Stand: 15.04.2019 16:55 Uhr

Die Bauhaus-Wiege: Peter Kelers Design-Klassiker

von Lenore Lötsch

In diesem Jahr wird es gefeiert, das Bauhaus, die Kunstschule für Design und Architektur, die in Weimar vor 100 Jahren entstand. Die Zahl der Kritiker der Bauhausarchitektur in der Geschichte aber ist lang - und auch das gerade eröffnete neue Bauhausmuseum in Weimar steht in der Kritik: "Ein Klotz, ein Mausoleum für die Moderne" sei da entstanden, schreiben Architekturkritiker, "ein Bunkermuseum", das die Einfaltslosigkeit zementiere. Jan Keler war bei der Eröffnung des Bauhausmuseums in Weimar dabei - und eines seiner Kinderfotos ist dort gerade eines der meistverkauften Motive. 

Jan Keler mit zwei Fotos, die ihn als Einjährigen in der berühmten Bauhaus-Wiege seines Vaters Peter Keler zeigen.

"Auf jeder Zeitung und auf jedem Bauschild und an der Autobahn finde ich mein Kindermöbel, in dem ich mal gesessen habe", sagt Jan Keler. Er hätte nicht gedacht, das ein Kinderfoto von ihm als einjähriger, pausbäckiger Lockenkopf 77 Jahre später als Postkarte und Plakat zum Verkaufsschlager wird. Und er ist bescheiden genug zuzugeben, dass er nur die Niedlichkeit beitrug, seinem Vater aber die eigentliche Ehre gebührt.

Die Wiege - Ikone der frühen Bauhausjahre

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Die Bauhaus-Wiege in Weiß mit Jan Keler im Jahr 1942. "Vater strich gerne was an", erzählt er.

Peter Keler ist der Erfinder und Baumeister der sogenannten Bauhaus-Wiege. Wenn es eine Ikone der frühen Bauhausjahre gibt, dann ist es Kelers Wiege. 1922, als 24-jähriger Bauhaus-Lehrling in Weimar, schuf er sie: gelbe Dreiecke an der Front, rote Quadrate an den Seitenflächen und ein umlaufender blauer Kreis. Auf dem Foto von 1942 aber hat die Ikone ihre leuchtenden Farben eingebüßt. "Vater strich gerne was an. Schlicht und ergreifend übermalen - das machte er sehr gerne und irgendwann muss es ihn überkommen haben: 'Jetzt ist mal genug blau, gelb, rot. Jetzt mach ich sie mal ganz weiß'", erzählt Jan Keler. "In dieser weißen bin ich dann fotografiert worden."

Peter Keler verfolgte Bauhaus-Stil sein Leben lang

In seinem Haus in Born auf dem Darß, das sein Vater in den 60er-Jahren mühsam selbst aus einem Stall erbaute, zeigt Jan Keler auf einen Schrank, der im Wintergarten steht. "Hier steht ein ganz schlichter 20er-Jahre-Schrank, da hat er irgendwann mal gesagt: 'Der muss jetzt anders aussehen' - und hat ihn wie Mondrian mit der typischen quadratischen Farbaufteilung gestrichen. Alle fragen: 'Mensch, ihr habt 'nen echten Mondrian?' - 'Nee, das war Vadder, der hat ihn einfach so übermalt!'", erinnert sich Jan Keler.

Überall im Haus von Sigrid und Jan Keler finden sich Spuren des in Kiel geborenen Bauhauskünstlers Peter Keler: Kindermöbel, ein Kinderwagen und ein System-Bett. Das Ideal von Kunst und Handwerk, von Funktionalität und Schlichtheit, das Peter Keler als Student in Weimar kennenlernte, verfolgte er ein Leben lang. 1945 berief ihn Hemann Henselmann an die neu gegründete Hochschule für Baukunst in Weimar, als Leiter der Vorkurse, die in Bauhaustradition die handwerklichen und gestalterischen Grundlagen vermitteln sollten. Doch die DDR-Regierung tat sich zunächst äußerst schwer mit dem Bauhaus, nannte es "internationalistisch" und meinte es als Schimpfwort

Schwierige Zeiten in der DDR

"Eine Ausstellung hat bei ihm fast zum Herzinfarkt geführt", erzählt Jan Keler. "Er hatte die Leitung. Die Ausstellung sollte demonstrieren, wohin die DDR denkt, sich zu entwickeln. Sie hieß 'Kampf um eine neu-deutsche Architektur'. Alles sollte hier bei uns gebaut werden - wie der Kulturpalast in Warschau. Da hat er gesagt: 'Ich kann das nicht. Ich bin ein anderer Mann. Ich bin vom Bauhaus!' Damals aber durfte man Bauhaus überhaupt nicht erwähnen."

Erst ab Mitte der 60er-Jahre "Teil des nationalen Erbes"

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Gelb, rot und blau: Peter Kelers Bauhaus-Wiege steht jetzt im gerade eröffneten Bauhausmuseum in Weimar.

Ab Mitte der 60er-Jahre fand das Bauhaus als sogenannter "Teil des nationalen Erbes" dann schließlich auch staatliche Anerkennung in der DDR. Peter Keler hatte zu diesem Zeitpunkt die Originalwiege, die zwischenzeitlich demontiert in einer Gartenlaube lagerte, dem Schlossmuseum in Weimar übergeben, das eine kleine Bauhausaustellung aufbaute. Ab 1975 wurde die Wiege sogar durch einen Lizenznehmer in der Bundesrepublik nachgebaut. Der Preis im Jahr 2019 für den knapp ein Meter langen Designklassiker: 2.600 Euro. "Sie beansprucht Platz", sagt Jan Keler. "Man kann sie nicht in ein acht Quadratmeter großes Kinderzimmer reinquetschen, das geht nicht. Sie ist im Grunde ein Kunstobjekt."

"Das Ding hat ein sanftes Ausschwingen"

Jan Keler hat inzwischen häufig amüsiert beobachtet, wie Ausstellungsbesucher auf die Design-Ikone seines Vaters reagieren. Immer gibt es den Versuch, die Wiege mit dem blauen Rad so in Schwingung zu bringen, dass die sich überschlägt. "Dieses Rad hat keine Rollfunktion", erklärt er. "Aber es wird immer assoziiert, dass es sich überschlagen könnte. Kann es aber nicht, weil der Schwerpunkt, dieser untere Balken aus massivem Holz, aus Buche oder Eiche ist. Das wirkt wie ein Kiel. Das Ganze schwingt also um diesen Schwerpunkt herum. Ein schöner Effekt ist auch, dass es lange schwingt. Es ist nicht wie bei einer Bauernwiege, die hin und her kippelt. Das Ding hat ein sanftes Ausschwingen."

"Das Ding" steht inzwischen restauriert im gerade eröffneten Bauhausmuseum in Weimar und symbolisiert den Anfang einer neuen revolutionären Gestaltung: klar, einfach, übersichtlich und doch mit dem Versprechen,  jederzeit ins Wanken geraten zu können.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 16.04.2019 | 19:00 Uhr