Stand: 15.05.2020 16:59 Uhr  - NDR Kultur

Der 2. Juni - ein Schicksalsdatum

von Albrecht von Lucke

Am 2. Juni 2019, fast ein Jahr ist dies nun her, wird der Kasseler Kommunalpolitiker Walther Lübcke von einem mutmaßlich rechtsextrem motivierten Täter erschossen. Am 2. Juni 1967 wird in Berlin Benno Ohnesorg vom Polizisten und Stasi-Agenten Karl-Heinz Kurras getötet. Diese beiden Daten stehen spiegelbildlich für die beiden konträren Gefährdungen unseres Rechtsstaats - und die daraus resultierenden Lehren. 1967 kam die Gewalt aus der in Mentalität und Tradition weiter autoritär geprägten Polizei. 2019 dagegen kam die Militanz aus den radikalen, antidemokratischen Teilen der Gesellschaft. Beide Taten stehen stellvertretend für Angriffe auf die Demokratie - die jetzt, angesichts der staatlichen Maßnahmen in der Corona-Pandemie, auch von Verschwörungstheoretikern kommen.

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Albrecht von Lucke ist Redakteur der politischen Monatsschrift "Blätter für deutsche und internationale Politik".

Wenn man nach dem wichtigsten Datum in der deutschen Geschichte fragt, fällt den meisten sofort und völlig zu Recht der 9. November ein - als der Jahrestag des Mauerfalls 1989 wie der Novemberrevolution von 1918, aber auch der antisemitischen Pogrome von 1938. Neben dem 9. November gibt es jedoch noch ein weiteres Datum, das für die Geschichte, aber auch für die Gegenwart der Bundesrepublik von entscheidender Bedeutung ist, nämlich der 2. Juni.

Mehr als 50 Jahre lang verband man mit diesem Datum vor allem ein Ereignis: die Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg durch Karl-Heinz Kurras, einen West-Berliner Polizisten und, wie man heute weiß, zugleich Stasi-Agenten. Die gesetzeswidrige Tötung von Ohnesorg am 2. Juni 1967 wurde zu der Initialzündung der Studentenrevolte wie der außerparlamentarischen Opposition der 68er, die man deshalb jedenfalls in Deutschland eigentlich richtigerweise 67er nennen müsste.

Das komplexe Verhältnis von Staat und Gesellschaft

Doch seit einem Jahr gibt es nun einen zweiten 2. Juni - nämlich die Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten und CDU-Politikers Walter Lübcke am 2. Juni 2019. Mutmaßlich begangen durch den Rechtsextremisten Stephan E., dem deswegen jetzt in Frankfurt am Main der Prozess gemacht wird.

Wie unter einem Brennglas kommt in diesen beiden Daten das komplexe Verhältnis von Staat und Gesellschaft zum Ausdruck - wie auch die fundamentale Veränderung, die es in den vergangenen gut 50 Jahren in dieser Republik durchlaufen hat.

Der Beginn der Radikalisierung der 68er-Bewegung

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Bei der Anti-Schah-Demonstration am 2. Juni 1967 stießen die protestierenden Studenten auf die Vertreter eines autoritären Staates, der mit einer Gewalt gegen sie vorging, die jeglicher Verhältnismäßigkeit entbehrte. Selbst die konservative "Frankfurter Allgemeine Zeitung" stellte damals fest, die Polizei habe "mit Planung einer Brutalität den Lauf gelassen, wie sie bislang nur aus faschistischen oder halb-faschistischen Ländern bekannt wurde".

Das hing auch damit zusammen, dass weite Teile der Polizei und speziell ihres Führungspersonals noch in der NS-Zeit sozialisiert worden waren. Die Ermordung Benno Ohnesorgs steht somit auch für das Aufbrechen des Generationenkonflikts - und zugleich für den Beginn der Radikalisierung der 68er-Bewegung. Nicht ohne Grund gab sich eine links-terroristische Gruppierung den Namen "Bewegung 2. Juni". Und auch die bekannteste Terrorgruppe, die vor 50 Jahren, am 14. Mai 1970 gegründete Rote Armee Fraktion, ist ohne den 2. Juni 1967 nicht zu verstehen. "Das ist die Generation von Auschwitz. Mit denen kann man nicht argumentierten. Wo kriegen wir Waffen her?", lautete die Schlussfolgerung von Gudrun Ensslin aus der Gründungsgeneration der RAF.

Gewaltige Emanzipationsfortschritte

Letztlich schlug der von der APO bekämpfte alte Faschismus in den linken Terrororganisationen um in einen neuen, "linken Faschismus", wie es der Philosoph Jürgen Habermas bereits unmittelbar nach dem 2. Juni hellsichtig befürchtet hatte. Exemplarisch kommt diese Vernichtungslogik in dem bekannten Zitat der RAF-Gründerin und Namensgeberin Ulrike Meinhof zum Ausdruck: "Wir sagen, der Typ in Uniform ist ein Schwein, kein Mensch. Und so haben wir uns mit ihnen auseinanderzusetzen. (...) Und natürlich kann geschossen werden."

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Erst nach langen Irrungen und Wirrungen fand ein Teil dieser hoch-politisierten Generation unter anderem über die Gründung der Grünen wieder zurück in das parlamentarische System und sorgte dort für das, was Habermas die "Fundamentalliberalisierung" der Gesellschaft nennt - nämlich gewaltige Emanzipationsfortschritte in allen Bereichen der Republik.

"Der Schuss auf Benno Ohnesorg schoss die Studenten aus der Gesellschaft hinaus - und von da ab konnte man über den Rasen laufen", brachte der Soziologe Niklas Luhmann die gesellschaftliche Entwicklung kalt auf den Punkt. Am Ende dieser Liberalisierung hatte sich auch der vormals so autoritäre Staatsapparat in weiten Teilen fundamental locker gemacht. Nicht zuletzt bei der Polizei zogen andere, liberalere Sitten ein. Heute setzt man in erster Linie auf Deeskalation und begegnet den Bürgerinnen und Bürgern wenn irgend möglich argumentativ und auf Augenhöhe - und nicht länger als Untertanen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 17.05.2020 | 19:00 Uhr

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