Stand: 04.04.2020 20:06 Uhr

Das war der NDR Thementag "Kultur trotz Corona"

von Peter Helling

Einen ganzen Tag für Kultur: Der NDR Thementag "Kultur trotz Corona" hat Künstlern und Künstlerinnen aus dem Norden eine Bühne im Kleinen gegeben - Abstandsregeln und Virenschutz inklusive. Ob Lesung, ob Chorgesang, Live-Konzert oder Kabarett: Alles war dabei, auf allen Wellen des NDR, im Fernsehen, Radio, online bei NDR.de: Hier sollte Kunst gezeigt und Mut gemacht werden in diesen Zeiten, in denen die Kultur im öffentlichen Raum sonst - notwendigerweise - schweigen muss.

Umwerfend frech, ironisch - und lässig: Die Gruppe LaLeLu dichtet bekannte Songs von Grönemeyer oder Max Raabe einfach auf Corona um, am Sonnabend live im Studio bei NDR Kultur. Das funktioniert deshalb so gut, weil es der Krise eine Spur Dramatik nimmt.

Theater aus dem Homeoffice

So ähnlich macht es derzeit der Film- und Theaterregisseur Leander Haußmann. Er inszeniert Molières Komödie "Der Geizige" mit Jens Harzer in der Hauptrolle fürs Hamburger Thalia Theater digital, aus dem Homeoffice. Das funktioniere "herrlich", sagt er. Er möchte mit seinem Stück die Menschen zum Lachen bringen, ganz einfach.

Kultur trotz Corona: Das "trotz" ist wichtig, sich nicht unterkriegen zu lassen - das spürt man bei allen Auftritten. Hier die Sopranistin Mercedes Arcuri von der Staatsoper Hannover.

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Screenshot: Kontrabassisten des NDR Elbphilharmonie Orchesters im Splitscreen. © NDR

Kultur trotz Corona - Mach mal laut

Die Sendereihe und Initiative soll norddeutschen Künstlern einen Platz einräumen, ihre Stimme zu erheben. mehr

Deren neue Intendantin Laura Berman muss gerade erleben, wie Corona ihre erste Spielzeit verhagelt. Aber von Niedergeschlagenheit? Kaum eine Spur: "Ich bin ein relativ optimistischer Mensch und versuch mich immer mit den Begebenheiten auseinanderzusetzen. Ich finde, das Schwerste ist, erstmal zu akzeptieren, wie es jetzt aussieht."

Viel Fantasie kommt hier an einem Tag zusammen: Zwölf junge Frauen von der Musikhochschule Lübeck haben zusammen - und doch meilenweit entfernt - aus 12 Wohnungen in unterschiedlichen Ländern: "Irgendwo auf der Welt" gesungen. Burkhart Klaußner versucht es mit Friedrich Hölderlin.

"Wir sind nicht schachmatt"

Und Stefan Gwildis steht im Wald bei Lüneburg, besingt das Meer - und sagt deutlich, wie er die Gesellschaft sieht: "Wir werden in Schach gehalten, aber wir sind nicht schachmatt, die Erde wird sich weiterdrehen, umso interessanter zu sehen, welche Charaktere sich jetzt schon in die Rettungsboote gesetzt haben, und was es für wunderbare Menschen sind, die im Unterdeck noch Hilfsbedürftigen unter die Arme greifen."

VIDEO: Stefan Gwildis singt "Hallelujah" im Wald (15 Min)

Das Deutsche Theater Göttingen war dabei, die Hamburger Clubszene auch, und Claudia Strenkert, Hornistin beim NDR Elbphilharmonie Orchester, hat das vorläufig letzte Konzert in der Elphi miterlebt: "Ich vermisse das außerordentlich, ich vermisse meine Kollegen, ich vermisse die Auftritte. Ich glaube, dass in diesem Moment des Innehaltens deutlich wird, wie wichtig Konzerte, die Kultur, die Musik für uns, für die Gesellschaft sind. Denn letztendlich ist sie ja eine Verbindung für die Gesellschaft, Klebstoff für uns alle, in der Region, in Deutschland, in Europa."

Künstler geraten in Not

Auch wenn die Corona-Krise derzeit erfinderisch macht, sie hat bekanntlich große Schattenseiten: Tausende freischaffende Künstler und Künstlerinnen im Norden sind in eine existentielle Krise geraten.

Der Sopranistin Hanna Zumsande brechen gerade jetzt, in der Passionszeit, viele Konzerttermine weg. Und damit wichtige Einnahmen. Ähnlich geht es Freischaffenden für Film und Fernsehen, Theaterschaffenden, Impro-Künstlern, bildenden Künstlerinnen. Viele von ihnen sind am Sonnabend zu Wort gekommen.

Monika Grütters ist zuversichtlich

Monika Grütters © imago Foto: Metodi Popow

AUDIO: Grütters will Notlage der Kulturschaffenden abfedern (5 Min)

In einem Interview erkennt Kulturstaatsministerin Monika Grütters den Ernst der Lage an, macht aber Mut: "Wir haben diese dichte Kulturlandschaft in Deutschland im vergangenen Jahrhundert sogar über zwei große Weltkriege hinübergerettet, und deswegen bin ich einigermaßen zuversichtlich, dass wir uns auch am Jahresende in einer blühenden Kulturlandschaft in Deutschland wiederfinden."

Und sie versichert: Die zugesagten Förderhilfe von Bund und Ländern für freie Kulturschaffende sei unbürokratisch - und ohne vorherige Vermögensprüfung - abrufbar. Manche Künstlerinnen und Künstler sind da allerdings skeptisch.

Kultur als Mittel gegen Einsamkeit

Trotzdem: Der NDR Thementag hat auf allen Radiowellen, online und im Fernsehen Lebensmut in die Häuser und Wohnungen gepumpt: Kultur ist ein gutes Mittel gegen Einsamkeit, ein Grundnahrungsmittel. Aber: Jedes Lebensmittel hat seinen Preis. Und beste regionale Kultur, fair angebaut, hoch- oder subkulturell, frei oder fest, sollte der Gesellschaft etwas wert sein. Dass es sich lohnt, hat dieser Thementag bewiesen.

VIDEO: Mercedes Arcuri singt "La Bohème" (2 Min)

 

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Jürgen Deppe © NDR Foto: Christian Spielmann

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 04.04.2020 | 11:30 Uhr