Porträt der Autorin Patricia Highsmith. © picture alliance / Effigie/Leemage Foto: Effigie/Leemage

Das Grauen lauert überall: Patricia Highsmith zum 100. Geburtstag

Stand: 18.01.2021 19:18 Uhr

Heute wäre die amerikanische Schriftstellerin Patricia Highsmith 100 Jahre alt geworden. Alexander Solloch aus der NDR Kultur Literaturredaktion gehört zu ihren Bewunderern.

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Alexander Solloch, was liebst Du an Patricia Highsmith beziehungsweise warum sollten wir sie mehr als ein Vierteljahrhundert nach ihrem Tod lesen?

Alexander Solloch: Schlicht und einfach deshalb, weil sie wahnsinnig gut schreibt, weil sie dem Leser vom ersten Satz an schon das Gefühl gibt: Dieser Erzählerin kann ich mich anvertrauen, in diesem Werk kann ich wandeln, und hier will ich auch gar nicht mehr raus. Hier passiert etwas, auch mit mir, nichts Behagliches, durchaus Schlimmes, aber etwas, was ich in diesem Moment brauche, was mich weiterbringt. Bei Patricia Highsmith wird Lesen zur Hauptsache. Wann immer ich das Gefühl habe, eine Überdosis Gegenwartsliteratur zu mir genommen zu haben - dieses Überambitionierte, wo mit enormem rhetorischen Aufwand doch immer wieder dieselbe Familiengeschichte erzählt wird, dieses extrovertierte Ausstellen von im Schreibseminar antrainierten Erzählstrategien -, lese ich als Gegengift Patricia Highsmith, und dann geht es einem wieder ganz gut.

Wie schafft sie es denn, diese Räume zu schaffen, wo sich ein Leser wohlfühlt?

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Solloch: Es ist eine Sprache, die relativ schwer zu beschreiben ist. Ich versuche es mal, indem ich den Einstieg ihres ersten Romans "Zwei Fremde im Zug" zitiere:

"Der Zug jagte dahin in einem zornigen, unregelmäßigen Rhythmus. Dass man vorwärts kam, war kaum zu merken. Wie eine leicht geschüttelte braunrosa Decke wellte sich die Prärie. Je schneller der Zug fuhr, desto übermütiger tanzten die Wellenlinien." Patricia Highsmith

Damit beginnt die literarische Karriere von Patricia Highsmith. Und wie der Zug jagt auch die Sprache kaum merklich dahin: schmucklos, tonlos, leidenschaftslos. Diese Sprache kann man vor allem nur dadurch beschreiben, dass man erzählt, was sie alles nicht hat - keinen Tand, keinen großen Schmuck, keine Gefühligkeit. Gerade so entsteht ein Sog, von dem ich nicht wüsste, wie man ihm entkommen soll. Patricia Highsmith hat selbst gesagt: "Stil interessiert mich nicht im Mindesten." Mit dieser gedanklichen Grundlage ist sie eine der interessantesten Stylistinnen des 20. Jahrhunderts geworden.

In Europa hat sie damit viele Bewunderer gefunden. Sie war Amerikanerin, eine Vollblut-Texanerin, sie ist in New York aufgewachsen, hat später aber vor allem in Europa gelebt, in England, Italien, Frankreich und in der Schweiz. Hatte sie sich von ihrer eigenen Heimat entfremdet?

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Solloch: Das würde ich nicht sagen, weil Amerika in ihren Romanen immer sehr präsent ist. Ohne nachgezählt zu haben, würde ich behaupten, dass die meisten ihrer Geschichten in New York spielen. Und mit Sicherheit würde ich sogar behaupten, dass Highsmith lesen muss, wer wissen möchte, wie Amerikaner im 20. Jahrhundert gelebt und empfunden haben. Es ist eher so, dass sie den Amerikanern fremd wurde, weil sie ihnen vielleicht zu sehr auf die Schliche gekommen ist, ihren Verklemmungen, ihren Bigotterien, auch der Legende vom amerikanischen Traum, der bei Highsmith so leicht dekonstruiert wird, ohne dass sie irgendein Programm formulieren würde.

Ihr Schreiben ist eigentlich nur von einer Überzeugung geleitet: Das Grauen lauert überall; der Wahn kann dich jederzeit packen; vom Abgrund bist du immer nur einen Schritt entfernt. Und der Psychopath - das bist du und ich, das ist der Jedermann des 20. Jahrhunderts.

Einer dieser normalen Psychopathen ist Tom Ripley, eine ihrer bekanntesten Romanfiguren. Sie hat aber auch mehr als 20 andere Romane beziehungsweise Erzählungen geschrieben und den Lang-Essay "Suspense oder wie man einen Thriller schreibt". Und dann einen ganz ungewöhnlichen Roman: "Salz und sein Preis", die Geschichte einer lesbischen Liebe. Wo muss man dieses Buch im Highsmith-Kosmos verorten?

Solloch: Dieses Buch ist ein Solitär, aus teils formalen, teils inhaltlichen Gründen. Es ist ihr zweiter Roman und es ist der einzige, den sie unter Pseudonym geschrieben hat: Claire Morgan. Sie hat den Schleier erst ungefähr 40 Jahre später gelüfteten, ein paar Jahre vor ihrem Tod, weil sie, die selbst lesbisch war, als junge Frau nicht mit dem Inhalt dieses Romans identifiziert werden wollte. Er ist auch besonders, weil hier ausnahmsweise eine Frau im Mittelpunkt steht, Therese, die sich selbst damit überrascht, dass sie sich so leidenschaftlich in eine Frau verlieben kann. Es ist ein außergewöhnlich warmes, liebevolles, hoffnungsvolles Buch. Eine Hoffnung, die aus einem anfänglichen Verdruss entsteht: Sie weiß nicht, was dieser ganze Alltag soll, all diese Cocktailpartys, dieses Leben als Angestellte in einem Kaufhaus - und dann kommt die Liebe. Hier also Highsmith als eine Autorin, die auf sehr romantische, auch erotische Weise etwas zu erzählen hat, was nicht von Düsternis umrankt ist.

Ansonsten ist sie keine romantische Person - zumindest wird sie von außen als eher kühl beschrieben. Sie mochte Schnecken und fürchtete sich vor großer Gesellschaft. War sie ein seltsamer Mensch?

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Solloch: Einmal ist sie übrigens mit einer riesigen Handtasche zu einer Cocktailparty gegangen, darin zwei ihrer Schnecken, die sie wie Haustiere gehalten hat, und ein riesiger Salatkopf. Da hat sie also ihre Lieblinge mal ausgeführt. Das darf als gesichert gelten, dass sie Menschen nicht an ihrem Salat hätte knabbern lassen, sondern nur die geliebten Schnecken.

Es ist wohl sehr milde formuliert, wenn man sagt, dass sie ein seltsamer Mensch war. Und doch auch originell, denn in der Welt der Highsmith-Exegeten hat sich mittlerweile die Formulierung durchgesetzt: "Sie war nicht nett." Mit diesem Satz beginnt nämlich die große Highsmith-Biografie von Joan Schenkar, die vor fünf Jahren erschienen ist.

Beklemmend bei Highsmith ist, dass sie mit antisemitischen Beschimpfungen und Verwünschungen um sich geworfen hat - Beschimpfungen, die sich interessanterweise vor allem gegen ehemalige Liebhaberinnen richteten, von denen nicht wenige Jüdinnen waren. Aber in ihrem Werk wiederum spielt Antisemitismus überhaupt keine Rolle. Was sie selbst überforderte, woran sie litt, wie Verachtung und Selbstverachtung sich bei ihr in die Quere kamen - all das hat sie nicht in ihre Romane geschrieben, sondern in ihre Notizhefte. Auszüge aus den 8.000 hinterlassenen Seiten will Diogenes im Herbst veröffentlichen. Das wird dann sicherlich eine beklemmende Lektüre.

Das Interview führte Andrea Schwyzer.

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NDR Kultur | Journal | 18.01.2021 | 18:00 Uhr