Szene aus dem Stück "Die Turing-Maschine" auf der Bühne des Theaters im Zimmer in Hamburg. © Theater im Zimmer Foto: Thorsten Jander

"Die Turing-Maschine": Premiere im Theater im Zimmer

Stand: 31.10.2020 10:26 Uhr

"Die Turing-Maschine" von Benoît Solès über das britische Mathematikgenie Alan Turing hat im kleinen Theater im Zimmer an der Alsterchaussee seine deutschsprachige Erstaufführung gefeiert. Bevor die Lichter im Theater wieder ausgehen, zeigt es, was es kann: das Drama des Menschseins erzählen.

von Peter Helling

Mitten auf der Bühne liegt ein roter Apfel. Vom Baum der Erkenntnis? Das Symbol der Verführung? Der vergiftete Apfel aus Schneewittchen? Wohl alles zusammen. Die beiden Schauspieler stehen am Anfang wie Spielfiguren vor großen Videoleinwänden. Darüber flackern Schwarz-Weiß-Aufnahme aus dem Zweiten Weltkrieg, Explosionen und Fliegerstaffeln. Dann wieder Zahlenkolonnen, Formeln, etwa, wenn Alan Turing in Zeitlupe joggt, den Blick nach vorne, die Zahlen scheinen direkt aus seinem Kopf zu rattern.

Szene aus dem Stück "Die Turing-Maschine" auf der Bühne des Theaters im Zimmer in Hamburg. © picture alliance / rtn - radio tele nord Foto: rtn, Patrick Becher
In dem Zwei-Personen-Stück spielen Axel Holst und Raphael Dwinger.

Es sind einfache, aber wirksame Theaterbilder, die Regisseur Jean-Claude Berutti und sein Team finden. Da entstehen Situationen wie von David Hockney gemalt: einsame Figuren vor leeren Wänden, angezogen von einer seltsamen, sinnlichen Energie.

Zwei Wahrheiten

Das ist eine wahre Geschichte, verrät der Programmzettel. Aber welche Wahrheit ist gemeint? Da schafft es ein verschrobenes Mathe-Genie, ein echter Nerd wie aus der Sitcom "The Big Bang Theory", den Zweiten Weltkrieg entscheidend zugunsten der westlichen Alliierten zu drehen. Alan Turing hat mit seiner Denkmaschine den Enigma-Code der deutschen Wehrmacht geknackt. Ein Genie, ein Held, ein Urvater der künstlichen Intelligenz. Oder ist es die Wahrheit eines schwulen Mannes, der nicht lieben darf, wie er will, und sich am Ende nach einer qualvollen Therapie das Leben nimmt? Dieser Theaterabend macht beide Wahrheiten glaubhaft.

Ein gefeiertes Stück aus Frankreich

Szene aus dem Stück "Die Turing-Maschine" auf der Bühne des Theaters im Zimmer in Hamburg. © Theater im Zimmer Foto: Thorsten Jander
"Die Turing-Maschine" erzählt das Drama des Menschseins.

Erst letztes Jahr wurde das Stück in Paris uraufgeführt und gleich mit vier "Molières", dem Theaterpreis Frankreichs, gefeiert. Ausgerechnet eines der kleinsten Hamburger Theater hat jetzt den Zuschlag für die deutschsprachige Erstaufführung bekommen, das ist schon ein kleiner Coup. Das traditionsreiche "Theater im Zimmer" in einer schmucken Villa in Alsternähe hat jetzt bewiesen, wie gut es neue Dramatik kann. Zwei hellwache und durchlässige Schauspieler, ein intimes, mathematisch klares Bühnenbild (Rudy Sabounghi), die präzise Regie: Herausgekommen ist ein emotionaler Theaterabend.

Der homosexuelle Turing verlischt

Axel Holst spielt Alan Turing, verkörpert ihn mit linkischer Intensität, einen Stotterer, einen genialen Außenseiter, der sich zu anderen Männern hingezogen gefühlt, glaubhaft, schwitzend, dauernervös. Ein zarter, sympathischer Typ. Die Rahmenhandlung beginnt einige Jahre nach Kriegsende, Turing meldet einen Einbruch in einem Polizeirevier. Der Beamte ist misstrauisch, will mehr über den seltsamen Kauz wissen. Raphael Dwinger wechselt in Rückblenden die Rollen, ist mal jugendlicher Liebhaber Turings, mal ein öliger Kollege in der Top-Secret-Denkfabrik Bletchley Park, mal knurriger Polizist. Er verkörpert in dieser Spielanordnung so etwas wie den kühlen und makellosen Spiegel des in sich verkrümmten Turing. 

Das Ungeheuerliche der Geschichte ist nicht etwa das Entschlüsseln des kriegsentscheidenden Codes. Obwohl der Moment schon großartig ist, wenn Turing alias Axel Holst den Schlüssel ausgerechnet im mechanischen "Heil Hitler" unter wirklich jedem Schreiben der Deutschen findet - "Ich glaube, die Deutschen werden den Krieg verlieren", sagt Turings Kollege darauf trocken. Nein, das wirklich Erschütternde ist, wie dieser einsame Mann langsam verlischt. Aus Einsamkeit. Berührend, die sehnsüchtigen Blicke Axel Holsts zu seinem Mitspieler. Und der? Als Polizist? Empfindet menschliche Zuneigung. Lässt die britische Contenance fahren.

Das Experiment des Menschlichen

Erst 2013 hat Queen Elisabeth den Helden Alan Turing rehabilitiert, Homosexualität galt und gilt viel zu lange als menschlicher Makel. Vielleicht verstärkt das Abstandsgebot durch Corona noch den Eindruck. Aber: Hier sind zwei isolierte Menschen zu sehen, die liebesbedürftig sind. Die sich aber nicht erreichen. Und wenn, dann über eine Schachfigur, die sie sich wie einen Taschenspielertrick zuwerfen. Es ist ein Stück über das Experiment des Menschlichen: Darin stecken wir alle. Und mehr denn je in diesen Corona-Zeiten.

Am Ende? Ein begeistertes und sichtlich bewegtes Publikum. Dennoch, es blickt mit Sorge in die nächsten Theater-losen Wochen: "Ich find‘s richtig traurig, ich mach mir ernsthaft Sorgen, das Umarmen fällt weg, die Kultur fällt weg, das gemeinsame Lachen fällt weg, und das macht viel", befürchtet eine Zuschauerin, ein anderer sagt zu den Theaterschließungen: "Nee, Verständnis hab ich dafür gar nicht, bei allem Verständnis dafür, dass man versuchen muss, diese Corona-Welle zu brechen." Wieder eine ist überzeugt: "Es ging nicht anders." Katerstimmung am Ende eines Theaterfests.

So kurz vor der erneuten Schließung aller Bühnen ist "Die Turing-Maschine" eine leise und bewegende Studie über die Einsamkeit. Ein psychologisches Kammerspiel, das berührt und hoffentlich im Dezember wieder im Theater im Zimmer zu erleben ist.

"Die Turing-Maschine": Premiere im Theater im Zimmer

Das Stück über Mathe-Genie Alan Turing ist eine der letzten Premieren in Hamburg vor der erneuten Schließung des Kulturbetriebs.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Theater im Zimmer
Alsterchaussee 30
20149Hamburg
E-Mail:
karten@theater-im-zimmer.de
Preis:
49 Euro
Anmeldung:
https://www.theater-im-zimmer.de/theater/
Hinweis:
Die Aufführungsdaten können sich ändern.
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 02.11.2020 | 19:00 Uhr