Henrike Naumann © dpa-Zentralbild Foto: Claudia Drescher

"Die Macht der Bilder": Zwischen Radikalisierung und Ästhetik

Stand: 08.03.2021 16:29 Uhr

Montagabend spricht die Künstlerin Henrike Naumann in einer Zoom-Veranstaltung im Kunstverein Hannover über "Die Macht der Bilder". Zuvor sprach sie darüber auf NDR Kultur.

Henrike Naumann © dpa-Zentralbild Foto: Claudia Drescher
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Henrike Naumann versucht mit ihrer Arbeit Zusammenhänge zwischen Radikalisierung und Ästhetik aufzudecken. Den NSU hat sie genauso im Blick wie die Reichsbürger-Bewegung oder die Bilder vom Sturm auf das Capitol in Washington D.C..

Frau Naumann, wir Menschen wollen Bilder erschaffen. Warum? Welche Wirkmacht haben sie auf uns?

Henrike Naumann: Es ist spannend, dass Sie das fragen, weil ich selber, obwohl ich Künstlerin bin, gar nicht gerne Bilder erschaffe, sondern eher versuche sie einzuordnen. Das hängt auch damit zusammen, wie ich groß geworden bin: Ich bin in der DDR geboren und habe die Wende als Kind erlebt. In den 90er-Jahren kamen ganz viele neue Bilder und Ästhetiken aus dem Westen, die mit den Bildern, die ich aus der DDR kannte, geclasht sind. Daraus entstanden Reibungsflächen. Deshalb habe ich mich immer für Ästhetiken interessiert, die im ersten Moment total überfordernd sind, nicht so richtig Sinn machen und fast schon lächerlich wirken - wo aber eigentlich total viel an Inhalt und an Politik drin steckt.

Die Veranstaltung des Kunstvereins trägt den Titel "Die Macht der Bilder". Wann wird diese Macht gefährlich?

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Naumann: Ich glaube in dem Moment, wo wir Bilder nicht richtig ernst nehmen. Das habe ich auch beim Sturm aufs Kapitol in den sozialen Medien gesehen: Man findet die Bilder irgendwie witzig, teilt sie und kann kaum glauben, dass da wirklich Leute in Kostümen, mit Hörnern herumlaufen. Mich hat das an meine Arbeit "Das Reich" von 2017 erinnert, wo ich auch mit solchen Bildern einer fiktiven Machtübernahme der Reichsbürgerbewegung im Kronprinzenpalais in Berlin gearbeitet habe, wo der Einigungsvertrag 1990 unterzeichnet wurde. Da hat sich mir auch diese Frage gestellt: Was mache ich mit dieser Bewegung? Was mache ich mit den Bildern, die die Reichsbürger*innen von sich selbst produzieren, mit einer Ästhetik, die auf den ersten Blick karnevalesk, merkwürdig und lächerlich wirken kann, dahinter aber eine rassistische Ideologie steckt? Wie kann ich diese Bilder auseinandernehmen und untersuchen, aber gleichzeitig als eine Drohung ernst nehmen? Es motiviert mich, mir diese Bilder vorzunehmen und diese Ästhetik zu knacken.

Welches Bild fällt Ihnen zum heutigen Weltfrauentag spontan als erstes ein?

Naumann: Ein Bild, das mein Großvater von meiner Großmutter Anfang, Mitte der 50er-Jahre gemalt hat. Das ist für mich das Bild zum Frauenkampftag. Zum einen ist sie da als wunderschöne junge Frau zu sehen. Sie wollte eigentlich auch Künstlerin werden, hat das aber zugunsten der Karriere ihres Mannes nicht gemacht, sondern die Pflege der Kinder übernommen und ihr ganzes Leben lang seine Arbeit unterstützt. Sie war total stolz, als ich ihr gesagt, habe, dass sich bildende Kunst mache. Die ganze Kunstgeschichte ist voll von solchen Biografien, für deren Sichtbarkeit und auch die Sichtbarkeit der kommenden Künstlerinnengenerationen viele Leute heute auf die Straße gehen.

Das Interview führte Andrea Schwyzer.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 08.03.2021 | 18:00 Uhr