Stand: 08.10.2019 14:42 Uhr

"Die Türkei und ich führen gerade eine Fernbeziehung"

Agentterrorist
von Deniz Yücel
Vorgestellt von Michael Meyer

Der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel kam vor anderthalb Jahren aus der Haft in der Türkei frei. Seine Geschichte war stellvertretend für viele andere Journalistinnen und Journalisten, die im Gefängnis saßen und zum Teil noch immer sitzen.

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"Agentterrorist. Eine Geschichte über Freiheit und Freundschaft, Demokratie und Nichtsodemokratie" erscheint im

Der Vorwurf lautete: Förderung des Terrorismus. Yücels angebliches Vergehen war, dass er mit Mitgliedern der kurdischen Untergrundorganisation PKK sprach. Yücel wurde schließlich auf Druck der Bundesregierung freigelasssen. Über seine Zeit in Haft hat Deniz Yücel ein Buch verfasst, das am 10. Oktober erscheint. "Agentterrorist" heißt es - eine Anspielung auf jene kruden Vorwürfe, die ihm der türkische Staat, und wörtlich sogar Präsident Erdoğan machte. Gestern stellte Yücel sein Buch erstmals vor: Yücel las in kleinem Kreis in der Haftanstalt Berlin-Moabit.

Die Justizvollzugsanstalt Berlin-Moabit ist fast 150 Jahre alt und wirkt drinnen so, wie man es sich in einem Kriminalfilm vorstellt: lange Gänge, hohe Decken, alte Türen - und im Lichthof sind zwischen den einzelnen Etagen Metallnetze aufgespannt, damit sich keiner der Gefangenen in die Tiefe stürzt. In einer kleinen Kapelle hält Deniz Yücel seine Lesung ab, vor etwa dreißig Gefangenen.

Eine Szenerie wie im Kriminalfilm

"Auch wenn meine Geschichte in der Türkei spielt, ist es nicht verkehrt, sich mal ein, zwei Gefängnisse in Deutschland anzuschauen und zu sehen, wie die Haftumstände sind," so Yücel. "Ich war ein bisschen überrascht, dass man annehmen könnte, in Deutschland ist alles besser. Das ist gar nicht so, was die konkreten Haftumstände betrifft."

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Deniz Yücel stellt sein Buch "Agentterrorist" in der Haftanstalt Berlin-Moabit vor.

Diese Analyse überraschte auch die Gefangenen. Jene anwesenden Männer, die türkischstämmig sind, wussten recht gut Bescheid über den "Fall Yücel", andere kannten seine Geschichte nicht. Ein Gefangener fragte, ob es eigentlich einen Deal gegeben habe zwischen Deutschland und der türkischen Regierung: Panzer im Gegenzug für die Freilassung. Der damalige Außenminister Gabriel hat stets bestritten, dass es einen Deal gegeben habe.

"Es gibt keinen Deal."

"Das ist ein Versprechen, das ich der Bundesregierung abgenommen habe", erklärt Yücel. "Diese Panzergeschichte hat es nach allem, was öffentlich bekannt ist, nicht gegeben. Ich steck letztlich nicht drin, aber was ich sagen kann ist, dass sowohl Gabriel und Merkel mir immer wieder versichert haben: Es gibt keinen Deal."

Vor lauter Fragen der Gefangenen kommt Yücel gar nicht mehr dazu, aus seinem Buch zu lesen. "Agentterrorist" ist in einem lakonisch-ironischen Ton geschrieben. Yücel beschreibt, wie er manchmal sogar Spaß daran hatte, den türkischen Staat auszutricksen, etwa wenn er Wärter und Sicherheitsbeamte mit Briefen auf Deutsch und auf Türkisch verwirrte.

Doch es gab auch Rückschläge in dem Jahr, in dem Yücel im Gefängnis saß: Nicht nur, dass sich die Monate hinzogen. Im Gefängnis erfuhr er, dass sein Vater schwer an Krebs erkrankt war. Das habe ihn psychisch schwer getroffen, erzählt Deniz Yücel: "Dass ich in diesem Knast saß und dachte: Scheiße, nachher sehen wir uns nie wieder. Das war das Schwierigste, darüber habe ich auch nie öffentlich gesprochen. Aber im Knast habe ich mich immer gefragt: Was ist, wenn wir uns nicht mehr sehen können. Am Ende war das das viel Drängendere als die Frage, ob ich da noch etwas länger sitze oder nicht."

Yücel kommt vor lauter Fragen kaum zur Buchvorstellung

Yücel sprach auch über die Frage, dass noch immer 130 Journalisten in Haft sitzen - nur weil sie Journalisten sind. Die Situation habe sich nur leicht verbessert. Was ihm geholfen habe, sei auch immer die Unterstützung der Öffentlichkeit in Deutschland: Solikampagnen, Lesungen, Interviews.

Der Türkei-Korrespondent der "Welt" Deniz Yücel. © dpa picture alliance Foto: Karlheinz Schindler

Deniz Yücel stellt sein Buch "Agentterrorist" vor

NDR Kultur - Klassisch in den Tag -

Anderhalb Jahre nach seiner Freilassung aus türkischer Haft, stellt Deniz Yücel sein Buch "Agentterrorist" vor - in der Haftanstalt Berlin-Moabit.

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Selbst ein Journalist, der vor 15 Jahren ein Praktikum bei der taz gemacht hatte, schrieb ihm einen mitfühlenden Brief. Kurz vor seiner Entlassung wurde Yücel noch einmal bockig: Er wollte nicht in einen deutschen Regierungsflieger steigen, wollte nicht Teil eines Deals zwischen Deutschland und der Türkei sein, von dem damals noch nicht klar war, ob es einen gab oder nicht.

Und die Berliner Gefangenen? Die würden sich solche Unterstützung wünschen - konnten aber dennoch mit vielen Schilderungen Yücels durchaus etwas anfangen. "Es kommt einem schon bekannt vor, mit Gefängnis, mit Familie, mit all diesen Dingen", sagt ein Insasse. Und ein weiterer erzählt: "Man geht immer mit dem Gedanken in den Tag: mit dem Schlimmsten rechnen und das Beste hoffen. So schlägt man sich halt durch. Und gerade die Familie ist wichtig. Wenn man Besuch bekommt, da zehrt man von."

"Ich bin mit der Türkei noch nicht fertig, und die Türkei auch nicht mit mir"

Im Gegensatz zu den Gefangenen der Justizvollzugsanstalt Berlin-Moabit ist Deniz Yücel nun ein freier Mann. Heute, anderthalb Jahre danach, würde Yücel bis auf weiteres nicht mehr in die Türkei zurückkehren, auch wenn kein Haftbefehl gegen ihn vorliegt. Aber, sein Jahr im Gefängnis lasse ihn doch nicht richtig los: "Ich habe das Gefühl, dass ich weder mit der Türkei fertig bin, noch die Türkei mit mir. Aber im Moment betrachten wir uns aus der Ferne. Wir führen gerade eine Fernbeziehung, um es so zu formulieren."

Agentterrorist

von
Seitenzahl:
400 Seiten
Verlag:
Kiepenheuer&Witsch
Veröffentlichungsdatum:
10.10.2019
Bestellnummer:
978-3-462-05278-7
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 08.10.2019 | 06:40 Uhr