Stand: 09.10.2019 16:37 Uhr

"Die Hamletmaschine" am Theater Vorpommern

von Juliane Voigt

30 Jahre nach dem Mauerfall lohnt sich ein Rückblick auf die Gesellschaftskritik in der DDR, wie sie am deutschen Theater praktiziert wurde. Aber auch auf die umwerfend kraftvolle und mitreißende Sprache des Dramatikers Heiner Müller. Das Theater Vorpommern feiert am 11. Oktober in Greifswald die Premiere seines Stücks "Die Hamletmaschine" und zeigt damit, dass Müller aktueller ist denn je.

Hamlet tritt auf - der Schauspieler Felix Meusel. Mit auf der Bühne: Ronny Winter. Er spielt den Onkel, der Hamlets Vater ermordet hat. Mit ihm die zwei Frauen, Ophelia und Hamlets Mutter, die Untreue. Alle vier in schwarz-weißen Kostümen, wie Spielfiguren.

Felix Meusel spielt in der Rolle des Hamlet in Müllers "Die Hamletmaschine".
Die DDR das bessere Land?

Voller Hass auf sich selbst und die Welt des Kalten Krieges lässt Heiner Müller seinen Hamlet wüten. 1977 hatte er Shakespeares "Hamlet" übersetzt und während der Beschäftigung mit der Figur seine eigene Stellung in der Gesellschaft analysiert. Das Stück, das er danach entwickelt hat, nannte er "Die Hamletmaschine". Theaterwissenschaftlich ein schwerer Brocken, findet Dramaturg Sascha Löschner. "'Hamletmaschine' ist ein Textblock in fünf Teilen, der aber keine Unterscheidungen mehr macht, wer spricht. Regieanweisungen sind von Sprechtexten ununterscheidbar. Es gibt keine eindeutig zuordenbare Protagonisten mehr. Das ist alles ein schwebender, schwirrender Zustand der Instanzen, die sprechen. Ein Text, an dem sich die Literaturwissenschaft bis heute abarbeitet, keiner versteht ihn."

Feline Zimmermann, Ronny Winter, Susanne Kreckel und Felix Meusel in "Die Hamletmaschine".  Foto: Vincent Leifer

"Die Hamletmaschine" feiert Premiere am Theater Vorpommern

NDR Kultur - Klassisch unterwegs -

30 Jahre nach dem Mauerfall widmet sich das Theater Vorpommern dem DDR-Theatermacher Heiner Müller mit einer Inszenierung seines Stücks "Die Hamletmaschine".

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Neun Seiten Text, mehr hatte der Autor nicht zu sagen. Er hatte einen Endpunkt erreicht, die Illusion, dass die DDR das bessere Land sei - nach dem Prager Frühling und der Biermann-Ausbürgerung - aufgegeben. So undurchdringlich diese Textflächen auch sein mögen, sie werden Wort für Wort auf der kleinen Bühne des Greifswalder Theaters lebendig. Regisseurin Annett Kruschke hat sich ganz und gar auf Heiner Müller eingelassen: "Alle, die wir den Text das erste Mal gelesen haben, haben ihn nicht verstanden. Dazu kommt aber, dass es mehr Dinge gibt, die man auch auf dieser Welt verstehen kann. Die Textfläche ist an einem Theaterabend auch nicht alles. Ein Theaterabend ist ja ein Erlebnis. Und dieser Raum, der ein Erlebnis schaffen oder einen auch rausschleudern kann - aus dem Wunsch heraus, alles zu überblicken - das ist ja sehr machtvoll", so die Regisseurin. "Wenn ich alles überblicken möchte wie in einer Bedienungsanleitung, wo ich dann Klarheit habe, dann kann ich eigentlich auch eine Bedienungsanleitung lesen."

Vom Leid zur Rache: Ophelia in Doppelbesetzung

Die vier Schauspieler auf der Bühne sind so jung, dass sie die DDR gar nicht mehr erlebt haben. Die Abrechnung mit dem Kommunismus ist für sie irgendwas Vergangenes. Das Aufbrechen von Strukturen der täglichen Lebenswelt aber ließe sich von Heiner Müller noch heute übernehmen. "Und insofern interessiert uns natürlich heute: Wie gehen wir mit so einem Stoff um, der dazu geeignet schien, ein Ende einer Epoche zu bebildern oder zu spiegeln?", erläutert Dramaturg Löschner. "Und wie gehen wir 30 Jahre danach damit um? Wir haben uns sehr auf einen Generationswechsel konzentriert. Da kristallisierte sich relativ schnell heraus, dass das, was für Heiner Müller auch schon sehr wichtig war, das Geschlechterverhältnis, nach wie vor sehr virulent ist. Wobei eben auch Heiner Müller diese Figur der Ophelia aufgewertet hat." Sie erfahre eine eine Wandlung vom leidenden Wesen, der Ophelia, zur Rachegöttin, der Elektra.

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Zwei "Ophelien" spielen ihren Text ohne Dialog dennoch szenisch. Hier in der Rolle zu sehen: Schauspierlin Susanne Kreckel.

Ophelia 1 und Ophelia 2 - sie liegen in ihrem Spiel wie Schichten aufeinander. Die beiden Schauspielerinnen spielen diesen Text ohne Dialog dennoch szenisch, wie ein Kreisspiel. In sich wiederholende Gesten, abwechselnd und doch zusammen. Beide legen eine eigene Körpersprache in die Worte. Susanne Kreckel demonstrativ in Aufruhr. Feline Zimmermann mit Leichtigkeit die Last abstreifend.

Witzig und todernst zugleich

"Unter dem Deckmantel Hamlet und Ophelia sind eigentlich die Anteile in einem selbst," so Regisseurin Kruschke. Diese unterschiedlichen Anteile würden sich aufsplitten - wie die unterschiedlichen Besetzungen des Hamlet und der Ophelia. "Man weiß nie, wo man reingeboren wird und welche Aufgaben man hat. Dann begegnen sich diese doch verschiedenen Menschen oder Anteile und man meint, das ist ein anderer. Aber man muss sich eben mit sich auseinandersetzten."

Aus neun Seiten Text sind auf der Greifswalder Bühne im Laufe des Probenprozesses knapp anderthalb Stunden Theaterspiel entstanden. Gespielt wird auf einer Bühne aus schwarzen Plastikpaletten, deren Oberfläche immer weiter aufgehoben wird. Es ist ein Abend mit kräftiger Sprache und kräftigen Bildern, ebenso witzig wie todernst.

Dieses Thema im Programm:

Klassisch unterwegs | 09.10.2019 | 16:20 Uhr

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