Stand: 16.04.2020 15:29 Uhr  - NDR Info

Das Corona-Archiv der Hamburger Uni - Ein Abbild der Krisenzeit

von Peter Helling

Die Corona-Krise fordert jeden und jede von uns: Angst vor Ansteckung, Angst vor Jobverlust, Langeweile, Einsamkeit, manchmal aber auch Freude über die gewonnene Zeit. Die Gesellschaft ist im Dauerstress. Aber Stress macht manchmal kreativ. Nur wer hält all das fest, die Momente der Hoffnung, der Freude? Das ganz Alltägliche der Corona-Krise? Eine Gruppe Historiker hat sich genau das vorgenommen. Sie haben ein digitales Corona-Archiv entwickelt.

Was wird bleiben von der Corona-Krise? Vom Kontaktverbot? Den Einschränkungen des täglichen Lebens? Das allabendliche Applaudieren um 21 Uhr für Ärzte- und Pflegepersonal? Oder das Nähgeräusch beim Herstellen einer Atemmaske? Vielleicht auch einfach das: die Stille. Ein Schwenk mit dem Smartphone über den menschenleeren Gendarmenmarkt in Berlin - am helllichten Tag und bei bestem Touristenwetter, Vogelgezwitscher. Was bleibt?

"Wir müssen für uns entscheiden, was wir wichtig finden, woran wir uns erinnern wollen, um das Hier und Jetzt zu gestalten", meint Thorsten Logge. Der Professor für Geschichte und Öffentlichkeit an der Universität Hamburg ist einer der Initiatoren des digitalen Corona-Archivs. Die Idee kam ihm Ende März zusammen mit Kollegen der Universitäten Bochum und Gießen.

Jeder kann mitmachen

Drei Tage später stand die Software, konnte das System hochgefahren werden, seitdem wird gesammelt: kleine Sound- und Videoschnipsel, Fotos von Alltagsgegenständen, Alltagssituationen. Oft mit geografischen Angaben. Die geschlossene Eisdiele, das fast leere Brotregal, der solidarische Aufruf an der Wand. Corona-Alltag aus dem ganzen Land. Und: Jeder und jede kann ihn dokumentieren - einfach hochladen.

"Was wir zur Verfügung stellen", erklärt Thorsten Logge, "ist eine zentrale Datenbank, wo wir alles reinstellen können. Wir sammeln ja nicht aktiv, wir sind ja nicht unterwegs wie der Kurator eines Museums, der zu bestimmten Themen etwas sucht, sondern wir sagen, hier ist eine Sammelbox, werft etwas hinein!"

Ein Foto zeigt einen Abreißkalender: der 14. April. Ein Achtjähriger hat krakelig darauf geschrieben: "alles zwecklos". Bis heute wurden rund 660 Objekte digital eingeworfen. Von der großen Resonanz waren Thorsten Logge und sein Team überrascht - und sie sind es immer noch. Sieben bis acht Studierende sortieren mittlerweile ehrenamtlich mit, das Kernteam besteht aus vier Wissenschaftlern. Und das Team wächst, denn scheinbar spricht das Konzept die Menschen an. Später könne man dann zurückschauen und sehen, was los war. Was davon dann interessant ist, das könne man heute noch nicht sagen, merkt Logge an.

Ein Abbild der Krisenzeit

Exponat aus dem digitalen Corona-Archiv an der Hamburger Universität: Schlange vor dem Supermarkt  Foto: MSF
Lange Schlange vor dem Supermarkt am Mittwoch vor Ostern.

Vielleicht Saxofonistin Anne La Sastra? Sie spielt auf der leeren Tanzfläche eines Clubs auf der Hamburger Großen Freiheit. Fotos von leergehamsterten Klopapierregalen? Die kämen immer noch vor, aber weniger als zu Beginn der Pandemie. Stattdessen: Distanz, Leere, Einsamkeit und: leere Plätze. "Ich wohne im Hamburger Schanzenviertel", so Logge, "hier ist ja eigentlich recht viel los, und jetzt haben wir aktuelle Fotos, dass hier überhaupt gar nichts los ist."

Alles was mit Corona zu tun hat, kann hochgeladen werden. Ausnahmen sind Werbung oder strafrechtlich Relevantes. Der Historiker Thorsten Logge und sein Team wollen ein Abbild dieser Krisenzeit festhalten. Geschichte wird eben nicht - oder sagen wir nicht nur - in den Kanzlerämtern, präsidialen Palästen oder vor blinkenden Dax-Kurven gemacht. Geschichte sind wir alle. Schon jetzt. "Wir handeln in der Gegenwart! Geschichte schreiben Historikerinnen immer über die Vergangenheit, das heißt, was wir machen können, ist jetzt Spuren hinterlassen oder Quellen hinterlegen. Denn wir haben behördliche Dokumente, wir haben Mediendokumente, und wir haben hier Alltagsdokumente in diesem Corona-Archiv liegen", stellt der Historiker fest.

Es geht um das Normale

Ein Foto zum Beispiel zeigt eine Rolle Toilettenpapier. Das Besondere: Sie ist aus Marzipan - eine Bielefelder Konditorei stellt sie mittlerweile her. Thorsten Logge wagt für die Sammelaktivität eine Prognose: "Ich glaube, was jetzt in der nächsten Zeit spannend werden kann, ist die Frage, wie lange halten wir das jetzt noch gut aus, werden die Leute irgendwann genervt, und wollen sie das Genervtsein dokumentieren?"

Hefe scheint ja derzeit so was zu sein wie das Klopapier gestern! Pures Corona-Gold, dauernd weggehamstert. Ein Foto aus München zeigt sie in einem prall gefüllten Plastikbeutel. Ob anonymisiert oder nicht, mit Klarnamen oder ohne: Es geht um das ganz Normale. Selbst das hundertste Foto eines leeren Spielplatzes sei also noch willkommen, verspricht Thorsten Logge.

Der Zettel im Hausflur mit dem Hilfsangebot an ältere Menschen? Gestern vielleicht lebensrettend, heute schon im Müll - und morgen? Ein kleines Stück Geschichte. Wenn Thorsten Logge einmal in die noch trübe Kristallkugel schaut, wünscht er sich für die Zukunft, beim Blick in dieses Archiv: "Dass wir vielleicht nochmal diskutieren, ob nationalstaatliche Lösungen wirklich die besten Lösungen sind. Was ich mir auch wünsche: Dass wir darüber reden, wie solidarisch sind wir miteinander umgegangen in dieser Zeit und auf welcher Ebene ist das passiert?"

Selbst mitmachen

Das Corona-Archiv: ein Puzzle aus Mitmenschlichkeit, aus Humor - auch der Verzweiflung und manchmal der Anklage. Banales. Liebevolles, Schräges. Es sind Erinnerungssplitter eines rasenden Stillstands. Wer selbst ein Foto, ein Video oder eine Sounddatei für die Nachwelt erhalten will: Einfach auf die Internetseite des Corona-Archivs gehen. gehen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 16.04.2020 | 09:55 Uhr

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