Stand: 13.12.2019 14:35 Uhr

"Heimlich zum Einschlafen Beethoven gehört"

von Marcus Stäbler

Elf Jahre nach seinem Händel-Essay "Tumult und Grazie" hat sich der Autor Karl-Heinz Ott wieder einem musikalischen Thema gewidmet. Unter dem Motto "Rausch und Stille" ergründet er den Aufbruch und den neuen Ton, den Ludwig van Beethoven mit seinen Sinfonien anschlägt. Dieses Buch und die neun Sinfonien stehen am Samstagabend - am Beethoven-Tag auf NDR Kultur - im Zentrum der Sendung "Das Gespräch".

Zur Person: Karl-Heinz Ott
Karl-Heinz Ott © picture alliance Foto: Uwe Zucchi

Die emotionale Wucht von Beethoven

Der Autor Karl-Heinz Ott hat ein großes Faible für klassische Musik. In seinem Buch "Rausch und Stille" ergründet er den Geist Ludwig van Beethovens. mehr

Dabei erfahren die Hörer, dass Beethoven Otts heimliche Jugendliebe war. "Meine Mutter wollte mir das Musikhören verbieten, weil ich in der Schule so schlecht war", berichtet Ott. "Das hat dazu geführt, dass ich heimlich Musik gehört habe, mit meinem Dual-Plattenspieler. Der stand hinterm Bett und da habe ich so ziemlich jeden Abend zum Einschlafen mindestens eine bis zwei, wenn nicht gar drei Beethoven-Sinfonien gehört." Das Einschlafen fiel dem jungen Karl-Heinz Ott gar nicht so leicht, denn die Sinfonien rütteln einen ziemlich durch. "Beethoven geht natürlich durch alle Gefühlsdimensionen. Und zwar nicht auf leise Weise, sondern auf extreme Weise", findet Ott.

Grundlegend neues Verständnis von Musik

Beethovens Sinfonien fesseln den Hörer, sie fordern seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Das war ein völlig neues Phänomen. Bis etwa 1800 beschränkte sich die Musik weitgehend darauf, angenehm zu unterhalten. Mit Beethoven wandeln sich der Anspruch und das Verständnis von Musik grundlegend. Das ist eine zentrale Botschaft des Essays "Rausch und Stille" von Karl-Heinz Ott. "Ich versuche, das als roten Faden in dem Buch zu etablieren: dieses Reich des Unermesslichen, Unergründlichen und Ungeheuerlichen, wie es E.T.A. Hoffmann nennt. Er sagt ja, Haydn führe noch in grüne Haine, Beethoven führe ins Reich des Ungeheuerlichen."

Rousseau kritisiert instrumentale Werke

Und dieses Ungeheuerliche war vielen Zeitgenossen ziemlich unheimlich. Die reine Instrumentalmusik, ohne verständliche Worte und Texte komponiert, bekam plötzlich eine schwer erklärliche Macht über den Menschen. Das passte manchen einflussreichen Denkern überhaupt nicht. Der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau etwa hatte sich schon lange vor Beethovens Revolution gegen instrumentale Werke gewandt und gefordert: "Eigentlich sollte man diesen Unsinn einer Musik verbieten, in der die menschliche Stimme nicht mehr vorkommt und die uns gar nicht sagt, was sie will. Sie bringt uns durcheinander, sie wühlt uns auf, sie entführt uns in irgendwelche Bereiche, ohne das wir wissen, warum sie uns entführt und wohin sie uns entführt und was das Ganze soll!"

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Lächelnde Beethoven-Statuen, ein Kunstwerk des Konzeptkünstlers und Bildhauers Ottmar Hörl, stehen auf dem Münsterplatz in Bonn. © dpa Foto: Rolf Vennenbernd

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 14.12.2019 | 14:40 Uhr