Stand: 22.01.2018 15:53 Uhr

Lust am Polarisieren: Wohnzimmerkino in Hannover

von Agnes Bührig

"Lodderbast" - das ist calenberger Platt und bedeutet so viel wie "unordentlicher Mensch". Johannes Thomsen bekam es als Kind oft zu hören, wenn ihn seine Großmutter vom Spielen rief. Jetzt hat der Hannoveraner den Ausdruck zum Namen seines Kinos gemacht. Mit seiner Frau Wiebke Thomsen zeigt er dort Filme fernab des Mainstreams - auf knapp 40 Quadratmetern mit gerade einmal 20 Sitzplätzen.

Im "Lodderbast" herrscht vor dem Filmstart reger Betrieb. Wiebke Thomsen steht an der Theke im hinteren Teil des Raumes, der nicht größer als ein geräumiges Wohnzimmer ist. Die 35-Jährige nimmt Bestellungen für Popcorn, Bier und Schwarzbrotstullen entgegen, ihr Mann serviert. 20 Zuschauer haben auf bunten 50er-Jahre-Sesseln vor der sechs Meter großen Leinwand Platz genommen, um "Sharknado" zu sehen.

"Lodderbast": Filme, Stullen, kulturelle Diskurse

Johannes Thomsen: "Wir wollen polarisieren"

"Sharknado" ist Trash at its best: Aufgewirbelt von Tornados, fliegen Haie durch die Luft, landen und fressen, was ihnen vors Maul kommt. Eine Gruppe kampfesmutiger Helden fliegt ins Auge des Orkans und trotzt der Katastrophe mit Gasexplosionen vom Helikopter aus. Übertriebene Gewaltdarstellungen, ungeschickt geschnitten - dieser Film hat alles, was ein schlechter Film braucht, gibt Johannes Thomsen zu. Doch gerade der Bruch mit den Konventionen ist es, den die Kinobetreiber wollen, sagt Johannes Thomsen, der bereits als Journalist und Werbetexter gearbeitet hat: "Wir wollen polarisieren. Wir wollen nicht nur eindeutig gute Filme zeigen - sowas gibt es ja. Wir könnten jetzt die ganze Fritz-Lang-Palette rauf- und runterzeigen oder die Lumières, aber was uns wichtig ist, ist, dass auch mal streitbare Sachen dabei sind. Und 'Sharknado' ist so ein Ding."

Das "Lodderbast" will das junge Publikum anlocken

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Jeden Monat setzen die Betreiber des "Lodderbast" bei der Auswahl der Filme einen thematischen Schwerpunkt.

"Kuratiertes Kino" nennt Wiebke Thomsen, die in Berlin bereits ein Kiezkino betreibt, das, was das "Lodderbast" in Hannover anbietet. Jeder Monat bekommt in dem Hannoveraner Wohnzimmerkino einen thematischen Schwerpunkt, derzeit geht es um Mensch und Tier: Michael Keaton fliegt in "Birdman" durch die Häuserschluchten von New York, in Nicolette Krebitz' Drama "Wild" verliebt sich eine Frau namens Ania (Lilith Stangenberg) in einen Wolf. Junge deutsche Regisseure werden zudem ihre Filme persönlich präsentieren. Wiebke Thomsen, die in den letzten Jahren im Programmkino Kino am Raschplatz das Filmangebot mitgestaltet hat, will so auch jüngere Leute für den Film begeistern: "Ich habe mich immer gefragt: Wo sind eigentlich die Studenten, was machen eigentlich jüngere Leute, die kulturinteressiert sind? Die gehen nicht alle ins Cinemaxx und gucken Blockbuster. Sitzen die zu Hause - warum? Vielleicht kann es sein, dass gerade die Jüngeren mehr Lust haben, Filme in Originalsprache zu sehen? Auch dadurch, wie sie ihren Alltag verbringen, mit Seriengucken auf Englisch und so weiter?"

Ein Ort des kulturellen Austauschs

Bei "Sharknado" kann man auch ohne Englischkenntnisse der Handlung folgen. Gerade sägt sich der Held des Films mit einer Kettensäge aus dem Inneren eines Haifischs. Das vorwiegend junge Publikum johlt. Dieser Film eignet sich zum gemeinsamen Gucken bei selbstgemachter Limonade, danach noch ein gepflegtes Gespräch über die Frage, wie weit Trash gehen darf und kann. Denn das will das neue Wohnzimmerkino auch sein: ein Ort des kulturellen Austauschs und persönlichen Gesprächs mit dem Nachbarn, auch wenn der Abspann schon durch ist. Ein Konzept, das aufgeht. Das findet nicht zuletzt das Publikum an diesem Abend. "Es ist verdammt gemütlich, es riecht supergut, wenn man reinkommt, die Leute sind angenehm. Wir haben auch schon das nächste Mal reserviert", schwärmt eine Studentin. Ein anderer Zuschauer ergänzt: "Was ich wirklich faszinierend finde, ist, dass es so ein Aufleben eines Urprogrammkinos ist, wie ich es noch aus Studienzeiten kenne, vor 20, 25 Jahren, als es mit Programmkinos anfing."

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 22.01.2018 | 19:00 Uhr

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