Stand: 12.03.2018 14:58 Uhr

Premiere von "Die Edda" am Schauspiel Hannover

von Agnes Bührig

Wo kommt unsere Welt her, warum ist sie, wie sie ist und wie hängt alles miteinander zusammen? Das sind Fragen, die den höfischen Dichter Snorri Sturluson schon im 13. Jahrhundert beschäftigten: Der Isländer trug die Mythen über die Entstehung der Welt, ihre Götter und Helden in der "Jüngeren Edda" zusammen. Jetzt haben sich die Isländer Thorleifur Örn Arnarsson und Mikael Torfason daran gemacht, sie neu zu lesen und für das Theater zu schreiben. Nun wird "Die Edda" am Schauspiel Hannover uraufgeführt.

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Die nordische Mythensammlung "Edda" ist jetzt als zeitgenössische Theaterfassung in Hannover zu sehen.

In der Mitte der Bühne rotiert ein riesiges Baugerüst unablässig um einen kargen Baumstamm. Darauf: ein braunes Fell, Textilien, eine Harfe. Davor: ein Haufen gelbe Plane, frisch eingeschneit. Thorleifur Örn Arnarasson probt den zweiten Teil seiner Version der "Edda". Nach der Entstehung der Welt, dem Auftritt der Götter und nachdem diese ihre menschlichen Eigenschaften entdeckt haben, sehen sie ihrem Ende entgegen, sagt der Regisseur: "Der zweite Teil ist die Bahn in den Untergang. Die Bühne dreht und dreht und dreht und dreht, und da ist kein Ausweg. Die Spirale ist jetzt unausweichlich. Und vielleicht ist unsere komplette Welt so wie die Welt der Götter in dieser unausweichlichen Spirale."

Eingewoben in ein Schicksalsnetz

"Die Götter verursachen ihren eigenen Untergang, weil sie ihre Unsterblichkeit irgendwann nicht mehr aushalten", sagt Thorleifur Örn Arnarsson. Für ihn ist das eine tiefgreifende Reflexion über den freien Willen und zugleich ein Widerspruch: denn Odin, Thor und Freya sind auch eingewoben in ein Schicksalsnetz. Verhandelt wird hier das Verhältnis des Einzelnen zu seiner Umgebung, Individuum und Gesellschaft: "Dieser Widerspruch ist für unsere Umbruchzeit eine absolute Notwendigkeit oder hat eine Dringlichkeit. In diesen säkularen, demokratischen Systemen, die wir uns langsam wegbauen, haben wir vielleicht den Gesellschaftsmythos an den Individualismus verloren."

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Teilweise haben die Autoren eigene Erfahrungen über die literarischen Figuren gelegt.
Schwer spielbare Götter

"Seine Zähne knirschten. Ich kann es noch immer nicht glauben, dass er dachte, es sei lustig, am Alkohol zu sterben", lautet ein Auszug des Textes im Stück, unterlegt von Musik. Ausgangspunkt für den neu geschriebenen Text sind ganz persönliche Beweggründe: Co-Autor Mikael Torfason verlor im vergangenen Jahr seinen Vater. Während dessen Krankheit las er die "Edda", die immer wichtiger wurde. Denn: Auch die Götterfigur des Baldur setzt sich mit dem Tod auseinander. Torfason legte seine eigenen Erfahrungen über die der literarischen Figur - für die Schauspieler ein wichtiger Ansatzpunkt in der Interpretation, sagt Schauspielerin Sarah Franke: "Wir haben für unsere Arbeit länger Zeit gehabt als sonst. Und wir hatten einen interessanten Arbeitsvorgang: Durch Eigenarbeit haben wir uns erst einmal dem Stoff genähert und die eigene Performances kreiert. Während der Arbeit haben wir gemerkt, dass man diese Götter schwer psychologisieren kann - und dass es sich dabei nicht um Figuren handelt, die so einfach spielbar sind."

Reflexion für Individuen und Gesellschaft

Doch das Autorenteam hat Erfahrung mit der Einrichtung komplexer Stoffe fürs Theater. Als erste Arbeit fürs Schauspiel Hannover brachte Thorleifur Örn Arnarsson im vergangenen Jahr eine bildgewaltige Inszenierung von Shakespeares "Hamlet" auf die Bühne. Mikael Torfason hat sieben Romane veröffentlicht, schreibt regelmäßig für Film und Theater. Gemeinsam entwickelten sie 2015 ihre Version der "Njáls saga", räumten damit beim isländischen Theaterpreis Gríman zehn Auszeichnungen ab. Das zeige die Aktualität auch der "Edda", sagt Thorleifur Örn Arnarsson: "Das sind die großen Geschichten. Und die sind da, um für uns als Individuen, aber auch als Gesellschaft, in Betrachtung der Spiegelung, uns selbst in einer reflektierten Art und Weise zu erkennen. Nicht nur die tatsächlichen Geschichten, die vorkommen, sondern auch wie wichtig es ist, dass wir Räume, Geschichten haben, die uns etwas über uns selbst erzählen können."

Premiere von "Die Edda" am Schauspiel Hannover

Die nordische Mythensammlung "Edda", niedergeschrieben im 13. Jahrhundert, wurde fürs Theater neu aufgeschrieben. Nun hat "Die Edda" am Schauspiel Hannover Premiere.

Art:
Bühne
Datum:
Ort:
Schauspielhaus Hannover
Prinzenstraße 9
30159  Hannover
Preis:
Von 15 bis 41 Euro
Öffnungszeiten:
Kassen im Opernhaus und im Schauspielhaus
Öffnungszeiten
Montag bis Freitag 10 - 19.30 Uhr (Vorverkauf bis 18.30 Uhr), Sonnabend 10 - 14 Uhr
Von Oktober bis März ist die Kasse im Opernhaus am Sonnabend von 10 - 18 Uhr geöffnet.
Kartenverkauf:
Telefon: (0511) 99 99 11 11
Fax: (0511) 99 99 19 99
Montag bis Freitag: 10 - 18 Uhr
Sonnabend: 10 - 14 Uhr
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 12.03.2018 | 14:20 Uhr

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