Das Deutsche Theater Göttingen bei Dunkelheit von außen. © NDR Foto: Jens-Walter Klemp

Deutsches Theater Göttingen mit künstlerischer Protestaktion

Stand: 12.11.2020 11:41 Uhr

Mit einer künstlerischen Protestaktion hat das Deutsche Theater Göttingen am Mittwochabend auf den erneuten pandemiebedingten Kultur-Shutdown aufmerksam gemacht. Symbolträchtig und laut.

von Irene zu Dohna

Hunderte Fragen schallten 15 Minuten lang am Mittwochabend per Lautsprecher in die Göttinger Innenstadt - vorgelesen von Schauspielerinnen und Schauspielern des Hauses. Als Symbol für die zwangsweise Schließung hat das Deutsche Theater seine Türen und unteren Fenster mit Holzbrettern verrammelt.

Schauspielhäuser sind wichtig fürs soziale Leben

Schriftzug "Ist Verdrängen das" am Deutschen Theater Göttingen. © NDR Foto: Jens-Walter Klemp

AUDIO: Deutsches Theater Göttingen mit Protest-Kunstaktion (3 Min)

Aus drei großen Rundfenstern blicken riesige Augen auf den Theaterplatz herab, Nebel wabert hinter der Glasfassade des Bistros, ein Leuchtbanner spielt weitere Fragen in Dauerschleife ab. Mit der Aktion wolle es verdeutlichen, dass Schauspielhäuser wichtig für unser soziales Leben seien, sagt Intendant Erich Sidler. "Was uns im Moment fehlt, ist die direkte Begegnung, sind Berührungen, sind Zusammenkünfte von Menschen, mit denen man sich austauscht. Und zwar im Gegenüber. Theater ist im Grunde genommen nichts anderes, als die künstlerische Verdichtung dieser Begegnung. Von daher sind wir systemrelevant."

Zehn Seiten voller Fragen am Deutschen Theater Göttingen

Ein Auge wird in einem Fenster des Deutschen Theaters projiziert. © NDR Foto: Jens-Walter Klemp
Riesige Augen blicken aus den Rundfenstern auf den Theaterplatz herab.

Hausregisseurin Antje Thoms suchte in den vergangenen Tagen die unterschiedlichsten Fragen zusammen. Zehn Seiten waren an Ende vollgeschrieben. Zur Performance will sie nicht viel sagen - diese solle für sich allein sprechen. "Das Theater ist halt zu und man muss sich überlegen, was man machen oder nicht machen kann. Und trotzdem ist es da. Das Gebäude ist da, die Menschen sind da. Und wir ..., nein, ich will nichts erklären", so Thoms.

Noch voraussichtlich bis zum 1. Dezember müssen Theater, Kinos, Museen, Literatur- und Konzerthäuser aufgrund der Corona-Krise geschlossen bleiben. Solange will das Deutsche Theater Göttingen seine Kunstaktion fortführen. "Das Theater ist im November zu. Genauso wie Bordelle, Spielhöllen, Fitnesscenter wurde das Theater von der Bundeskanzlerin im gleichen Atemzug als Freizeitbeschäftigung genannt. Wir möchten dem etwas entgegensetzen und wir haben jetzt einfach mal versucht visuell umzusetzen, was uns umtreibt", so Sidler.

Intendant Sidler: Unbekannte Folgen der Corona-Zeit

Das Deutsche Theater Göttingen bei Dunkelheit von außen. © NDR Foto: Jens-Walter Klemp
Ziel der Aktion sei es, zu verdeutlichen, wie wichtig Schauspielhäuser für das soziale Leben seien.

Das Deutsche Theater will auch weiterhin aktuelle, politische, poetische und gesellschaftlich relevante Fragen stellen. Auch wenn es darauf nicht immer eine Antwort gebe, sagt der Intendant. Er zeigt sich besorgt, welche Folgen die Corona-Zeit haben wird. "Es kommt langsam ans Tageslicht, wie viele Menschen an Einsamkeit leiden. Wie viel Entbehrung passiert." Es sei so einfach zu sagen, dann ginge man halt mal für einen Monat in Klausur. "Aber was das wirklich für Konsequenzen hat, keine Stimuli mehr zu haben, kein Gegenüber, was ich lesen muss, was vielleicht ironisch ist, was vielleicht mehrdeutig ist …das sind einfach Prozesse, die viel im Hirn freisetzen. Das fehlt im Moment!", sagt Sidler.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 12.11.2020 | 07:40 Uhr