Stand: 15.11.2019 16:14 Uhr

"Das Unterland ist ein Ort des Schreckens und des Wunders"

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Robert Macfarlane forscht und lehrt an der University of Cambridge.

Mehr als 300 Bücher hatten die Verlage für den NDR Kultur Sachbuchpreis eingereicht, nun steht der Gewinner fest. Es ist der britische Schriftsteller Robert Macfarlane. Ausgezeichnet wird er für sein Buch "Im Unterland. Eine Entdeckungsreise in die Welt unter der Erde", das Andreas Jandl und Frank Sievers ins Deutsche übersetzt haben. Ein Buch, so lobte die Jury des Preises, das nicht nur eine herausragende narrative Kraft besitzt, sondern eine besondere Ausstrahlungskraft hat, weil der Betrachtungswinkel so interessant ist, aus dem man heraus das Thema Umwelt, Natur, Schöpfung, Bewahrung beleuchten kann. Denn dieser Betrachtungswinkel kommt von unten. Macfarlane, der an der University of Cambridge forscht und lehrt, ist in die Welt unter unseren Füßen gereist, zu unterirdischen Flüssen, in wissenschaftliche Labore unter dem Meer, in Höhlen, Grotten, Katakomben.

Herzlichen Glückwunsch, Robert Macfarlane, zum NDR Kultur Sachbuchpreis!

Robert Macfarlane: Ich freue mich sehr darüber, dass ich diesen Preis gewinne - und besonders freut es mich, dass am Vorabend des Brexit, der uns ja wahrscheinlich bevorsteht, ein britischer Autor mit seinem Buch solche Aufmerksamkeit erfährt in Deutschland. Meine Reise hat vor fast 20 Jahren begonnen, als ich über die Höhe, über Berggipfel geschrieben habe, über die Alpen, den Himalaja - und über die Faszination, die sie auf Menschen ausüben. Und jetzt, viele Jahre später, habe ich mich tief im Inneren der Erde wiedergefunden.

Es gab dabei ein Jahr, das für Sie ganz besonders wichtig war, dass sozusagen den endgültigen Anstoß zu diesem Buch gegeben hat. Das war das Jahr 2010.

Robert Macfarlane © Bryan Appleyard

NDR Kultur Sachbuchpreis geht an Robert Macfarlane

NDR Kultur - Das Gespräch -

NDR Kultur Sachbuchpreisträger Robert Macfarlane über sein Buch: "Im Unterland" - Eine Entdeckungsreise in die Welt unter der Erde

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Macfarlane: Das stimmt. 2010 war, wenn man so will, ein "Unterland-Jahr": Es gab das Erdbeben in Haiti, die Deepwater Horizon-Katastrophe im Golf von Mexiko, es gab den Ausbruch des isländischen Vulkans, der in ganz Europa und in Nordamerika den Flugverkehr lahmgelegt hat - und dann passierte im Sommer das Grubenunglück in der chilenischen Gold- und Kupfermine unter der Atacama-Wüste; zum Glück konnten alle Bergleute nach zwei Monaten aus der Tiefe und aus der Gefahr zurückkehren. Ich fand es in diesem Jahr 2010 sehr schwer, nicht darüber nachzudenken, was unter uns liegt und was passiert, wenn etwas aus der Tiefe an die Oberfläche dringt.

Die Reise in die Unterwelt ist mit Gefahr verbunden. Mit Angst. Die Geschichten, die von solchen Reisen erzählen, die Geschichten von Orpheus, von Aeneas, von Persephone sind selten glückliche Geschichten. Es ist ein Ort, der für die meisten Menschen sehr fremd ist. Sie zitieren in Ihrem Buch zahlreiche Schriftsteller und Dichter, zum Beispiel Rainer Maria Rilke. In seinem 17. Sonett an Orpheus heißt es "Zu unterst der Alte, verworrn, all der Erbauten Wurzel, verborgener Born, den sie nie schauten." Eine Welt also, die wir uns nie anschauen, obwohl sie doch nur wenige Meter unter unseren Füßen liegt.

Macfarlane: Genau, das ist das wunderbare und zugleich beunruhigende Paradox der Unterwelt: Es beginnt da, wo unsere Sicht üblicherweise endet. Wir können nach oben schauen und Billionen von Meilen ins Weltall sehen - aber wenn wir nach unten blicken, dann sehen wir nur unsere Füße auf der Erde. Darunter aber gedeiht ein Mysterium, im besten Fall ein Wunder, im schlimmsten Fall ein Schrecken. Wir bewegen uns nach unten durch den Boden - in eine Sphäre, die wir erst beginnen zu verstehen. Sie ist bevölkert von erstaunlichen Organismen, von Symbiosen, von Bäumen, die miteinander sprechen, in einem Wald. Wir bewegen uns durch das Gestein, wir gehen zehn Kilometer tief hinunter - wo immer noch das Leben blüht, wo es mikrobisches Leben gibt und erstaunliche Mengen von Biomasse und Vielfalt. Während wir weiter in die Tiefe gehen, passieren wir von Menschen geschaffene Stätten für die sichere Lagerung von Gütern oder Abfall. Und dann entdecken wir die volle Kraft der Geologie, die die Menschheit gewissermaßen wachgerüttelt hat. Jetzt, wo wir in das Anthropozän eingetreten sind - also das wesentlich vom Menschen beeinflusste Zeitalter -, erleben wir, wie das Geologische und das Anthropologische sich verknäuelt haben, in Konflikt geraten sind.

Das heißt also, Sie haben auch in dieser Tiefe sehen können, dass sich die Welt dort durch unseren menschlichen Einfluss verändert?

Buchtipp

Die unheimliche Welt unter der Erde

Das Buch "Im Unterland" des britischen Schriftstellers Robert Macfarlane hat bereits einige Preise gewonnen. Nun hat Macfarlane dafür auch den diesjährigen NDR Kultur Sachbuchpreis bekommen. mehr

Macfarlane: Als ich mit dem Buch begonnen habe, dachte ich, dass das Thema mit dem Menschen nichts zu tun hat. Damit lag ich komplett falsch. Ich habe entdeckt, dass die Unterwelt natürlich mit den Menschen verwoben ist und auf zwei Wegen mit unserer Welt interagiert: Zum einen schaffen wir Strukturen da unten, weil wir wissen, dass dort ein Ort ist, der uns etwas liefert und der uns beschützen kann. Zum anderen entsorgen wir dort viele Dinge. Wir bekommen Mineralien aus der Erde, Rohmaterialien, aus denen wir unsere Oberwelt gebaut haben. Wir haben insgesamt 50 Millionen Kilometer Bohrlöcher in den Erdboden gebohrt, um nach Öl zu suchen und es zu fördern. Wir entsorgen unseren nuklearen Abfall unter der Erde, auch davon handelt das Buch. Aber wir bringen ebenso das unter die Erde, was uns besonders viel wert ist: Archive, Gemälde und andere Wertsachen - und natürlich auch unsere Toten.

Zu diesen Orten zu gelangen ist nicht besonders leicht, ansonsten würden es viel mehr Menschen machen. Es ist oft gefährlich, dunkel, eng - man darf nicht gerade unter Klaustrophobie leiden, oder?

Macfarlane: Ich leide ein bisschen darunter, wie wir alle wahrscheinlich. Es gab einige Orte, die ich erforscht habe - die Katakomben von Paris etwa -, wo Klaustrophobie keine Option war. Etliche Menschen, die mein Buch gelesen haben, sagen: Ich konnte zwischendurch nicht weiterlesen. Darüber freut sich ein Autor normalerweise nicht - aber mich hat es gefreut, weil ich eine Wirkung erzielt habe, und weil die Leser irgendwann weitergelesen haben. Klaustrophobie ist eine sehr starke Erfahrung - und ich habe mich wirklich an erstaunlichen Orten wiedergefunden: tief im Bauch eines Gletschers im Osten Grönlands, wo ich mich einen Sommer lang mehrere Wochen aufgehalten habe. Im selben Sommer, als der Gletscher in bisher unbekanntem Tempo geschmolzen ist. Im selben Sommer, als die zuständige Arbeitsgruppe empfohlen hat, vom Zeitalter des Anthropozäns zu sprechen. Ich habe mich sozusagen wie an vorderster Front gefühlt.

Dieses Bewusstsein vermittelt sich auch in Ihrem Buch. Es ist also nicht nur ein Buch über Natur, es ist auch sehr politisch. Glauben Sie daran, dass Nature Writing die Macht hat, ein Bewusstsein zu wecken, dass wir unser Verhalten im Umgang mit der Natur ändern müssen?

Macfarlane: Ja, das tue ich. Ich will nicht übertreiben, aber ich wollte ein dunkles Buch über die Natur und die Naturgeschichte schreiben, dass in dieses Zeitalter des Anthropozäns passt - um Veränderungen zu erreichen. Als das Buch erschienen ist, gab es die Schulstreiks fürs Klima, die Aktionen von "Extinction Rebellion", die "Sunrise Movement" in den USA. In diesem Moment realisiert die Politik, dass auch sie in der "tiefen Zeit" denken muss - realisieren wir, dass die Erde nicht ruht, dass sie verwundbar ist. Langsam handeln wird danach. Mein Buch "Im Unterland" kommt genau in diesem Moment an die Oberfläche - obwohl das Unterland vor vier Milliarden Jahren begonnen hat.

Das Gespräch führte Jan Ehlert

 

Weitere Informationen

Lebendig gemachte Natur-Gedichte

Schwer zu sagen, was schöner ist: die feinen Illustrationen voller Naturliebe von Jackie Morris oder die Verse von Robert Macfarlane in seinem Buch "Die verlorenen Wörter". mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Das Gespräch | 16.11.2019 | 18:00 Uhr

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