Stand: 08.04.2020 17:54 Uhr  - NDR Kultur

"Der Überläufer": Lenz-Verfilmung im Ersten

von Silke Lahmann-Lammert

Nach dem Tod Siegfried Lenz' im Jahr 2014 fand sich in seinem Nachlass ein Manuskript aus dem Jahr 1951: Die Geschichte eines jungen Wehrmachtsoldaten, der die Fronten wechselt. 2015 wurde "Der Überläufer" posthum veröffentlicht. Regisseur Florian Gallenberger hat den Bestseller im Auftrag des NDR verfilmt. Am Mittwoch und Freitag laufen die beiden Teile der Verfilmung um 20.15 Uhr im Ersten. In der ARD Mediathek sind beiden Teile bereits zu sehen.

"Der Überläufer": Lenz-Verfilmung im Ersten

Kulturjournal -

Ein deutscher Soldat desertiert im Zweiten Weltkrieg und läuft zur Roten Armee über. Siegfried Lenz hatte "Der Überläufer" 1951 geschrieben - mit 25 Jahren. Nun ist der Bestseller verfilmt worden.

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Siegfried Lenz: Roman "Der Überläufer" posthum veröffentlicht

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Jannis Niewöhner und Malgorzata Mikolajczak spielen die Hauptrollen in Florian Gallenbergers Verfilmung von "Der Überläufer".

Wahrscheinlich erschien in den 50er-Jahren den Verantwortlichen das Manuskript von Siegfried Lenz zu heikel. Deutschland lag in Trümmern: Wer wollte sich da mit der eigenen Schuld beschäftigen? Im Übrigen betrachteten viele Bundesbürger Wehrmachts-Deserteure Anfang der 50er-Jahre noch immer als Verräter. So kam es, dass "Der Überläufer" in der Schublade verschwand und erst zwei Jahre nach dem Tod von Siegfried Lenz veröffentlicht wurde.

Die Geschichte spielt am Ende des Zweiten Weltkriegs. Der junge Walter Proska (Jannis Niewöhner) wird noch an die Ostfront geschickt. Bei einem Halt auf der Eisenbahnstrecke bittet eine Polin den Befehlshaber: "Herr Soldat, kann ich mitfahren?" Er entgegnet: "Das ist ein Wehrmachtszug, hier haben Sie nichts verloren. Verschwinden Sie, los!"

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Das Erste: Infos zur Lenz-Verfilmung "Der Überlaufer"

Im April läuft die Miniserie "Der Überläufer" bei Das Erste. Alle Infos zur Siegfried-Lenz-Romanverfilmung von Florian Gallenberger, einer Koproduktion des NDR und SWR. extern

Wehrmachtssoldat Walter Proska hilft Partisanin

Heimlich hilft Walter der jungen Frau (Malgorzata Mikolajczak als Wanda Zielinski) in den Waggon. Auf der Fahrt kommen die beiden sich näher. Erst im Nachhinein wird ihm klar, dass er sich in eine Partisanin verliebt hat. Walter ruft: "Du wolltest den Zug in die Luft jagen!" Seinen Tod hätte sie billigend in Kauf genommen. Sie entgegnet: "Als ich eingestiegen bin, wusste ich nicht, dass du in dem Zug bist. Als du ausgestiegen bist, schon."

Aber Walter muss weiter, an die Front. Dort wird er der Truppe von Korporal Stehauf zugeteilt. Er ist ein skrupelloser Sadist: Als die Soldaten im Wald einen polnischen Priester aufgreifen, quält der Unteroffizier den Geistlichen und schießt ihm schließlich ohne jeden Grund in den Rücken.  

Mord an Geistlichem bringt Fass zum Überlaufen

Für Wolfgang Kürschner, einen von Walters feinfühligeren Kameraden, bringt der Mord das Fass zum Überlaufen: "Wer ist denn das Deutschland, von dem er immer redet? Wir sind doch auch Deutschland! Nicht nur er und die Clique. Wir müssen's doch besser machen. Wo willst du denn hin? Du läufst den Partisanen direkt in die Arme".

Wolfgang läuft zu den Russen über. Später wird auch Walter die Seiten wechseln. Er muss jedoch feststellen, dass in der Sowjetischen Besatzungszone wenig zu spüren ist von der Gleichheit und Gerechtigkeit, die der Sozialismus den Menschen verspricht. Und so kehrt Walter ein weiteres Mal einem totalitären System den Rücken.

Florian Gallenberger: "Protagonist ist hochaktuelle Figur"

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Wanda Zielinski (Malgorzata Mikolajczak) hat in der Verfilmung eine größere Rolle als im Roman.

Für Regisseur Florian Gallenberger ist der Protagonist des Lenz-Romans eine hochaktuelle Figur: "In einer Zeit, wo jetzt wieder einfache Phrasen und sehr einfache Rezepte für eine immer komplexer werdende Welt angeboten werden, finde ich eine Figur, die hinterfragt, wertvoll und wichtig." Das Buch enthalte "moralische Fragen, die nie die Aktualität verlieren und deswegen heute genauso gültig sind, wie damals", so Gallenberger.

"Der Überläufer": Verfilmung nicht eng an Roman angelegt

Die ersten 90 Minuten des Zweiteilers, betont der Regisseur, halten sich eng an die Vorlage von Siegried Lenz. Danach entferne sich die Verfilmung dann immer mehr vom Roman, was die Figuren und Geschehnisse anbelange. "Die sind wirklich sehr frei", sagt Gallenberger.

Tatsächlich blieb den Drehbuchautoren nichts anderes übrig, als die Geschichte weiter zu spinnen, sagt Lenz-Herausgeber und frühere Lektor Günter Berg: "Es gibt tatsächlich - und das ist der Entstehungsgeschichte des Romans geschuldet - ein paar lose Enden."

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Aus eindimensionaler Wanda wird komplexe Frauenfigur

Lenz hat das Manuskript aus dem Jahr 1951 nie zu Ende durchgearbeitet. Bevor er Ungereimtheiten korrigieren und Fehlstellen ergänzen konnte, kam die Ablehnung des Verlags. Der Roman verschwand unlektoriert in der Schublade. "Man fragt sich, warum die Partisanin Wanda verschwindet. Dass das Drehbuch versucht, diesen Strang der Geschichte weiter zu erzählen, halte ich für legitim", so Berg.

Der Film macht aus der eindimensionalen Wanda eine komplexe Frauenfigur. Auch andere lose Fäden verweben die Drehbuchautoren zu neuen Handlungssträngen. Siegfried Lenz sei für solche Veränderungen immer offen gewesen, sagt Berg. Anders als viele Schriftsteller habe er gewusst, dass eine buchstabengetreue Verfilmung keinem Roman guttut.

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Infos zum Film

"Der Überläufer"
NDR/ARD Degeto/SWR Produktion
Deutschland/Polen 2020
Buch: Bernd Lange / Florian Gallenberger
Regie: Florian Gallenberger

Sendetermine: 8. und 10. April, jeweils um 20.15 Uhr, im Ersten
Ab 1. April als vierteilige Miniserie in der ARD-Mediathek.

Rollen:
Walter Proska: Jannis Niewöhner
Wanda Zielinski: Malgorzata Mikolajczak
Wolfgang Kürschner: Sebastian Urzendowsky
Willi Stehauf: Rainer Bock
Ferdinand Ellerbrok "Baffi": Bjarne Mädel
Maria Rogalski: Katharina Schüttler
Kurt Rogalski: Shenja Lacher
Paul Zacharias: Florian Lukas

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 01.04.2020 | 07:20 Uhr