Deutsche und französische Flagge wehen im Wind © picture alliance / CHROMORANGE Foto: Ralph Peters

Deutsch-französische Freundschaft: "Es dominiert die Solidarität"

Stand: 22.01.2021 17:37 Uhr

Die Historikerin und Politikwissenschaftlerin Hélène Miard-Delacroix verrät am Deutsch-Französischen Tag, wie transnationale Partnerschaft und interkultureller Austausch in Pandemiezeiten aussehen.

Der Deutsch-Französische Tag soll an die Unterzeichnung des Elysée-Vertrags erinnern, mit der Adenauer und de Gaulle am 22. Januar 1963 die deutsch-französische Freundschaft besiegelten. Und er will den interkulturellen Austausch fördern - kein einfaches Unterfangen in diesen Tagen.

Frau Miard-Delacroix, als eine wechselvolle gemeinsame Geschichte und eine intensive Freundschaft wird die deutsch-französische Beziehung oft beschrieben. Wie ist es um die deutsch-französische Partnerschaft bestellt?

Hélène Miard-Delacroix: Es ist immer schwierig, das im Singular zu sagen. Man sollte unterscheiden zwischen der Politik, den Unternehmen, den einfachen Bürgern, den Schülern und Studierenden. Für viele in Deutschland und Frankreich ist es ein Teil des Alltags, aber nicht für alle. Wenn man ein bisschen zurückblickt, ist man weit über die Aussöhnung hinaus. Diese Zusammenarbeit ist für einige geprägt von Leidenschaft, für andere von Interesse. Aber es dominiert die Solidarität.

Auf der Ebene der Politik ist die Verschränkung der Zusammenarbeit in der Europapolitik interessant. Das wurde in dem Aachener Vertrag 2019 wiederholt, und das sehen wir jetzt auch jeden Tag seit dem Schulterschluss in der EU, als im letzten Juni Angela Merkel und Emmanuel Macron einen gemeinsamen Vorstoß für einen EU-Rettungsplan gemacht haben. Von dieser Zusammenarbeit erwarten wir, dass sie auf der Höhe der Herausforderungen ist, aber diese sind zurzeit sehr groß.

Sie lehren seit 2008 an der Universität Sorbonne. Das vergangene Jahr hat sich sicher auch dort enorm von den Jahren zuvor unterschieden. Wie schwierig sind interkultureller Dialog und Begegnung in Zeiten, in denen zumindest physischer Kontakt und geografische Fortbewegung unerwünscht sind?

Miard-Delacroix: Das ist sehr schwierig. Wir haben jetzt fast ein Jahr hinter uns, das uns im Nachhinein gezeigt hat, wie gut wir es vorher hatten. Mit der Grenzschließung im Frühjahr ist es für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit schwierig gewesen. Inzwischen wird versucht, die Kontakte weiter zu fördern, aber der Dialog und die Zusammenarbeit sind sehr schwierig. Insbesondere für die Studierenden und für den Austausch. Das Erasmus-Programm ist in einem Zustand der Lähmung und die integrierten Studiengänge sind extrem gestört. Für die Forschung ist es auch kompliziert, weil alle Veranstaltungen gecancelt worden sind. Selbstverständlich hat es den Versuch gegeben, das digital mit Zoom-Seminaren zu kompensieren, aber das ist nur ein Notbehelf. Das ist nicht genügend für den Austausch und vor allem für das Menschliche - für die Älteren wie für die Jüngeren.

Was sind die wichtigsten Eckpunkte der deutsch-französischen Geschichte, die Hochs und Tiefs dieser Partnerschaft?

Miard-Delacroix: Deutsche und Franzosen sind von der Geografie dazu verurteilt, zusammenzuleben. Sie haben eine lange Geschichte, die von Konflikten geprägt wurde. Interessant wurde es Ende des 19. Jahrhunderts, vor 150 Jahren, als sich die Gegnerschaft nationalisierte und eine Erbfeindschaft konstruiert wurde, mit einer Essentialisierung der Feindschaft, die fast zum Selbstverständnis wurde. Wir kennen die Geschichte des 20. Jahrhunderts mit einer Kette von Vergeltungskampagnen, mit symbolischen Demütigungen et cetera.

Das Schöne an dieser Geschichte ist, dass nach 1945 einige auf den Gedanken gekommen sind, dass Deutsche und Franzosen nicht nur kompatible Interessen haben, sondern auch ein Interesse an einer Zusammenarbeit und womöglich Freundschaft haben könnten. Das hat unsere Zusammenarbeit und unsere Nachbarschaft von Grund auf verändert.

Welche besonderen Herausforderungen stehen dem deutsch-französischen Verhältnis noch bevor?

Miard-Delacroix: Das Interesse zwischen den beiden Ländern bleibt groß, vielleicht größer auf der französischen Seite. Auf der deutschen Seite sucht man ein bisschen mehr nach Bestätigung von Vorurteilen, und ich würde mir wünschen, dass man mehr Neugierde hat, mehr Kenntnisse im Austausch. Deswegen müssen die Strukturen gepflegt werden, wenn die Pandemie vorbei ist. Aber zentral bleibt das Erlernen der Sprache des anderen. Vielen Leuten ist es jetzt bewusst, dass das nicht nur für den freundschaftlichen Kontakt und für den Urlaub nützlich sein kann, sondern auch im beruflichen Leben. Ich wünsche mir, dass es mehr Austausch gibt, damit die jüngere Generation auch weiterhin denkt, dass wir nicht nur gute Freunde sind, sondern vielleicht mehr.

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 22.01.2021 | 18:00 Uhr