Boris Palmer © Pressebildagentur ULMER

Der Fall Boris Palmer: Ironie oder Provokation?

Stand: 10.05.2021 18:21 Uhr

Die jüngsten Äußerungen von Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer über den ehemaligen deutschen Fußball-Nationalspieler Dennis Aogo haben eine heftige Debatte ausgelöst. Jetzt droht dem Grünen-Politiker der Rauswurf aus der Partei.

Boris Palmer © Pressebildagentur ULMER
Beitrag anhören 5 Min

Was bedeutet die zunehmende Verlagerung politischer Kommunikation ins Netz? Welche Rolle spielen soziale Medien wie Twitter, Facebook und Co. für den Verlauf einer solchen Kontroverse, für die politische Meinungsbildung? Fragen an den netzpolitischen Aktivisten und Journalisten Markus Beckedahl.

Herr Beckedahl, Sie waren ja selbst mal aktiv bei den Grünen - was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die Kontroverse um Ihre alten Parteifreunde mitverfolgen?

Markus Beckedahl © imago/IPON
Markus Beckedahl ist Gründer und Chefredakteur des Blogs Netzpolitik.org und Mitgründer der re:publica, Europas führender Konferenz über Internet und Gesellschaft.

Markus Beckedahl: Boris Palmer ist ein professioneller Provokateur. Er kann die komplette Klaviatur des Provozierens perfekt durchspielen, von der Talkshow bis hin zu Facebook. Er ist sehr geschickt darin, jedes Mal den Anschein zu erwecken, dass er leider falsch verstanden wurde - was ich ihm aufgrund seiner Professionalität, seinem vielfachen Erscheinen in Talkshows und dergleichen, wo er diese Rolle spielt, nicht abnehme.

Palmer ist Oberbürgermeister von Tübingen, ein Kommunalpolitiker, aber bundesweit bekannt wie ein bunter Hund. Lässt sich so ein Phänomen auf die sozialen Medien reduzieren? Oder welche Rollen spielen die klassischen Medien hier?

Beckedahl: Wir gucken alle zu sehr auf Facebook und Co. Dort kann man schon eine große Reichweite bekommen. Aber erst, wenn etwas in die klassischen Medien herüberschwappt, bekommt es richtige Relevanz. Es macht schon einen Unterschied aus, ob Boris Palmer auf seiner privaten oder seiner Bürgermeister-Facebook-Page etwas von sich gibt, was vielleicht ein paar tausend Menschen erreicht, oder ob er bei Anne Will sitzt, wo drei oder vier Millionen Menschen zuschauen und er dadurch eine viel größere Relevanz erhält. Sehr häufig werden Facebook-, Blog-Postings oder Tweets gezielt eingesetzt, um in einen medialen Kreislauf reinzukommen, um sich bei Redaktionen zu "bewerben", die für die Ausgestaltung einer zukünftigen Show zur Besetzung von einzelnen Meinungsrollen auf jemanden aufmerksam werden.

Generell bietet die politische Kommunikation über soziale Medien aber schon einige Fallstricke, insbesondere wenn es zum Beispiel um komplexere Sachverhalte geht, oder?

Beckedahl: Ja, das ist schon sehr spannend, wie soziale Medien politische Kommunikation verändern. Auf einmal werden bestimmte Politiker*innen über Twitter, über Instagram, über Facebook viel bekannter, als sie es in der traditionellen Medienwelt hätten werden können. Deswegen sind diese sozialen Medien teilweise ein Alptraum für alle Pressesprecher von beispielsweise Ministerien oder Bundestagsfraktionen. Früher musste jede Äußerung erstmal zentral durch die Pressesprecher durchlaufen. Sie wurde dann autorisiert und freigegeben. Und heute reicht schon ein schlecht gelaunt formulierter Tweet auf Twitter oder ein Facebook-Posting, um die ganze Öffentlichkeitsabteilung kurz vor den Herzinfarkt zu bringen.

Es ist auch immer wieder ein Problem, Ironie und Sarkasmus auf Twitter und Facebook zu erkennen, oder?

Beckedahl: Vor allen Dingen bei der schriftlichen Online-Kommunikation haben wir das Problem, dass uns Mimik, Gestik und auch die Tonalität einer Stimme fehlen. Wir haben deswegen viel weniger Kontext und deswegen sind häufig verschiedene Blickwinkel auf den selben Satz möglich. Das macht es wiederum schwieriger, über etwas zu diskutieren, weil wir alle von etwas anderem ausgehen. In der Regel kann auch eine kontextualisierte Ironie gegen einen verwendet werden.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 10.05.2021 | 18:00 Uhr