Stand: 11.08.2017 15:14 Uhr

Weltliche Lieder im Hamburg der Aufklärung

von Dagmar Penzlin

In Europa und eben auch in Deutschland begannen sich die freiheitlichen Ideen der Aufklärung im 18. Jahrhundert durchzusetzen. Wie sich die Errungenschaften dieser Epoche musikalisch ausdrückten, zeigt sich in den geselligen Liedern, die damals ab den 1730er-Jahren in großer Zahl in Hamburg entstanden. Dazu gibt es jetzt neue Forschungsergebnisse.

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Trinken und diskutieren, ohne Angst vor der Zensur, das versprach die Geselligkeit mit Gleichgesinnten.

Gedankenfreiheit war noch keine Selbstverständlichkeit, als Georg Philipp Telemann 1741 seine Oden veröffentlichte. Wenn es in der 1. Ode heißt "Auf! Stimmt ein freies Scherzlied an", dann ist das ganz programmatisch zu verstehen. Denn wenn junge, gebildete Leute sich im Hamburg der Aufklärung trafen, dann ging es nicht nur um gutgelaunte Geselligkeit, sondern oft auch um größere Lebensfragen, weiß die Hamburger Musikhistorikerin Katharina Hottmann: "Da geht es darum, dass wir uns mit Gleichgesinnten zusammenfinden wollen, wenn wir trinken. Das sind einerseits die männlichen Gleichgesinnte, die Brüder, die Freunde, die sich in einem gemeinsamen Geist versammeln und ein freies Scherzlied anstimmen. Das heißt, sie fürchten keine Zensur oder theologische Kritik, sondern sie wissen, dass sie sich in dieser Geselligkeit vertrauen können. Die andere Ebene ist die mit den Frauen und der Liebe, die dann auch mit den ebenso freien und gleichgesinnten Mädchen stattfindet. Trotzdem wird das immer in einen Rahmen gesetzt, es ist keine ausschweifende Lyrik."

Heiraten aus Liebe? Eine Idee der Aufklärung

Das war damals neu, dass sich jungen Frauen und Männer treffen durften. Die Idee der Liebesheirat kam auf. Auch hieß es in der Aufklärung: Mehr Bildung für Frauen! All’ diese gesellschaftlichen Veränderungen schildert Katharina Hottmann anschaulich in ihrer Studie zur weltlichen Liedkultur der Aufklärung in Hamburg. Das über 900 Seiten starke Grundlagenwerk ist gerade erschienen. Hottmann, zurzeit Vertretungsprofessorin am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Hamburg, gefällt an diesen Liedern auch, wie sie satirisch Kritik üben: "Da werden Figuren geschildert, die auf komische Weise deplatzierte Dinge tun, die sich zum Beispiel der Lebensfreude verweigern und stur gelehrten, trockenen Dingen folgen oder Dogmatiken vertreten. Dagegen stellt die zeitgenössische Literatur eine aufgeklärte Art der Lebensfreude, des Lebensgenuss. Das hat insgesamt einen positiven, zugleich auch sehr scharfen Geist, der mich von Anfang an fasziniert hat."

Buchtipp

Katharina Hottmann:
"Auf! stimmt ein freies Scherzlied an"
Weltliche Liedkultur im Hamburg der Aufklärung.
Metzler/Bärenreiter
944 Seiten
129,99 Euro

Neben Telemann waren es auch Komponisten wie Knuth Lambo und Johann Valentin Görner, die jene eingängigen Strophenlieder der sangesfreudigen Oberschicht lieferten. Katharina Hottmann würde sich wünschen, dass diese kammermusikalisch begleiteten Gesänge wieder in Konzerten zu hören wären: "Im Grunde ist das eine Geselligkeitskultur, die davon lebt, dass man dazu ein Glas Wein trinkt, und zwischendurch mal über die Texte redet und auch lacht. Sie ist eingebunden in Konversation oder in wirkliches gemeinsames Singen." Da Musiker und Veranstalter heute nach anderen Konzertformen suchen, stehen die Chancen für eine Renaissance der geselligen Lieder ganz gut.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Welt der Musik | 13.08.2017 | 18:00 Uhr

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