Ralf Raths im Panzermuseum © picture alliance / Philipp Schulze/dpa | Philipp Schulze

Deutsches Panzermuseum: Debatte um Gendersprache

Stand: 21.06.2021 18:19 Uhr

Das Deutsche Panzermuseum in Munster nutzt gendergerechte Sprache. Unter einem Erklärvideo des Leiters Ralf Raths ist es deshalb zum Shitstorm gekommen - ein Gespräch.

Wer das Deutsche Panzermuseum in der Garnisonsstadt Munster am Rande der Lüneburger Heide besucht, der begibt sich auf eine Reise durch die Militärgeschichte. Ausgestellt sind dort unter anderem Panzer, militärische Lastkraftwagen, Uniformen, Handfeuerwaffen und Orden. Organisierte, maschinisierte Gewalt steht also im Fokus. Die Ausstellung setzt sich aus zwei Sammlungen zusammen, die der Bundeswehr und der Stadt Munster. Auf der Webseite des Museums heißt es im Leitbild, das Deutsche Panzermuseum sei "keine Ruhmeshalle und kein Traditionsort. Glorifizierung militärischer Werte und Praktiken finden ebenso wenig Platz wie die Verharmlosung von Krieg, Leid, Gewalt und Tod." Es heißt aber auch: "Das Deutsche Panzermuseum ist kein Anti-Kriegs-Museum. Herabwürdigung militärischer Werte und Praktiken haben ebenso wenig Platz wie die Propagierung von Pazifismus." Seit 2013 leitet der Historiker Ralf Raths das Deutsche Panzermuseum.

Herr Raths, diese Formulierungen zeigen schon ganz gut den schwierigen Balanceakt, den sie mit diesem Museum gehen. Wie definieren Sie die Aufgabe des Museums?

Ralf Raths: Wir versuchen, bei einem sehr schwierigen, düsteren, emotionsbeladenen Thema, das auch viele Leute abstößt, als normales Museums zu agieren. Wir haben uns mal den Satz zurechtgelegt: Es darf im Prinzip keinen Unterschied machen, ob man Pflüge, Pianos oder Panzer ausstellt. Natürlich ändert sich die konkrete Arbeit, weil man beispielsweise bei Panzern mehr Emotionen bedenken muss als bei einem Piano. Aber im Prinzip müssen wir genau wie jedes andere Museum soweit es geht sachlich neutral an das Thema rangehen und es ausgewogen, multiperspektivisch und kritisch abbilden.

Sie mischen sich in gesellschaftliche Debatten ein, nicht nur im Museum selbst, sondern auch mit YouTube-Videos, mit denen sie sich regelmäßig zu Wort melden. Da räumen sie zum Beispiel mit Mythen auf, wie dass Hugo Boss Wehrmachtsuniformen designt hätte. Ein Video von Ihnen behandelt die Frage: Müssen Museen neutral sein? Wen möchten Sie mit diesen Videos erreichen?

Raths: Die Menschen, die uns kennen, und die Menschen, die uns nicht kennen. Also einerseits dient es der Werbung, damit wir nach außen sichtbar werden. Und es dient der Bindung für die, die uns bereits kennengelernt haben. Daneben noch ganz klassisch die Vermittlung, dass wir historische Inhalte über diesen Kanal nach draußen bekommen.

In einem Video mit dem Titel "Gender-Gaga im Panzer:innen Museum" erklären Sie, warum Sie im Museum Gendersprache verwenden. Können Sie kurz erklären, warum Sie Gendersprache verwenden?

Raths: Wir sind zu der Überzeugung kommen, dass das ein vernünftiger Ansatz ist, mit dem man einen Beitrag zur Veränderung der realen Welt leisten kann, indem man seine Sprache anpasst, um Gruppen abzubilden, die bisher von der Sprache überdeckt werden. Wir versuchen schon seit einiger Zeit, das auch umzusetzen. Ich sage bewusst "versuchen", weil ich auch mich dabei ertappe, dass ich es teilweise vergesse. Und weil wir auf unserem YouTube-Kanal immer mal wieder unsere Alltagsarbeit erklären, haben wir jetzt das Video gedreht, in dem wir das erklären, weil wir immer Rückfragen dazu bekommen. Die Zuschauer - es haben sich eigentlich nur Männer zu Wort gemeldet - haben das dann als Politikänderung gesehen, dass wir quasi jetzt eine neue Strategie, eine neue Politik fahren würden. Das hat für ziemlich viel Aufruhr gesorgt.

Können Sie die Reaktionen beschreiben?

Raths: Normalerweise erwarten wir bei einem normalen Hinter-den-Kulissen-Video 200 bis 300 Kommentare. Jetzt haben wir weit über 2.000 bei nur 30.000 Klicks. Es sind zehnmal mehr Kommentare als sonst. Und während sich die positiven und die negativen Bewertungen normalerweise in einem Verhältnis von zehn zu eins halten, ist es hier 50/50. Es ist völlig normal für unsere Videos, ein hartes, gespaltenes Meinungsbild zu haben. Die Kommentare - und das ist ganz normal für so eine Plattform wie YouTube - sind fast durchgängig negativ. Was überraschend ist, ist die Schärfe der Kommentare. Das fängt damit an, dass gefordert wird, dass wir gefeuert werden, bis hin zu Gewaltandrohungen, dass mit uns aufgeräumt werden soll - mit diesen ganzen Linksautoritären. Es wird auch die Vermutung geäußert, dass wir Teil eines größeren Planes sind, um die Gesellschaft zu spalten. Wir lassen die Kommentare größtenteils stehen - bis auf die Gewaltandrohung -, insofern kann man das in Ruhe nachlesen.

Glauben Sie, dass es eine Rolle spielt, dass Sie als Leiter eines militärhistorischen Museums diese Debatte aufgreifen? Dass es deshalb auch zu diesen Reaktionen kommt?

Raths: Natürlich. Grundsätzlich ist es so, dass diese ganze Gender-Debatte vor allen Dingen eine stellvertretende Debatte für die Auseinandersetzung zwischen konservativen und progressiven Ansichten ist. Das ist völlig okay, dafür sind Museen ja auch da und deswegen lassen wir das auch alles stehen. Es ist kein Geheimnis, dass die Stammfans von Militärmuseen tendenziell eher ein wenig konservativer aufgestellt sind, weil Militär und Konservativismus sich gut vertragen. Das ist auch überhaupt nichts Schlechtes. Demzufolge waren wir nicht überrascht, dass die Reaktion so war wie sie war. Was mich überrascht hat, war die Schärfe in den Forderungen und diese Logik, dass das alles Teil eines großen Plans ist. Man kennt das von den Debatten, aber ich hätte nicht gedacht, dass es so durchschlägt.

Nehmen Sie von Besucherinnen und Besuchern auch Debatten wahr oder überwiegt das Staunen für diese immense Technik, die ja auch sehr zwiespältig ist?

Raths: Beides. Es ist erstmal das Staunen. Wir freuen uns darüber, dass auch der Durst nach Wissen dazugehört. Das Staunen war ganz lange das Einzige, was passiert ist. In den letzten Jahren merken wir, dass die Leute auch Hintergrundinformationen wollen, auch kritische Einordnung wünschen. Aber wir merken auch, dass wir - mehr als viele andere Museen - auch ein Forum sind, wo Leute mit verschiedenen Ansichten aufeinandertreffen und ins Gespräch kommen, möglichst vor den Panzern. Dass ist ganz befriedigend, weil alle Museen Diskussionsforen, Orte der Debatten sein wollen. Und das kann man je nach Thema mehr oder weniger gut einlösen. Bei uns gelingt das ganz gut.

Das Interview führte Eva Schramm.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 21.06.2021 | 15:20 Uhr