Thomas Mann © dpa

"Deutschland und die Deutschen": Thomas Manns Rede unter der Lupe

Stand: 30.11.2020 16:52 Uhr

Seit dieser Woche kann man online über Thomas Manns Rede "Deutschland und die Deutschen" diskutieren. Das Projekt "MutuallyMann" ist eine Kooperation des S. Fischer Verlags sowie des Thomas-Mann-Hauses in Amerika.

von Benedikt Scheper

Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war es so weit: Der in die USA emigrierte Schriftsteller Thomas Mann hielt eine Rede, deren Thema nicht schwieriger hätte sein können: "Deutschland und die Deutschen". Weder wollte der Literatur-Nobelpreisträger mit seinem Land abrechnen, noch sein Volk verteidigen. Er selbst nannte das Vorhaben ein "waghalsiges Unternehmen". Der kritische und selbstkritische Ansatz des gebürtigen Lübeckers sei bis heute interessant und erhellend, erklärt der Leiter des Thomas-Mann-Hauses in Los Angeles, Nikolai Blaumer: "Er stellt vor allem die Frage nach den Wurzeln der Barberei und des Krieges, mit dem Deutschland Europa überzogen hat. Und das ist vor allem eine kritische Selbstbefragung, die Deutschland, aber auch ihm selbst gilt."

"Der Beitrag jedes einzelnen und jeder einzelnen ist gewünscht"

Die Villa des Schriftstellers Thomas Mann in Pacific Palisades © dpa Foto: Gregor Tholl
Das Projekt "#MutuallyMann" ist eine Kooperation des S. Fischer Verlags und des Thomas Mann House in Pacific Palisades, wo der Schriftsteller lange wohnte.

So meinte Thomas Mann: "Wahrheiten, die man über sein Volk zu sagen versucht, können nur das Produkt der Selbstprüfung sein." Die nach ihm benannte Stiftung mit Sitz im ehemaligen Wohnhaus in Kalifornien bietet nun auf ihrer Internet-Seite die Rede kostenfrei auf Deutsch und Englisch an - damit möglichst viele sie online diskutieren können. "Der Beitrag jedes einzelnen und jeder einzelnen ist gewünscht, seine Meinungen und Gedanken dazu, Fotos oder Videos", so Roland Spahr vom S. Fischer Verlag. "Man kann sich in ganz unterschiedlicher Weise beteiligen, sodass möglichst eine lebendige und breite Debatte über dieses Thema und diesen Text entsteht."

Enorme Resonanz im Internet

Roland Spahr vom S. Fischer Verlag kooperiert für das Projekt "MutuallyMann" mit dem Thomas-Mann-Haus: "Die Idee zu dieser Zusammenarbeit entstand im vergangenen Frühjahr während des ersten "Lockdowns". Nikolai Blaumer kam auf uns zu und fragte, ob wir nicht eine Leseinitiative starten wollen, eine transatlantische Buch-Club-Variante, die sich über den Ozean hinweg über einen Text Thomas Manns austauscht in einer Zeit, in der öffentliche Lesungen überhaupt nicht möglich sind."

Mit Erfolg - denn bereits bei der ersten Ausgabe des Projekts "MutuallyMann" gab es im Internet enorme Resonanz. Handelte der damals diskutierte Text doch von Faschismus und Fremdenfeindlichkeit. Viele Deutsche und Amerikaner, aber auch Angehörige anderer Nationen, kommentierten Thomas Manns zeitlos aktuelle Novelle "Mario und der Zauberer".

Text über Abgrenzung und Nationalismus

Buchcover: Thomas Mann - An die gesittete Welt © S. Fischer Verlag
"Deutschland und die Deutschen" ist eine der wichtigsten von Thomas Manns politischen Schriften und Reden im Exil und Teil des Bandes "An die gesittete Welt".

Laut Nikolai Blaumer habe nicht zuletzt der US-Präsidentschaftswahlkampf jüngst gezeigt, wie polarisiert Amerika sei. Unversöhnliche politische Lager und gesellschaftliche Spaltung gebe es aber auch in Deutschland. Daher die Auswahl des aktuellen Textes. Denn dessen Diskussion könne nicht nur Thomas Manns politische Schriften wieder bekannter machen, sondern vor allem ein klares Ziel verfolgen: "Die Hoffnung ist, dass Thomas Manns Text 'Deutschland und die Deutschen' dazu beiträgt, etwas einzuüben, was man als Selbstkritik oder Selbstbefragung bezeichnen kann", sagt Blaumer. "Ich glaube, das ist eine zentrale Tugend, zu einer Wertschätzung für unser demokratisches Gemeinwesen zurückzufinden, was sich nur kultivieren lässt in gegenseitiger Rüksichtnahme, Selbstkritik und vor allem Zuhören."

Sich in sozialen Netzwerken ausführlich mit einem historischen Text über Abgrenzung und Nationalismus auseinanderzusetzen - in Zeiten digitaler Dauer-Entrüstung eine gute Möglichkeit, fundiert transatlantische Gemeinsamkeiten und Unterschiede neu zu betrachten.

"Natürlich stehen wir in einem anderen Kontext, aber Impulse könne aus diesem Text vielleicht doch aufgenommen und diskutiert werden", so Roland Spahr. Bis zum 2. Dezember kann jeder unter dem Hashtag #MutuallyMann lesen, schreiben, denken und nicht zuletzt die Gedanken anderer verfolgen.

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Thomas Mann sitzt an einem Schreibtisch in einem Brüsseler Hotel. © picture-alliance / KPA/TopFoto Foto: KPA

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 30.11.2020 | 18:00 Uhr