Stand: 16.01.2019 15:33 Uhr

Die Bahn: So was von pünktlich

Die Bahn muss besser werden. Pünktlicher und zuverlässiger vor allem. Das will Verkehrsminister Andreas Scheuer. Und das verspricht Bahnchef Richard Lutz. Derzeit zumindest ist der Pünktlichkeitsbegriff der Bahn sehr dehnbar.

Eine Glosse von Klaus Nothnagel

Ein Synonym für Fortschritt? Die Deutsche Bahn. Kaum hat das Jahr 2019 begonnen, liegt der 2017er-Fortschrittsbericht der Deutschen Bahn vor, der "online integrierte Bericht". Schicke Ausdrücke erfinden -  eine Aufgabe der Bahn. Auf ihrer Website hat die Bahn jetzt eine tolle "Verspätungs-App" und noch weitere Verspätungs-"Tools"; es scheint fast so, als wäre man stolz auf die Verspätungen. 

Ein ICE der Deutschen Bahn © dpa Foto: Bernd Thissen

Die Pünktlichkeit der Bahn

NDR Info - Auf ein Wort -

"Sechs Minuten zu spät" und trotzdem "pünktlich". Das ist der neue Pünktlichkeitsbegriff der Deutschen Bahn. Klaus Nothnagel bittet in seiner Glosse auf ein Wort.

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Die Deutsche Bahn als modernes, kundenbeglückendes Unternehmen

Das Wichtigste im Fortschrittsbericht ist aber die Sechs-Minuten-Regel: Alle Verspätungen von weniger als sechs Minuten gelten als Pünktlichkeiten. So. Jetzt mal die Grundsatzfrage, Bürgerin und Bürger: Ist die Bahn für dich da oder bist du für die Bahn da? Du musst für die Bahn da sein; denn andersherum, also die Bahn als modernes, kundenbeglückendes Unternehmen, das geht nun mal nicht. "Sechs Minuten zu spät" und "pünktlich" sind in der online integrierten Bahnwelt jedenfalls das Gleiche. Und im wirklichen Leben? Du bist in Eile. Du musst um 9 Uhr bei der Arbeit sein. Frühstück ist bei der Hetzerei nicht mehr drin. Halt! Du schaffst es noch! Du kannst ja bis 9.06 Uhr an der Stechuhr vorbei wanken. 

Sechs Minuten später - kein Problem

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Sechs Minuten Verspätung, aber immer noch pünktlich!

Oder: private Essenseinladungen. Früher warst du oft überpünktlich. Der erschöpfte Gastgeber stolperte noch im Bademantel umher, ungeduscht und wirr vom Zubereiten des Dreigänge-Menüs. Und heute? Einfach hinreichend zu spät kommen, sechs Minuten -  man ist immer noch ein pünktlicher Zeitgenosse. Oder du arbeitest beim Radio? Du machst dem Redakteur weis, dein Beitrag würde pünktlich um 16 Uhr nach Hamburg überspielt. Du schaffst es aber erst sechs Minuten später - kein Problem. Und wenn der Beitrag sogar zwölf Minuten später in Hamburg ankommt? Auch gut.  Das sind trotzdem nur sechs Minuten Verspätung.

Verstehen Sie? Nein? Nun. Das System hat die Deutsche Bahn erfunden, wer begreift da schon noch alles? Ja, wir müssen umlernen! Wir müssen die Bahn nicht verstehen, sondern ihr bedingungslos vertrauen! So weit, so seltsam. Noch was: Angenommen, Sie wollen ins glamouröse Wurzen bei Leipzig, landen aber aus Versehen in Hanerau-Hademarschen, ganz im Norden. Na und? Dort ist es auch schön. Geschmeidig bleiben. Oder es zieht Sie geradezu magnetisch nach Wolfsburg, der ICE-Führer vorn im Zug vergisst aber aus Versehen zu halten - ist in Wolfsburg seit 2011 schon sieben Mal passiert. Ohne Witz. Verglichen damit ist unser Lieblingsthema Verspätungen dann doch nicht so hochwichtig wie wir immer glauben.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 16.01.2019 | 18:25 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/Die-Bahn-So-was-von-puenktlich-,bahn1880.html

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