Eine Schutzmaske fliegt über einen Deich mit Leuchtturm. (Symbolbild) © photocase.de/panthermedia Foto: ts-fotografik.de,  Gemini13

Das Strategiespiel: Was nun, Corona?

Stand: 05.03.2021 17:24 Uhr

Wir haben viel gelernt seit März 2020. Dass eine Pandemie in Wellen kommt. Dass man nicht erst handelt, wenn die Zahlen nach oben ziehen. Wer Corona besiegen will, muss eine Strategie formulieren.

Eine Schutzmaske fliegt über einen Deich mit Leuchtturm. (Symbolbild) © photocase.de/panthermedia Foto: ts-fotografik.de,  Gemini13
Beitrag anhören 11 Min

von Martin Tschechne

Manche Ereignisse sind zu groß, um sie wirklich zu erfassen. Zu groß, zu sperrig, zu schrecklich in ihren Konsequenzen. Nur gut, dass die Mechanismen der Wahrnehmung darauf eingestellt sind: Sie filtern die Information, blenden aus, nehmen dem Schrecken die Spitze und errichten so etwas wie einen mentalen Schutzwall. Sonst drohen Verwirrung, Überforderung, am Ende Panik. Die Symptome sind täglich zu erleben.

Historiker Christopher Clark über den Katastrophenfall

Der Beginn des Ersten Weltkriegs war so ein Ereignis. Christopher Clark hat eine sehr passende Metapher dafür geprägt: Wie Schlafwandler, so schrieb der Historiker vor einigen Jahren, seien Politiker, Militärs und ihre begeisterten Anhänger damals, 1914, in die Katastrophe getaumelt. Mit offenen Augen, aber blind für das, was da vor sich ging. Das Resultat: 18 oder 20 Millionen Tote, je nach Statistik auch mehr.

Weitere Informationen
Eine Frau trägt eine Atemschutzmaske © picture alliance / Frank May Foto: Frank May

Corona: Ein Virus als epochales Ereignis?

Lässt sich heute bereits einschätzen, welche historische Tragweite die Corona-Pandemie haben wird? Gedanken von Herfried Münkler. mehr

Wie es aussieht, hat Clark ein Muster erkannt, eine Konstante, die auf politisches Handeln ebenso zutrifft wie auf die Reaktion des Einzelnen im Angesicht einer Katastrophe. Wer sich nämlich den Ausbruch der Corona-Pandemie Ende 2019 ins Gedächtnis ruft, der könnte ganz ähnliche Merkmale einer Lähmung im Sehen und Begreifen erkennen. Auf allen Ebenen der Gemeinschaft, bei den Regierenden wie den Regierten.

Fast drei Monate vergingen zwischen der zunächst eher beiläufig verbreiteten Meldung, dass auf einem Wildtiermarkt im chinesischen Wuhan ein für Menschen äußerst bedrohliches Virus aufgetaucht sei - und dem im folgenden Frühjahr veröffentlichten Kommuniqué der Weltgesundheitsorganisation, dass Covid-19 sich ohne nennenswerten Widerstand bis in den letzten Winkel der Erde ausgebreitet habe. Man habe es also mit einer Pandemie zu tun. Und müsse, um Himmels Willen, endlich mit einer robusten Strategie reagieren.

Öffnungsstrategie, Impfstrategie, Teststrategie

Dieser Moment des schreckhaften Erwachens aber wiederholte sich! Genau ein Jahr später, im Dezember 2020, als mitten in der zweiten Welle der Pandemie Mutanten des Virus auftauchten, noch bösartiger als das Basismodell, und alle Hoffnung auf ein baldiges Ende der Not platzen ließen. Wieder drängte sich das Bild des Schlafwandlers für die Netto-Reaktion einer Gesellschaft auf, die alle Signale überhört hatte, ausgeblendet, weggefeiert, und zum Ausgleich jede Menge dröhnenden Sachverstand präsentierte: Öffnungsstrategie, Impfstrategie, Teststrategie, Strategie-Ergänzung. Es wird eng werden im Kampf um die pompöseste Worthülse des Jahres.

Solches Spiel ist gefährlich, denn es verwischt die Dimensionen. Die Sorge ums Auskommen, der Alltag mit Kindern in der Zweizimmerwohnung, der erzwungene Verzicht auf den Urlaub irgendwo im Süden - jeder klagt, jeder hat seinen Anlass. Aber drei Straßen weiter ringen Intensivpatienten um Atemluft. Noch im Januar 2021 forderte Corona mehr als 1.000 Opfer pro Tag. Kliniken mussten ganze Stationen schließen, und immer noch sterben deutlich mehr Menschen als in normalen Jahren an einem zu spät erkannten Tumor oder einer Blinddarmentzündung. Wer geht schon vorsorglich zum Arzt, wenn draußen eine Seuche wütet?

Die dritte Welle droht

Die Quittung ist da. Über 70.000 Tote allein in Deutschland; die dritte Welle rollt. Neue Infektionsherde lodern auf - und es sind nicht mehr Saisonarbeiter auf dem Bau oder in der fleischzerlegenden Industrie, unter denen sich das mutierte Virus ausbreitet, sondern ganz normale Mittelständler und Kinder in der Kita.

Nun haben Bund und Länder ein paar beflügelnde Lockerungen beschlossen: Buchhandlungen und Gartencenter können vorsichtig öffnen, fünf statt bisher drei Freunde dürfen sich verabreden. Unterm Strich aber bleibt: Corona breitet sich aus. Der Inzidenzwert von 50 Neuinfektionen pro Woche ließ im Herbst noch die Alarmglocken schrillen - heute ist sie ein Traumziel. Also: Richtwert rauf auf 100, achselzuckend. So erklärt man seine Kapitulation.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 06.03.2021 | 13:00 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/Das-Strategiespiel-Was-nun-Corona,corona7014.html