Stand: 07.05.2019 17:03 Uhr

Kraftvolles Burgtheater-Gastspiel in Hamburg

von Peter Helling

Einmal im Jahr haben Hamburger und Hamburgerinnen Gelegenheit, hochklassiges Theater aus dem deutschsprachigen Raum zu sehen: beim Hamburger Theaterfestival. Das geht jetzt in die elfte Spielzeit und findet in diesem Jahr zum ersten Mal im Frühjahr statt - statt wie bisher im Herbst. Bis zum 13. Juni werden Gastspiele aus Wien, München, Berlin und eine Eigenproduktion an verschiedenen Orten der Stadt gezeigt. Am Montagabend war die feierliche Eröffnung im Deutschen Schauspielhaus. Bürgermeister Peter Tschentscher hielt die Eröffnungsrede.

Szene aus Theaterstück "Die Orestie".

Hamburger Theaterfestival gestartet

Hamburg Journal -

Das Hamburger Theaterfestival lockt jedes Jahr Stars und gefeierte Produktionen in die Hansestadt. Den Auftakt machte das Wiener Burgtheater mit dem Stück "Die Orestie".

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Festival-Intendant Nikolaus Besch präsentierte ein hochkarätiges Programm - das fast wie ein politisches Statement klingt: Es beginnt mit der Antike - und es endet mit der Antike. Am Montagabend mit der "Orestie" vom Wiener Burgtheater - und am 12. Juni mit "Medea" vom selben Theater. Besch erinnerte in seiner Eröffnungsrede daran, dass die Demokratie aus Griechenland stammt - und sich diese Staatsform im Theater ihrer selbst versichert habe. Ins Theater zu gehen war Bürgerpflicht - inklusive Verdienstausgleich, betont der Intendant mit einem Schmunzeln. Auf dem Theater erlebte der Bürger, was die Gesellschaft unbedingt vermeiden solle: Rache, Blutrecht, blinde Vergeltung, exemplarisch vorgeführt in "Orestie" und "Medea".

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Schauspielerin Caroline Peters (li.) in der Burgtheater-Produktion "Orestie".
"Orestie": Gründungsmythos und Splatter-Stück

In beiden Stücken spielt Caroline Peters die Hauptrolle. Die bekannte Filmschauspielerin ist auch Ensemblemitglied am Wiener Burgtheater. Im Eröffnungsstück, der "Orestie" von Aischylos, steht sie zusammen mit sechs Kolleginnen auf der Bühne des Schauspielhauses, mit Lehm beschmiert, unter krauser Perücke, mit grell geschminktem Mund - und flüstert, haucht, schreit das älteste bekannte Theaterstück in den voll besetzten Saal. Das Stück ist so etwas wie der Gründungsmythos der Demokratie. Und es ist ein Splatter-Movie, ein blutrünstiges Rachedrama. Angesiedelt ist es im Sagenraum rund um den Trojanischen Krieg. Es erzählt, wie der siegreiche Feldherr Agamemnon nach dem Fall Trojas in die Heimat zurückkehrt - und dort von seiner Ehefrau in der Badewanne umgebracht wird. Worauf Orest, der Sohn, die Mutter erschlägt. Mord folgt auf Mord - und Rachegeister verfolgen Orest fast in den Wahnsinn. Bis Göttin Athene den Konflikt löst, das Gesetz von der Blutrache abschafft und Recht, Ordnung, Abstimmung einführt. Die Geburt unserer Demokratie.

Heldentum endet meist tödlich

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Aus dem Chor der Rachegeister treten die Figuren des Dramas hervor.

Der Regisseur ist in Hamburg kein Unbekannter: Antú Romero Nunes, Hausregisseur am Thalia Theater. Aber es ist eine seiner schwächeren Arbeiten. Ganz großes Plus: großartige Schauspielerinnen, die den alten Text wirklich denken und durchdringen. Aus ihrem Chor der Rachegeister ploppen die Figuren des Dramas heraus, manchmal regelrecht widerwillig, als müssten sie zur Heldenrolle gezwungen werden. Kein Wunder, denn Heldsein endet meist tödlich. Erlesenes pastellfarbenes Licht fällt auf einen Bühnenregen und aus der Tiefe der Bühne rinnt schwarzes Theaterblut nach vorne. Tolle Bilder, starke Effekte - und Pyrotechnik. Da wummst es ganz schön, wenn Athene erscheint, mit Goldhelm und Goldbrünne. Aber die Inszenierung wirkt statisch, konstruiert, verlässt sich ganz auf den Chor und seine fulminante Gestaltung der Textmassen. Nur: Das berührt nicht.

Am Schluss wird die Inszenierung aus Wien brisant

Dass hier etwa das Recht auf Rache abgeschafft wird - und durch das moderne Recht auf Abstimmung und Mehrheitswillen ersetzt wird: Es bleibt eine schön formulierte und oft herausgebrüllte Behauptung. So konzentriert sich alles auf das Ende. Dann nämlich, wenn Schiedsrichterin Athene den zombiehaften Rachegöttinnen bunte Kleider aus der Mottenkiste spendiert. Das Archaische wird zivilisiert und zurechtgestutzt, bleibt aber lauernd unter der Oberfläche. So fährt das Licht ganz langsam auf diesen scheinbar gezähmten Chor herunter. Der von der Angst raunt, einer Angst vor der Auflösung der Gesellschaft. Und damit trifft die Inszenierung endlich einen höchst brisanten Nerv. Die alles entscheidende Frage bleibt im Raum: Gilt es noch, das Recht auf Recht? 70 Jahre nach Einführung des Grundgesetzes ist das eine Frage, die heute alle angeht.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 07.05.2019 | 19:00 Uhr

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