Stand: 05.12.2019 14:53 Uhr  - NDR 90,3

Das neue Leben von Ballettstar Carsten Jung

von Annette Matz

Was machen Ballett-Tänzer nach ihrer Karriere? Wie bei allen Leistungssportlern geht sie in der Regel früh zu Ende. Oft verabschieden sich Tänzerinnen und Tänzer schon von der Bühne, wenn andere beruflich gerade erst richtig durchstarten. Viele sind erst Anfang 30 und müssen aufhören, weil der Körper nicht mehr mitmacht. Wie geht es dann weiter? Welche neuen Berufschancen gibt es? Wie tief ist der Fall? Der Hamburger Ballettstar Carsten Jung hat sich nach fast 25 Jahren in diesem Sommer vom Hamburg Ballett verabschiedet. Er hat lange durchgehalten. Jetzt - mit 44 Jahren - muss er sich beruflich neu erfinden.

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Das Stück "Liliom" schrieb John Neumeier für Carsten Jung (links) - hier zusammen mit Lloyd Riggins in der Hamburgischen Staatsoper.

Carsten Jung war so etwas wie der Baryshnikov vom Hamburg Ballett. Er hat große Rollen getanzt in dieser weltbekannten Compagnie. Ihr berühmter Chef, Ballettintendant John Neumeier, hat den "Liliom" für ihn kreiert. Sein "Peer Gynt" war sensationell. Das Publikum an der Hamburgischen Staatsoper verehrte den Ballettstar. "Bis zum Ende meiner Karriere war ich immer glücklich, neue Rollen zu tanzen. Ich wollte immer gern auf der Bühne sein", sagt Carsten Jung.

2012 kommen Carsten Jung erste Zweifel

Doch zwischendurch kamen Zweifel: Als er 2012 in der Wiederaufnahme von "Peer Gynt" noch einmal die körperlich außerordentlich anspruchsvolle Hauptrolle tanzen sollte, habe er Angst gehabt, das nicht zu schaffen. John Neumeier habe ihm die Hand auf die Schulter gelegt und ihm Mut gemacht: "Du schaffst das", sagte Neumeier. Und so war es. Doch der Wille reichte irgendwann nicht mehr aus. Nach einem Bänderriss dauerte seine Regeneration lange. Ein Zurückkommen ohne Schmerzen wurde immer schwieriger. Irgendwann kam die Entscheidung, zu gehen.

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Carsten Jung als "Peer Gynt". 2012 kommen ihm Zweifel, ob er der körperlich anspruchsvollen Hauptrolle noch gewachsen ist.

Fast fünf Monate ist es jetzt her, dass sich Carsten Jung von der Bühne verabschiedet hat - im Juli, bei der "Nijinsky Gala" an der Hamburgischen Staatsoper. Carsten Jung ist in Gotha in Thüringen geboren. "Zu meiner Überraschung kam sogar der Bürgermeister Gothas zu meiner letzten Vorstellung", erzählt Jung.

Die Suche nach einer beruflichen Alternative

Erfolgreiche Tänzer waren meistens schon als Kinder in einer Tanzausbildung. Bei Carsten Jung war das auch so.  Mit zehn Jahren begann er seine Ausbildung an der Palucca Schule in Dresden, er tanzt also seit 34 Jahren. Und jetzt? Es gibt kein tägliches Training mehr, keine Vorstellungen, kein Theaterleben. In seinem Alltag heißt es jetzt nach beruflichen Alternativen zum Tanz suchen - im Netz, über Freunde oder das Arbeitsamt. Carsten Jung macht das mit erwachsener Geduld und großer Offenheit. Er hat keine Scham, dass jetzt erst mal nichts läuft. Er ist eher stolz, den richtigen Zeitpunkt fürs Aufhören gefunden zu haben.

Medizinische Betreuung ermöglicht längere Tanzkarrieren

"Was anderes habe ich nicht gelernt", das hört man von Tänzern oft. Wenn sie tanzen, tanzen sie und kümmern sich um nichts anderes. Manche Karrieren dauern nur zehn Jahre: In einer früheren Erhebung in England hieß es, Tänzer und Tänzerinnen seien im Durchschnitt 28 Jahre alt, wenn sie aufhören. Das Alter ist inzwischen wohl etwas nach oben gegangen. Die medizinische Betreuung ist besser und oft sind gelenkschonende Schwingböden in den Opernhäusern eingebaut. 

Stiftung Tanz betreut Tänzer nach dem Karriereende

Früher war es kaum ein Thema, was Tänzer nach der Karriere tun können. Seit zehn Jahren gibt es die Stiftung Tanz mit Sitz in Berlin. Im Jahr lassen sich etwa 600 Tänzerinnen und Tänzer dort beraten, die meisten sind zwischen 30 und 34 Jahre alt. Dort finden sie, wenn sie ihren Beruf nicht mehr ausüben können oder wollen, ein offenes Ohr - auch bei Ulrike Schmidt, Betriebsdirektorin beim Hamburg Ballett und im Vorstand der Stiftung Tanz: "Erst mal muss man dem Tänzer vermitteln, dass man auch woanders diese Erfüllung wie im Tanz erleben kann, dass etwas anderes auch Freude machen kann", sagt sie. Zumindest finanziell gibt es eine Absicherung: Alle Tänzer beim Hamburg Ballett haben eine Versicherung für die Rente, die sie sich unter bestimmten Konditionen auch auszahlen lassen können und die so als Start in eine neue Karriere helfen kann.

"Ein Bürojob wäre jetzt nicht so das Ideale"

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Auch im wahren Leben ein Paar: Helene Bouchet und Carsten Jung bei Proben zum Stück "Tatjana".

Etwa einmal die Woche geht Carsten Jung immer noch zum Training ins Ballettzentrum John Neumeier. Und wie früher guckt er immer noch auf den Probenplan, der im Gang zu den Garderoben hängt. "Ein Automatismus", sagt er, obwohl er weiß: Sein Name steht nicht mehr drauf. Jetzt heißt es auch für ihn - sich beruflich neu zu orientieren - eine Herausforderung, bei aller mentalen Stärke. "Ich möchte gern in die Schauspielerei", sagt Carsten Jung. "Aber das ist natürlich nicht so einfach." An den Wochenenden macht er derzeit eine Basis-Ausbildung zum Fitness-Trainer. "Ein Bürojob wäre jetzt nicht so das Ideale", meint der 44-Jährige.

Auch seine Partnerin, Helene Bouchet, ist eine bekannte Tänzerin und schon viele Jahre als Erste Solistin beim Hamburg Ballett. Sie geht weiter jeden Tag zum Training, steht auf der Bühne. Beneidet er sie darum? "Nein", sagt Carsten Jung. "Ich habe eine erfüllte Karriere gehabt."

Ballettänzer Carsten Jung  Foto: Kiran West

Ballettstar Carsten Jung erfindet sich neu

NDR Kultur - Kulturjournal Spezial -

Das zweite Leben nach seinem Bühnenabschied: Ballettstar Carsten Jung erzählt davon, wie er sich nach fast 25 Jahren bei Hamburg Ballett beruflich neu erfindet.

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