts hervorgegangen ist und wo man auch schon wusste, dass nichts hervorgehen wird, wenn sich da die starken Kerle, wenn es zum Beispiel um das Klima geht, abseilen. Das ist natürlich auch so ein Macho-Gehabe; da spiegeln sich die starken Männer auf beiden Seiten. Und in diesem Showdown, der da gesucht worden ist, geht dann logischerweise der andere Protest unter und verliert leider diese Art Charme, die dem Protest in der Demokratie von allen guten Demokraten zugebilligt wird. Man denkt jetzt nur noch: Erdogan und Putin können nach Hause gehen und sagen: "Seht ihr, das passiert, wenn man in einer Demokratie lebt: Dann gibt es Chaos."

Muss erst das Chaos herrschen, die völlige Zerstörung erreicht sein, um dann Neues entstehen zu lassen? Ist das damit gemeint? Oder welche Ideologie steckt dahinter?

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Dieter Thomäs "Puer robustus. Eine Philosophie des Störenfrieds" ist bei Suhrkamp erschienen und kostet 35 Euro.

Thomä: Ein merkwürdiges Merkmal vieler solcher Ereignisse ist, dass die immer wortloser werden. Früher haben die Leute ein 20-Seiten-Pamphlet geschrieben. Diese Proteste heute, die weit über Protest hinausgehen, sind eigentlich wortlos. Das ist auch Teil dieser Verlagerung von der Politik in den Krieg. Die Entwicklungen in der Welt brechen über uns herein. Wir sind globalen Entwicklungen ausgeliefert, die unseren Alltag bis ins Innerste berühren. Jetzt ist die Frage, wie man darauf reagiert.

Man hat das Gefühl, man müsste auf die globale Entwicklung global reagieren. Dann gibt es den Pauschaltourismus in einer ganz bestimmten Variante, nämlich den Pauschaltourismus der Gewalt, der natürlich schrecklich ist. Aber der reagiert auf diese Verlegenheit, dass man fragen muss: Wie guckt man den Entscheidern auf Augenhöhe entgegen? Dieser Pauschaltourismus hat diese seltsame Eigenart, dass bestimmte Dinge als selbstverständlich genommen werden müssen. Hauptsache, bei dem All-inclusive-Angebot ist die Gewalt inbegriffen. Da ist es dann so, dass die Orte, in denen gelebt, gestritten, gestört wird, wie etwa das Schanzenviertel, letzten Endes unter die Räder kommen. Den Leuten ist es bei diesem Tourismus dann egal, wo sie eigentlich sind, Hauptsache sie können bestimmte Dinge tun, wie zum Beispiel Autos anzünden - egal wem das gehört, egal wo sie sind. Weil das gar nicht ihr Ziel ist - ihr Ziel ist, es mit einem imaginären Feind aufzunehmen.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

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NDR Kultur | Journal | 10.07.2017 | 19:00 Uhr

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