Stand: 24.03.2019 20:46 Uhr

Der Roboter, dein Schöpfer?

von Florian Müller

Schöne neue Welt: An den Anblick von Haushaltsrobotern haben wir uns fast schon gewöhnt, intelligente Chatbots und andere Künstliche-Intelligenz-Anwendungen werden im Dienstleistungsbereich schon bald viele Arbeitsplätze verändern oder sogar vernichten. Aber auch kreative Jobs stehen vor einem fundamentalen Wandel.

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Was darf Maschine und was bleibt vom Menschen?

Wer auf dem diesjährigen South-By-Southwest-Technikfestival in Austin, USA, zu Gast war, konnte ungebremste Euphorie seitens Forschung und Wirtschaft erleben: Waren bei vergangenen Ausgaben der Messe die vorherrschenden Kürzel VR (für Virtual Reality) und AR (für Augmented Reality), dominierte in diesem Jahr AI (für Artificial Intelligence, also Künstliche Intelligenz, kurz KI).

KI, da kann man sich sicher sein, wird kaum einen Bereich unserer Arbeitswelt unangetastet lassen. Erlebt man Wissenschaftler wie Aleksandra Przegalinska vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) auf der Bühne, die ihren Vortrag vollmundig "Will Machines Be Able to Feel?" (Werden Maschinen Gefühle haben können?) betitelte, wird man Zeuge eines großen Gefühlsrauschs: so groß die Möglichkeiten, was künstliche Intelligenz künftig alles leisten kann. Kaum etwas, was für Forscher und Entwickler nicht denkbar scheint. Es scheint der Satz zu gelten: Technik ist neutral, sie kann für Gutes und Schlechtes eingesetzt werden.

Alte Musik von morgen?

Bislang dachten viele vielleicht, Künstlerinnen und Künstler blieben von dem Umbruch durch KI dank Kreativität und Genialität verschont, doch inzwischen widmet sich die Forschung auch den Bereichen Musik, Kunst und Film.

Douglas Eck arbeitet als Forscher für Google und leitet dort das "Magenta Project". Mit künstlicher Intelligenz will das Unternehmen das Erschaffen von Musik, Videos und Bildern revolutionieren. Die Maschine wird dabei selbst zum Schöpfer, kreiert Kompositionen, die nicht als künstlich generiert erkennbar sind. Auf dem Podium in Austin diskutierte er mit anderen über die Hoffnung der Forschenden, auf Knopfdruck das nächste Beatles-Album erzeugen zu können. Man nehme die bisherigen Studioalben und lasse die Maschine mal basteln. So beeindruckend die Vorstellung: Wo bleibt der Künstler?

Wäre Picassos Werk berechenbar?

Genialität in der Kunst beruhte in der Vergangenheit oft darin, dass große Künstlerinnen und Künstler Bisheriges aufgenommen haben, dann transformiert und mit Neuem angereichert haben. Picasso beispielsweise ist schwer denkbar ohne die Kunstgeschichte vor ihm. Die Frage ist, ob der radikale Bruch, den er mit seinem Schaffen einleitete, berechenbar ist - oder ob von KI geschaffene Kunst letztlich immer nur neue Möglichkeiten des Bisherigen serviert.

Hollywoodblockbuster - optimiert durch KI

In anderen künstlerischen Bereichen setzt KI ebenfalls an: Yves Bergquist ist Direktor des "AI & Neuroscience in Media Project" am Entertainment Technology Center (ETC) und stellte in Austin diverse KI-Anwendungen vor, die die Medienlandschaft tiefgreifend verändern könnten. Das Programm "Corto.AI" analysiert für Filmstudios Drehbücher, Dialoge und Personenkonstellationen hinsichtlich des zu erwartenden wirtschaftlichen Erfolgs an der Kinokasse. Das "Editing Tool Stanford" schneidet Filmszenen nach vorgegebenen Parametern selbständig.

Was noch abzuschaffen wäre: der Tod

Andernorts träumt man noch weiter: Wäre es nicht schön, wenn wir uns mit geliebten Menschen auch nach deren Tod noch unterhalten könnten? Einen Schritt in diese Richtung geht Heather Smith. Für das Projekt "Dimensions in Testimony" der USC Shoah Foundation arbeitet sie daran, dass Besucherinnen und Besucher sich dank künstlicher Intelligenz auch dann noch mit Holocaust-Überlebenden unterhalten können, wenn diese irgendwann nicht mehr am Leben sind. Kann man in näherer Zukunft unser Handeln und Sprechen so gut aufzeichnen und auswerten, dass wir nach unserem Tod in der KI weiterleben?

Möglich scheint  vieles. Überfällig ist die breite Diskussion darüber, was wir als Mensch von der Maschine wollen: Was darf Maschine und was soll Mensch bleiben?

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 18.03.2019 | 22:45 Uhr

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